Meta muss im Zuge des Datenschutzskandals um Cambridge Analytica 25 Milliarden Dollar zahlen – selbst für amerikanische Verhältnisse ein gigantischer Betrag. Die Rechtsstreite belasten den Konzerngewinn. Doch der neue Agent Muse soll nun ein neues Zeitalter einläuten.

22.10.2026, 02.04 Uhr

5 Leseminuten

Aktualisiert


Der persönliche KI-Assistent Muse steht im Zentrum der neuen Strategie von CEO Mark Zuckerberg.

Der persönliche KI-Assistent Muse steht im Zentrum der neuen Strategie von CEO Mark Zuckerberg.

Jeff Chiu / AP

Man kann vom Meta-Konzern halten, was man möchte – seit 22 Jahren schafft es der Gründer Mark Zuckerberg, dass seine Firma immer weiter wächst und sich immer wieder neu erfindet. Selbst im KI-Wettrennen hat sich Meta inzwischen an die Spitze vorgekämpft.

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Doch die Lasten der Vergangenheit bleiben an den Sohlen kleben. Das wurde am Mittwoch allzu deutlich: Nach Börsenschluss präsentierte der Facebook-Konzern seine Quartalszahlen für den Zeitraum Juli bis September. Sie waren verblüffend: Mit 64,6 Milliarden Dollar hat Meta so viel Umsatz gemacht wie nie zuvor, rund ein Viertel mehr als im Vorjahresquartal. 3,64 Milliarden Menschen nutzen jeden Tag mindestens ein Produkt der Meta-Familie, also Instagram, Whatsapp, Facebook oder Threads – ebenfalls so viele wie nie zuvor. Die Kurznachrichten-Plattform Threads habe nun mehr monatlich aktive Nutzer als der direkte Konkurrent X, sagte Zuckerberg.

Eine 25-Milliarden-Dollar-Busse

Doch der Gewinn des Konzerns wird enorm durch Rechtskosten gedrückt – allein 9,9 Milliarden Dollar waren es im vergangenen Quartal für Aufwendungen, die im Zuge der aussergerichtlichen Einigung entstanden, auf die sich Meta Ende Juni mit einer Reihe von Gliedstaaten geeinigt hatte.

Am Mittwoch, wenige Stunden vor Bekanntgabe der Quartalszahlen, kam eine weitere saftige Rechnung dazu: Ein Bezirksgericht in New Mexico hat den Konzern dazu verurteilt, wegen des Jahre zurückliegenden Datenschutzskandals um Cambridge Analytica eine Strafe von 25 Milliarden Dollar zu zahlen. Es ist eins der grössten Bussgelder, das je gegen einen amerikanischen Konzern verhängt wurden.

Bei dem Rechtsstreit ging es darum, dass der Gliedstaat New Mexico den Meta-Konzern 2021 im Zuge des Cambridge-Analytica-Skandals verklagt hatte. Der Vorwurf lautete, dass Meta die Nutzer mit öffentlichen Aussagen bewusst bei der Frage in die Irre geführt habe, wie stark ihre persönlichen Daten bei dem ursprünglichen Skandal von 2018 beeinträchtigt worden waren.

Ein Geschworenengericht hatte Meta vor zwei Wochen schuldig befunden, nun wurde das Strafmass ausgesprochen.

Die Rekordsumme erklärt sich dadurch, dass das Gericht pro Verstoss eine Strafe von bis zu 5000 Dollar veranschlagt hatte. Die Geschworenen fanden mehr als 43 Millionen Verstösse. In der Summe ergäbe das also einen Strafbetrag von knapp 220 Milliarden Dollar, der Richter reduzierte ihn dann in seiner Entscheidung aber auf «nur» 25 Milliarden Dollar.

Von Meta gab es am Mittwoch zunächst keine Reaktion auf die Entscheidung. Es ist die jüngste Niederlage in einer ganzen Reihe von juristischen Auseinandersetzungen. Allein um die Frage, inwiefern Metas Plattformen jugendlichen Nutzern schaden, laufen im ganzen Land noch Tausende andere Verfahren gegen den Konzern. Das Rechtsrisiko ist also noch lange nicht gebannt.

Grosse Hoffnungen ruhen auf dem persönlichen Agenten Muse

Doch Metas CEO Zuckerberg sprach am Mittwoch im Telefonat mit Investoren weniger über diese Risiken als über die rosige Zukunft, die dem Konzern dank seinem jüngsten Produkt bevorstehen soll: dem persönlichen Agenten Muse.

