Mit der Fitnessuhr und dem Chatbot zu mehr Muskeln: Wie sinnvoll ist der Einsatz von KI im Fitnessstudio?

Immer mehr Menschen gehen ins Fitnessstudio. Bei der Trainingsplanung und der Analyse kommt vermehrt KI zum Einsatz.

Isabelle Pfister29.10.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Wenn der KI-Assistent zum Coach wird: Immer mehr Menschen setzen in ihrem Training Fitnesstracker ein.

Wenn der KI-Assistent zum Coach wird: Immer mehr Menschen setzen in ihrem Training Fitnesstracker ein.

Andrey Popov / Getty

Sandro Krattiger hat schon 300 Personen stärker gemacht. Er ist Personal Trainer, er berät und begleitet Bodybuilder und andere Menschen, die im Fitnessstudio Fortschritte machen wollen. Er sagt: «Es war noch nie so einfach, an Informationen zu kommen.»

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In der Schweiz organisieren immer mehr Menschen ihren Freizeitsport selber. Rund jede fünfte Person besitzt ein Fitnessabonnement – erstmals sind mehr Schweizerinnen und Schweizer Mitglied in einem Fitnesscenter als in einem Sportverein. Das geht aus der Studie «Sport Schweiz 2026» hervor, die im vergangenen August veröffentlicht wurde.

Zugenommen hat auch, dass jedes Training mit Uhren, Ringen oder Pulsgurten gemessen wird. Für die Analyse dieser Leistungen greifen die Schweizerinnen und Schweizer entweder auf einen Personal Coach wie Krattiger zurück – immer mehr aber auch auf Chatbots und künstliche Intelligenz. Trotzdem hat Krattiger keine Angst, dass seine Klientel ihn irgendwann durch KI ersetzt. Er sagt: «Trotz KI kommen viele Leute nicht weiter.»

Fehlendes Know-how sei aber gar nicht das Problem. Dank dem Internet steht Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportlern ein immenses Wissen zur Verfügung. Für Krattiger ist ein anderer Aspekt entscheidender. Und den ersetzt die KI nicht: Rechenschaft. «Wenn man der KI drei Wochen lang nicht schreibt, ist ihr das egal. Einen Coach bezahlt man, damit er nachfragt.»

Die Trainings- und Ernährungspläne für seine Kunden erstellt er selbst, wobei das nur rund zehn Prozent seines Jobs ausmacht. «Als Fitnesscoach bin ich für viele eine der engsten Bezugspersonen. Ich fange Menschen auf. Jobverlust, Beziehungsprobleme – das kann alles eine Rolle spielen, wenn es auch im Sport nicht so gut läuft.»

Krattiger glaubt, dass viele Sportler den Faktor Geduld unterschätzen. Wenn nach zwei Wochen Training noch keine Unterschiede spür- oder sichtbar sind, spuckt einem der Chatbot auf Nachfrage einen neuen Trainingsplan aus. Dabei entstehe der Traumkörper nicht innerhalb von Tagen und Wochen, sondern über mehrere Monate hinweg. «Geduld ist bei den wenigsten Menschen eine Stärke», sagt Krattiger.

KI spezifisch für den Sport trainieren

Für Martin Rumo ist KI-Coaching im Sport die Zukunft. Er ist verantwortlich für den neuen Bachelor in Data Science & AI for Sports an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Nebenbei hat er ein Startup gegründet, das sich mit KI-Coaching im Sport befasst. Er sagt: «KI kann Muster lernen und so zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Impulse geben.» Das kann zum Beispiel der Zeitpunkt einer Benachrichtigung sein, die einen zum Sport auffordert. Oder auch die Art und Weise, wann und wie man Feedback zu einem Training erhält.

Dabei ist entscheidend, um welche Art von KI es sich handelt und wie der Freizeitsportler oder die Freizeitsportlerin diese nutzt. In der Hinsicht vertritt der Wissenschafter Rumo dieselbe Meinung wie der Fitnesscoach Krattiger: Informationen sind genug vorhanden, Anleitung und Beratung sind das Problem. Dieses Problem möchte Rumo mit einer eigenen KI lösen.

