Midterms in den USA: Die blaue Welle verunsichert die Börsen

Nach dem deutlichen Wahlsieg der Demokraten gerieten besonders KI-Aktien heftig unter Druck. Mittlerweile haben die Anleger schon wieder Mut gefasst. Der Schweizer Aktienmarkt könnte vom Wahlausgang gar profitieren.

04.11.2026, 12.20 Uhr

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Anhänger der Demokraten jubeln bei einer Wahlkampfveranstaltung in New York kurz vor den amerikanischen Zwischenwahlen.

Anhänger der Demokraten jubeln bei einer Wahlkampfveranstaltung in New York kurz vor den amerikanischen Zwischenwahlen.

Olga Fedorova/Keystone

Die Resultate der amerikanischen Zwischenwahlen haben an den internationalen Finanzmärkten anfänglich für erhebliche Kursbewegungen gesorgt. Der klare Erfolg der Demokraten, die die Kontrolle über beide Kammern des US-Kongresses gewannen, setzte die Aktienmärkte weltweit zuerst stark unter Druck. Besonders heftig fielen die Verluste zunächst an den technologielastigen asiatischen Börsen aus.

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Dort gerieten jene Aktien unter Druck, die in den vergangenen Jahren vom Boom rund um künstliche Intelligenz (KI) profitiert haben. Die Aktie des Technologiekonzerns SoftBank, der zu den grossen Investoren in künstliche Intelligenz gehört, verlor zeitweise mehr als 9 Prozent. Auch die südkoreanischen Chiphersteller Samsung Electronics und SK Hynix verloren deutlich. Ihre Aktien büssten rund 6 Prozent ein.

Angst vor Ende des KI-Booms

Hinter den Kursbewegungen stand die Befürchtung, dass die neue politische Machtverteilung den milliardenschweren Ausbau von Rechenzentren in den USA bremsen könnte. Die Anlagen verschlingen grosse Mengen an Strom und Wasser zur Kühlung. In den USA wächst deshalb der Widerstand gegen ihren Ausbau. Demokratische Wahlerfolge in Bundesstaaten wie Texas und Ohio, die zu den wichtigen Standorten für Rechenzentren zählen, könnten Genehmigungsverfahren erschweren und den Ausbau bremsen.

Die Märkte erholten sich nach anfänglichen Verlusten allerdings schnell. Die südkoreanische Börse etwa machte ihre anfänglichen Verluste vollständig wett.

Ein ähnliches Bild zeichnete sich für die Wall Street ab. Am frühen Mittwochmorgen deuteten sich zunächst kräftige Verluste an. Die Terminkontrakte auf den technologielastigen Nasdaq 100, die als Gradmesser für die erwartete Börsenentwicklung dienen, gaben zeitweise um mehr als 2 Prozent nach. Beim breiter gefassten S&P 500 signalisierten sie einen Rückgang von rund 1,2 Prozent. Doch dann drehte sich die Stimmung,. Zuletzt deuteten die Terminkontrakte für die Eröffnung der amerikanischen Börsen um 15.30 Uhr Schweizer Zeit sogar auf Gewinne von rund 0,5 Prozent hin.

Ein Grund für die rasche Erholung dürfte sein, dass die amerikanischen Technologieaktien bereits vor den Wahlen stark unter Druck gestanden hatten. Der Nasdaq 100 hatte von seinem Rekordhoch im Oktober annähernd 10 Prozent verloren. Investoren zweifeln zunehmend daran, ob sich die enormen Investitionen in künstliche Intelligenz im erhofften Ausmass auszahlen werden – unabhängig davon, welche Partei im Kongress die Mehrheit hält. Nach den jüngsten Verlusten nutzten offenbar zahlreiche Anleger die tieferen Kurse für Käufe.

Ein Plus in Europa und der Schweiz

Auch in Europa verflüchtigte sich die anfängliche Nervosität rasch. Vor Handelsbeginn hatten die Terminkontrakte ebenfalls auf deutliche Verluste hingedeutet.

Im regulären Handel drehten die Märkte dann aber ins Plus. Der breit gefasste Stoxx Europe 600 gewann am Mittwochvormittag zeitweise fast 1,5 Prozent. Besonders gefragt waren Bankaktien und Titel aus dem Bereich erneuerbarer Energien. So legten die Aktien der Windkraftunternehmen Vestas, Ørsted und Nordex kräftig zu. Die Anleger hoffen hier darauf, dass die erneuerbaren Energien in den USA mit dem Wahlsieg der Demokraten Rückenwind erhalten.

Für den Schweizer Aktienmarkt hatten die Experten vor Börseneröffnung zunächst auch deutliche Verluste erwartet. Nach Handelsbeginn um 9 Uhr zeigte sich jedoch ein ganz anderes Bild: Der Swiss Market Index (SMI) drehte rasch ins Plus und gewann zeitweise mehr als 0,5 Prozent.

Auffällig war dabei allerdings die Entwicklung von Aktien jener Schweizer Unternehmen, die stark vom KI- und Rechenzentrumsboom profitiert hatten. Dazu gehören ABB, der Verbindungstechnikspezialist Huber+Suhner und der Gebäudetechnikanbieter Belimo, aber auch Halbleiterzulieferer wie VAT, Inficon und Comet. Sie sind mögliche Leidtragende eines langsameren Ausbaus der KI-Infrastruktur in den USA. Ihre Kurse lagen nach Börseneröffnung im Minus.

Schweizer Markt könnte profitieren

Längerfristig könnte der Schweizer Aktienmarkt vom Wahlausgang gar profitieren. Darauf weist die Bank Vontobel in einer Einschätzung vom Mittwoch hin. Der Grund: Der SMI ist stark von defensiven Unternehmen aus der Pharma- und Konsumgüterbranche geprägt. Sollten die Zweifel am KI-Boom anhalten, könnten Anleger vermehrt Gelder aus globalen Technologieaktien in solche defensiven Titel umschichten.

Auch für die Schweizer Pharmabranche könnte sich die Perspektive verändern. Eine demokratische Mehrheit im Kongress erschwert möglicherweise Trumps Pläne zur Senkung internationaler Medikamentenpreise. Eine grundsätzliche Entwarnung wollen die Vontobel-Experten aber nicht geben, denn auch die Demokraten hätten das Ziel, die Medikamentenpreise zu senken.

Eine deutlichere Reaktion zeigte sich an den Devisenmärkten. Der Schweizerfranken legte zeitweise um 0,5 Prozent gegenüber dem Dollar zu. Auch der Euro und der japanische Yen gewannen an Wert. Anleger befürchten, dass die neue Machtverteilung in Washington das amerikanische Wirtschaftswachstum bremsen könnte. Zudem suchen sie angesichts der politischen Unsicherheit Zuflucht in Währungen, die als sichere Häfen gelten, insbesondere im Franken und im Yen. Sollte der Franken weiter erstarken, wäre dies für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft keine gute Nachricht.

Unter Druck gerieten nach Bekanntwerden der ersten Wahlprognosen in den USA auch die Kryptowährungen. Der Bitcoin verlor zeitweise fast 3 Prozent und fiel unter 76 000 Dollar. Anleger befürchteten, dass die Demokraten die von Trump vorangetriebene kryptofreundliche Politik ausbremsen könnten, und es beispielsweise nicht zu weiteren regulatorischen Erleichterungen für den Handel mit Digitalwährungen kommt. Doch auch hier verflog die Nervosität: Der Bitcoin machte seine Verluste wett und legte im weiteren Tagesverlauf sogar zu.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jürg Meier

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