Muse ist bisher erst in den USA und Kanada verfügbar, hat aber dort bereits zehn Millionen Nutzer in sechs Wochen gewonnen. In den amerikanischen App-Charts ist Muse fast jeden Tag die Nummer 1. Der persönliche Agent kann für Nutzer bei Abopreisen von 20 Dollar oder 100 Dollar alle denkbaren Aufträge erledigen. Am häufigsten sind das Shopping-Wünsche, erläuterte Zuckerberg: «25 Prozent der Nutzer verwenden Muse zum Einkaufen», der durchschnittliche Einkaufsbetrag liege bei 200 Dollar.

Auch die Investoren lieben Muse: Im Monat nach der Einführung des Produkts stieg Metas Aktienkurs um 20 Prozent. Muse ist für Zuckerberg das zentrale Produkt überhaupt geworden. Mitarbeiter erzählen der NZZ, dass sich intern alles nur noch um Muse drehe. Ermöglicht wird der Agent durch ein auf Agentenarbeit ausgelegtes KI-Modell namens Muse Wonders. Von diesem behauptet Meta, es sei so gut wie die führenden Modelle von Anthropic, OpenAI und Google.

Der persönliche Agent soll auf die smarten Brillen kommen

In wenigen Wochen werde Muse auch auf Meta Ray Bans und anderen smarten Brillen aus dem Hause Meta verfügbar sein, sagte Zuckerberg. «Unser Ziel ist es, personalisierte Superintelligenz jedermann zur Verfügung zu stellen. Und Muse ist das Produkt dafür.»

Die smarte Brille Meta Ray Ban.

Die smarte Brille Meta Ray Ban.

Imago/Renate Feil/m.i.s.

Doch bevor Muse im Auftrag von Zuckerberg die Welt erobern und «Milliarden von Nutzern dienen» kann, muss Meta es schaffen, genügend Rechenleistung zur Verfügung zu stellen. Das sei zurzeit noch das Nadelöhr, erklärte Zuckerberg im Telefonat am Mittwoch, und das sei auch der Grund, warum Muse bisher erst in den USA und Kanada verfügbar sei.

Um die Rechenkapazitäten auszubauen, arbeitet Meta, erstens, an kleineren Modellen sowie, zweitens, daran, den Rechenaufwand für jede Aufgabe, die Muse erledigen soll, zu optimieren. Doch der Konzern wird nicht darum herumkommen, drittens, seine Rechenkapazitäten global auszubauen. Das wird enorm viel Geld verschlingen: Allein für dieses Jahr rechnet Meta mit Kapitalaufwendungen von insgesamt 145 Milliarden Dollar, der grösste Teil davon fliesst in KI-Rechenzentren.

Aktiensplit angekündigt

Um all das Kapital aufzubringen, kündigte Meta am Mittwoch einen Aktiensplit im Verhältnis zwei zu eins an und führte eine neue Form von stimmrechtslosen Aktien ein. Die neuen Aktien werden als Dividende an die bestehenden Aktionäre ausgegeben. An der Stimmenmehrheit von Zuckerberg werde das aber nichts ändern, hiess es. Der Gründer, CEO und Verwaltungsratsvorsitzende wird also Alleinherrscher bei Meta bleiben, er hält eine Mehrheit von 61 Prozent der Stimmrechte.

Meta geht davon aus, dass es in den nächsten Jahren «Hunderte Milliarden von Dollar» wird aufnehmen müssen, um seine KI-Pläne realisieren zu können. Derzeit scheinen die Aktionäre jedoch mit Zuckerbergs Plänen zufrieden zu sein, die Meta-Titel legten im nachbörslichen Handel 6,5 Prozent zu.

Zuckerberg wollte aus Kalifornien wegziehen

Wie die «Financial Times» am Mittwoch unter Berufung auf Konzernangaben berichtete, hat der Aktiensplit aber noch einen anderen Hintergrund: Damit wurde erreicht, dass Zuckerberg nicht wie zuvor geplant aus Kalifornien wegzieht, sondern weiterhin im «Golden State» wohnen bleibt und am Firmensitz präsent sein wird. Kalifornien stimmt Anfang November über eine Milliardärssteuer ab, die einmalig fünf Prozent auf das Vermögen erheben würde. Bei Zuckerbergs Vermögen von geschätzten 246 Milliarden Dollar wären das also 12,3 Milliarden Dollar.

Dank der neuen Aktien kann Zuckerberg nun grosse Anteile seiner Aktien veräussern, um die neue Steuer zu zahlen, ohne die Stimmrechtsmehrheit zu verlieren. Zuckerberg habe eingewilligt, acht Jahre in Kalifornien wohnen zu bleiben, berichtete die FT.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marie-Astrid Langer

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