Bekannte KI-Chatbots wie Chat-GPT lernen mit öffentlich zugänglichen Informationen. Wenn Chat-GPT nach einem Trainingsplan für eine 30-jährige Frau gefragt wird, generiert die KI einen Plan basierend auf dem Mittelwert aller verfügbaren Informationen zu diesem Thema – unabhängig von Fitnessstand, Zyklusphase und Lebensumständen der Frau.

Viele Menschen nutzen heute schon Chatbots als persönliche Berater, laut einer Studie einer deutschen Krankenkasse rund 75 Prozent der Bevölkerung. Reflektierten die Hobbysportlerinnen ihre Leistungen und Gemütszustände mit einer spezifisch nur auf ihre persönlichen Informationen ausgerichteten KI, so könne diese den Kunden ganzheitlich und personalisiert beurteilen wie ein Personal Coach , sagt Rumo. Die Handlungsempfehlungen basierten dann auf den eigenen Daten und seien keine statistischen Berechnungen eines Mittelwerts.

Er setzt dabei auch auf die Anwendung von Computer-Vision, also auf die Bewegungsanalyse der KI mittels Bild- und Videoaufnahmen. Schon heute lassen sich mit gängigen Smartphones solche Analysen erstellen, die KI analysiert zum Beispiel die gefilmte Kniebeuge und meldet zurück, ob die Ausführung korrekt war.

Ziel von Rumos Startup ist, personalisiertes Coaching, das sonst vor allem Spitzenathleten zugänglich ist, für alle erschwinglich zu machen. Computer-Vision und spezifisch trainierte Chatbots sind für ihn die wichtigsten Hebel, bei welchen der Einsatz von KI die Kosten senken und somit das Coaching für eine breitere Interessengruppe zugänglich machen kann. Denn die KI kostet weniger als ein Personal Coach.

Wobei er in einem weiteren Punkt dem Fitnesscoach Krattiger zustimmt: «Das Gefühl der Rechenschaft ist inhärent, die Beziehung kann ich nur mit einem Menschen aufbauen, nicht mit einer Maschine.»

Fitnesstracker sind keine medizinischen Produkte

Dr. Rahel Gilgen-Ammann sagt, dass bereits das Tragen eines Fitnesstrackers das Gesundheitsverhalten positiv beeinflussen und Menschen zu mehr Bewegung motivieren könne. Sie ist Leiterin der Fachgruppe Monitoring & Evaluation an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen und forscht unter anderem zu Fitnesstrackern und der Nutzung physiologischer Daten.

Eine moderne Smartwatch misst den Puls während des Krafttrainings, gibt zusätzlich den Kalorienverbrauch an und eine Empfehlung zur Regenerationsdauer ab. Der Fitnesstracker übernimmt quasi Coaching-Aufgaben – könnte man meinen. «Das sind modellbasierte Abschätzungen, die auf weiteren Abschätzungen beruhen», sagt Gilgen-Ammann. Oft ist zwar klar, wie gemessen wird, aber es ist weniger transparent, wie daraus eine Handlungsempfehlung zustande kommt. Gilgen-Ammann spricht von einer Blackbox.

Fitnesstracker müssen keine speziellen Anforderungen erfüllen, jeder kann einen Fitnesstracker auf den Markt bringen. Die Produkte sind deshalb kaum wissenschaftlich validiert. Das Versprechen von Präzision und Personalisierung ist in erster Linie Marketing.

Es ist deshalb wichtig, den Informationen und Handlungsempfehlungen der Fitnesstracker nicht blind zu folgen. Gilgen-Ammann sagt, den Nutzerinnen und Nutzern fehle es oftmals an Datenkompetenz. «Wir können heute so viel messen. Die grössere Herausforderung besteht darin, die Daten richtig einzuordnen.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Pfister

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