Die Migros kündigt den grössten Konzernumbau in ihrer Geschichte an. Nun muss sie die Genossenschafter davon überzeugen. Und gleichzeitig einen neuen CEO suchen. Ein Überblick über die Baustellen
27.10.2026, 17.05 Uhr
5 Leseminuten
Ein grosses M statt zehn Kleine: Das ist der Plan der Zentralisierung der Migros.
Peter Klaunzer / Keystone
Die Schweiz soll eine neue Migros bekommen. Eine schlankere Migros, die effizient ist und vor allem: Konkurrenzfähig.
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Am Montag haben CEO Mario Irminger und Migros-Präsidentin Ursula Nold in Bern die Pläne vorgestellt. Sie wollen aus den zehn Regionalgenossenschaften und dem Migros-Genossenschafts-Bund eine grosse Genossenschaft bauen. In vielen Bereichen werkelt heute jede Region im Alleingang. Das will die Migros-Führung radikal ändern. Doch die Genossenschafterinnen und Genossenschafter müssen der Idee erst noch zustimmen. Die wichtigsten Fragen zum Knall bei der Migros.
Die Einigung: Wie hat die Migros-Führung die zehn Regionen von der Fusionierung überzeugt?
Allein optisch war es ein eindrückliches Bild, das die Migros-Führung am Montag präsentierte: Hübsch aufgereiht standen die zehn Präsidenten der Regionalgenossenschaften an der Pressekonferenz nebeneinander. Vom Wallis bis in die Ostschweiz, von der Westschweiz bis nach Zürich beteuerten sie der Reihe nach ihre Unterstützung für das Projekt der Zentralisierung der Migros.
Dabei waren frühere Versuche, die Regionalgenossenschaften aufzulösen, gescheitert. Zuletzt hatte sich der ehemalige Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen daran versucht. Zwar gelang es ihm, in den Regionen vereinzelt Sparprogramme einzuleiten. Doch weitere Reformversuche scheiterten an der Macht starker Regionen wie Bern oder der Ostschweiz. Ende 2023 trat Zumbrunnen zurück.
Nun haben sein Nachfolger Mario Irminger und die Migros-Präsidentin Ursula Nold geschafft, was jahrelang schier unmöglich schien. Sie haben die Präsidenten der Regionalgenossenschaften davon überzeugt, ihrer eigenen Abschaffung zuzustimmen. Es liegt nahe, dass Nold und Irminger das auch dank der Macht des Faktischen gelang. Die Migros muss sparen, das wissen auch die Regionalfürsten. Viele der Genossenschaften haben seit Jahren wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Regionalgenossenschaft Zürich etwa schrieb im Jahr 2025 einen Milliardenverlust. Auch die Region Tessin schrieb im vergangenen Jahr rote Zahlen.
Irmingers letzte Mission: Wie will der CEO die Genossenschafterinnen und Genossenschafter überzeugen?
Voraussichtlich im Juni 2027 werden die 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter über die neue Struktur abstimmen. Die Hürden sind hoch: In jeder Region braucht es eine Stimmbeteiligung von 25 Prozent. Ausserdem muss die Vorlage jeweils mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit angenommen werden.
Migros-Kunden dürfen sich in den kommenden Monaten wohl auf Cumulus- und Rabattaktionen gefasst machen. Die Migros-Führung wird versuchen, bei den Genossenschaftern mit allen Mitteln für eine Teilnahme an der Abstimmung zu weibeln. Schon jetzt winken 500 Cumulus-Punkte, wenn man sich für das E-Voting registriert.
Trotzdem dürfte es für CEO Irminger schwierig werden, die nötigen Stimmen zu sammeln. Das zeigt auch ein Blick auf die berühmte Abstimmung zum Alkoholverkauf im Jahr 2022. Die Stimmbeteiligung lag damals im Schnitt bei 29 Prozent – ein historisch hoher Wert. Fragwürdig ist allerdings, ob die Konsumenten ein Umbau in der Verwaltung gleichermassen bewegt wie die Frage nach dem Verkauf von Alkohol.
Der Stellenabbau: Wie viele Stellen könnten durch den Umbau wegfallen?
Stimmen die Genossenschafter dem Umbau tatsächlich zu, will die Migros Mitte 2028 mit der Umstrukturierung starten. Voraussichtlich wird es vor allem Stellen in der Verwaltung der Regionen treffen. Das Ziel ist es, die Parallelstrukturen im Management, in der IT, der Logistik, im HR und im Marketing aufzulösen.
Irminger und Nold wollten sich am Montag nicht dazu äussern, wie viele Stellen dereinst wegfallen könnten. Bis «mindestens 2028» seien aber keine Entlassungen geplant, betonte Irminger. Das ist logisch, da die Umstrukturierung früher gar nicht beginnen würde. Personen, die mit den Strukturen der Migros vertraut sind, rechnen mit einem Wegfall von mehreren hundert Stellen – mindestens.
Nicht betroffen von der Umstrukturierung werden voraussichtlich die Filialen sein. Hier soll gar ausgebaut werden, wie Irminger am Montag ankündigte. Die Migros plane 14o neue Filialen.
Die Personalsuche: Wer kann auf Irminger und Diethelm folgen?
