Missbrauchsskandal in Tschad: Bund stoppt Zahlung an Ärzte ohne Grenzen

Millionen des Bundes flossen, doch das Ausmass des Missbrauchs geflüchteter Frauen in Tschad blieb der Deza lange verborgen. Interne E-Mails zeigen, wie die Kontrolle versagte. Als Konsequenz verschärft der Bund die Regeln für alle Schweizer NGO-Partner.

24.10.2026, 21.45 Uhr

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Die Organisation Ärzte ohne Grenzen ist seit Jahren in Tschad aktiv. Nach dem Missbrauchsskandal überprüft der Bund nun seine Unterstützung für das Hilfswerk.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen ist seit Jahren in Tschad aktiv. Nach dem Missbrauchsskandal überprüft der Bund nun seine Unterstützung für das Hilfswerk.

Finbarr O'Reilly / Reuters

Es ist eine gigantische humanitäre Krise, die sich 2023 in Zentralafrika abspielt. Hunderttausende müssen vor dem Bürgerkrieg im Sudan in das benachbarte Tschad fliehen. Doch manche von ihnen sind nicht einmal dort sicher. In einem Flüchtlingslager im Osten von Tschad verhängen Vertreter der Lagerbevölkerung eine Ausgangssperre für Mädchen. Nicht etwa aus Angst vor Soldaten oder Rebellen – sondern um zu verhindern, dass die Mädchen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières) besuchen.

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Das geht aus einem internen Untersuchungsbericht von Ärzte ohne Grenzen hervor, wie die Nachrichtenagentur AP im Juni 2026 enthüllte. Der Untersuchungsbericht dokumentiert weitverbreitete sexuelle Ausbeutung. Geld, Jobs oder Hilfsgüter gegen Sex: Mitarbeiter sollen die Not geflüchteter Frauen und Mädchen ausgenutzt haben. Das Hilfswerk stiess auf 59 Vorwürfe von Fehlverhalten und entliess 18 Mitarbeiter.

Die «NZZ am Sonntag» machte im Sommer die Rolle des Bundes zum Thema. Denn das Hilfsprojekt in Tschad wurde von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) im Aussendepartement EDA von Bundesrat Ignazio Cassis mit Millionenbeträgen unterstützt. Nun offenbaren interne Dokumente, wie schlecht die Deza trotz ihrer Rolle als wichtige Geldgeberin über die Vorgänge informiert war – und mit wie wenig Informationen sie sich zufriedengab. Interne E-Mails von EDA- und Deza-Mitarbeitern und Sitzungsprotokolle, welche die «NZZ am Sonntag» gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz beschafft hat, offenbaren einen regelrechten Blindflug der Entwicklungshelfer des Bundes.

«Keine drängenden Fragen»

Rückblick auf den Herbst vor zwei Jahren. Der erste Alarm erreicht die Deza am Freitag, 15. November 2024, kurz vor Feierabend. Angestellte von Ärzte ohne Grenzen vom Hauptsitz Genf warnen EDA-Mitarbeiter per E-Mail vor einem geplanten Medienartikel. Drei geflüchtete Frauen hätten sexuelle Ausbeutung in Tschad geschildert, man untersuche die Vorwürfe bereits. «This is to alert you», steht in der E-Mail.

Doch Hektik bricht unter den Bundesangestellten nicht aus. Das EDA involviert, wie in solchen Fällen üblich, seine Kontrollstelle. Anfang Dezember schreibt ein Mitarbeiter in einer internen E-Mail an seine Kollegen: «Da seit der Meldung des Falls nun gut zwei Wochen vergangen sind, habe ich vor, mich nach Updates zu erkundigen.» Mitte Dezember einigt man sich im internen EDA-Austausch darauf, dass irgendwann im Januar ein Treffen mit Ärzte ohne Grenzen stattfinden soll. Zwar ist in manchen E-Mails bereits die Rede von einem möglichen «zweiten Fall», trotzdem schreibt ein Mitarbeiter des Bundes eine Woche vor Weihnachten, das EDA habe keine drängenden Fragen («no burning questions on our side»).

Danach wird es in der internen Korrespondenz ruhiger. Erst im Juni und Juli 2025 diskutieren die EDA-Mitarbeiter wieder konkret, wie mit dem Fall weiter zu verfahren ist. Mit Bezug auf Informationen von Ärzte ohne Grenzen gibt jemand Entwarnung: Das Ganze sei nun sorgfältig untersucht worden, zudem verstärke die NGO ihre Präventionsmassnahmen. «Aus meiner Perspektive kann der Fall somit abgeschlossen werden», schreibt die Person. Ein anderer Mitarbeiter schreibt: «Man könnte eventuell nochmals bei Ärzte ohne Grenzen nachfragen, ob sie in Bezug auf die Sensibilisierung der Frauen vor Ort noch etwas unternommen haben. Ansonsten sehe ich aber nicht viel, was wir noch machen könnten.» Unmittelbar davor heisst es: «Unser Fall war ja nie wirklich ‹ein› Fall, da keine Meldung gemacht wurde (von den Frauen).» Und so schliesst der Bund die Akte zum Missbrauch in Tschad.