Bereits Anfang 2027, das wäre in gut zwei Monaten, will die Migros Namen für die Nachfolge von Konzernleiter Mario Irminger und Supermarkt-Leiter Peter Diethelm präsentieren. Beide werden ihre Posten zur Verfügung stellen, wenn die Urabstimmung zur Fusion der Genossenschaften Mitte 2027 erfolgreich über die Bühne gegangen ist.
Migros-Präsidentin Ursula Nold sagte am Montag, für den Gruppen-Chef der fusionierten Migros brauche es jemanden mit unternehmerischer Erfahrung und strategischem Weitblick. Ein neuer Chef müsse in der Lage sein, ein Portfolio aus unterschiedlichen Beteiligungen zu steuern. Auch der Posten des Supermarktchefs, der durch den Abgang von Peter Diethelm frei wird, wird mit der Fusion der Genossenschaften nochmals anspruchsvoller werden. Hier ist jemand mit Detailhandelserfahrung gefragt, der das Geschäft aus einer Hand steuern kann.
Allzu viel Zeit für die Suche hat die Migros-Spitze nicht. Das könnte für interne Kandidaten ein Vorteil sein. Befragte Beobachter mit Migros-Erfahrung nennen folgende Kandidaten für eine Shortlist für einen der beiden Jobs: Guido Rast, heutiger Präsident der Supermarkt AG, Thomas Eisele, derzeit Chief Transformation Officer der Migros und früherer Valora-Manager oder Grégory Décaillet, Leiter der Genossenschaft Migros Genf und Mitglied der Migros-Verwaltung.
Der Preiskampf: Was ist eigentlich der Plan für Denner?
Abseits der Fusion muss sich die Migros die Frage stellen, wie sie sich beim Thema Preise verhalten will. Mit rund 1000 Tiefpreis-Produkten auf Discounter-Niveau versucht sie, preisbewusste Kunden zurück in die Migros-Läden zu locken oder sie vom Abwandern abzuhalten. Ob die Rechnung aufgeht und die Kunden tatsächlich für die Mehrumsätze sorgen, die die Margeneinbussen durch die Preisreduktionen langfristig wett machen, muss sich erst weisen.
Fragezeichen gibt es auch bei Denner. Welche Rolle soll der eigene Discounter spielen und wie kann er wieder wachsen? Mit welchem Sortiment und welcher Strategie? Das muss insbesondere Michel Gruber beantworten, der als Interims-Chef im Frühjahr die Leitung übernommen hat, nachdem der von Lidl geholte CEO Torsten Friedrich nach einem Jahr bereits wieder gehen musste.
Zukunft der Migros-Industrie: Wie strukturiert die Migros nun ihre Produktion?
Zu den Ineffizienzen des Migros-Föderalismus gehörte es lange, dass die Regionalgenossenschaften bei der Industrie ihre Sonderwünsche platzieren konnten, beispielsweise bei den Verpackungsgrössen. Diesen Sololäufen hat die Migros allerdings schon vor den Fusionsplänen den Kampf angesagt. Dies mit der weitgehenden Vereinheitlichung des Sortiments über die ganze Schweiz und der Bündelung der Kompetenzen in der Migros Supermarkt AG.
Mit der Ankündigung der Migros-Verschlankung 2024 kam die Devise aus der Chefetage, dass die Migros-Industrie in erster Linie für die eigenen Supermärkte produzieren und nicht mit internationalen Markenhersteller wetteifern soll.
Dies und die Redimensionierung des Exportgeschäfts machten Anpassungen in den Produktionskapazitäten nötig. Seither hat es zudem diverse Managementwechsel in den Industriebetrieben gegeben. Offen ist auch, wie sich die nach Spanien verkaufte Kosmetik- und Putzmittelproduzentin Mibelle in der Schweiz langfristig aufstellt.
Jenseits des Supermarkts: Wie viel Geld verdient man langfristig mit Online und mit der Gesundheit?
Die Fusion der Genossenschaften ist ein Thema, das vor allem die Supermärkte und die dazugehörigen Dienstleistungen und die Infrastruktur wie etwa die Logistik betrifft. Neben dem Kerngeschäft betreibt die Migros aber noch zwei weitere Bereiche, in die sie grosse Zukunftshoffnungen setzt. Das eine ist der Onlinehandel mit Digitec Galaxus und dem Lebensmittel-Supermarkt Migros Online, das andere ist das Gesundheitsgeschäft mit Medbase.
Galaxus ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen – so stark, dass es zur Herausforderung wurde, genügend Platz in den Verteilzentren zu schaffen. Für Deutschland hat Mario Irminger das ambitionierte Ziel genannt, in die Top 5 der deutschen Online-Shops vorzustossen.
Der Online-Supermarkt Migros Online wurde hingegen vom Pendant der Konkurrentin Coop überholt. Mehr Online-Kompetenz im Verwaltungsrat und die Verschiebung ins Geschäftsfeld Online Retail, wo auch Galaxus ist, sollen Abhilfe schaffen.
Viel Geld investiert hat die Migros in den vergangenen Jahren in den Gesundheitsbereich, gebündelt in der Firma Medbase. Die neue Führung wird entscheiden müssen, wie stark sie in diesem Bereich weiter expandieren will.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dieter Bachmann, Elena Oberholzer
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