Die Gelassenheit in Bern steht in maximalem Kontrast zu den Vorfällen vor Ort. Dort hat die interne Untersuchung von Ärzte ohne Grenzen die wahre Dimension der Missbräuche an den Tag gebracht. Dutzende Vorwürfe sind der NGO im Sommer 2025 bereits bekannt, auch zahlreiche personalrechtliche Massnahmen wurden damals bereits getroffen. Doch Ärzte ohne Grenzen lässt die Deza über diese Erkenntnisse im Dunkeln.

Am 3. Februar 2026 treffen sich Vertreter der Deza und von Ärzte ohne Grenzen zum Thema Schutz vor sexueller Ausbeutung, auch jetzt erhält der Bund keine neuen Informationen. Das Protokoll beschreibt Schulungen, Beschwerdewege und neue Massnahmen. Am Ende dankt die Deza dem Hilfswerk ausdrücklich für dessen Transparenz. Ärzte ohne Grenzen sei diesbezüglich ein Vorbild («a source of best practice and inspiration»).

Nur wenige Monate später folgt der Schock.

Plötzlich braucht es eine Sprachregelung

Im Juni 2026 enthüllt der Artikel von AP das volle Ausmass des Missbrauchsskandals. Daraufhin reagiert die Deza-Spitze mit grosser Nervosität. Die Deza-Direktorin Patricia Danzi und ihre Stellvertreter sind nun ebenfalls Teil des E-Mail-Austauschs. Jetzt will es die Deza genau wissen, stellt Ärzte ohne Grenzen Fragen und fordert Dokumente ein. Die NGO verteidigt ihre Informationspolitik. Es habe «kein gemeinsames Verständnis» darüber bestanden, dass nach Abschluss der Untersuchung «eine weitere Aktualisierung erwartet würde», schreiben Verantwortliche in einer E-Mail.

Die Deza-Spitze und weitere Mitarbeiter verfassen nun eine offizielle Aktennotiz und eine «Sprachregelung» zum Fall und machen sich auch bereit, an der nächsten Bundesratssitzung antraben zu müssen. Die Kernaussage lautet: «Die Deza hat vom Ausmass dieses Missbrauchs keine Informationen gehabt.» Und: «Informationen wurden daher zurückgehalten.»

Die Akten enthalten eine weitere Zahl, die öffentlich bis heute nicht bekannt war: 6 der 18 entlassenen Mitarbeiter waren bei der Schweizer Sektion von Ärzte ohne Grenzen angestellt. Auch dies erfährt die Deza erst im Juni 2026.

Das Misstrauen gegenüber Ärzte ohne Grenzen ist beim Bund nun plötzlich riesig. Man könne sich nicht erneut allein auf die Informationen der NGO verlassen, schreibt der Deza-Vize-Direktor Manuel Etter und stellt eine «unabhängige Untersuchung» oder eine «externe Untersuchung» in den Raum. Etter spricht in einer weiteren E-Mail an Patricia Danzi von einem «Fehlverhalten» seitens Ärzte ohne Grenzen, man gehe aber «im Moment» nicht von Vorsatz aus. Und der Deza-Spitzenmann zeigt sich selbstkritisch: «Ich denke, es ergibt Sinn, dass wir uns die Frage stellen, ob unsere Prozesse ausreichend sicherstellen, dass wir nicht von Partnern absichtlich getäuscht werden können.»

«Vertragliche Pflicht» nicht erfüllt

Es geht um viel Steuergeld. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen unterstützte der Bund 2024 und 2025 Projekte der Organisation in Tschad und Südsudan mit zusammen rund sieben Millionen Franken; auf das konkret betroffene Projekt im Osten von Tschad entfielen zwei Millionen. Insgesamt erhielt Ärzte ohne Grenzen 2025 fast zwölf Millionen Franken von der Deza.

Das Verhalten von Ärzte ohne Grenzen hat nun finanzielle Konsequenzen: Der Bund hält die letzte Tranche des Kernbeitrags für 2026 zurück. Damit bleiben vorerst 1,25 Millionen Franken gesperrt, wie das EDA auf Anfrage diese Woche erstmals bestätigt. Insgesamt hatte die Deza dem Hilfswerk für dieses Jahr 6,25 Millionen Franken zugesagt. Ärzte ohne Grenzen habe «die vertragliche Pflicht zur umfassenden und zeitnahen Meldung» von Vorfällen nicht erfüllt, schreibt das EDA.

Zudem läuft eine interne Prüfung der Vorgänge. Weitere Sanktionen sind denkbar, das EDA behält sich eine externe Untersuchung explizit vor. Zusätzlich überarbeitet die Deza nun auch alle anderen Partnerverträge mit Blick auf den Umgang mit Missbrauch. Die neuen Regeln gelten ab 2027 für sämtliche Verträge mit Schweizer Hilfswerken. Ärzte ohne Grenzen zeigt sich mittlerweile reuig. Man habe «das volle Ausmass der bestätigten Fälle und der damit verbundenen Entlassungen nicht proaktiv und früh genug offengelegt», schreibt die NGO auf Anfrage.

Der Fall zeigt: Die bisherigen Vorgaben reichten nicht aus. Wenn sie das nächste Mal Millionen verteilt, will die Deza direkt informiert werden, was ihre Partner damit treiben. Und nicht von Medienberichten überrumpelt werden. Ob sie künftig auch selber genauer hinschaut, ist eine andere Frage.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Mirko Plüss

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