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«Mein Bankkonto lügt nicht»: Die Latinos in Pennsylvania verhalfen Trump zum Sieg. Jetzt droht in den Midterms ein Backlash

Die hispanischen Amerikaner ebneten Donald Trump 2024 den Weg zurück ins Weisse Haus. Doch wegen der Teuerung und der Migrationspolitik bereuen viele ihre Wahl. Reportage aus einem hart umkämpften Wahlbezirk im Nordosten Pennsylvanias.

28.10.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Im Barber-Shop «Precision Cuts » in Easton, Pennsylvania, wird kurz vor den Zwischenwahlen politisch diskutiert. Oktober, 22. 2026.

Im Barber-Shop «Precision Cuts » in Easton, Pennsylvania, wird kurz vor den Zwischenwahlen politisch diskutiert. Oktober, 22. 2026.

Das Studio von La Mega 101.7 liegt an der besten Adresse in Allentown, in einem renovierten Industriegebäude an der Hauptstrasse der Kleinstadt. Der Gründer des Radiosenders, Victor Martinez, moderiert jeden Morgen für eine Stunde die politische Talkshow «Morning Circus: Politics en Español». Er ist ein bekennender «Never Trumper», ein Republikaner, der sich aus Abneigung gegen Donald Trump von der Partei abgewendet hat. Seine Show, die nach seinen Angaben 200 000 Hörer erreicht, ist ein Mix aus spitzer Kommentierung und lebhafter Debatte: «Nicht alle Latinos gehen wählen, aber eine Meinung zur Politik haben sie immer», sagt Martinez.

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Sein Publikum beschäftige vor den Zwischenwahlen vor allem dies: «Erstens die Wirtschaft, zweitens die Wirtschaft, drittens die Wirtschaft.» Die Kosten für die Krankenversicherung seien ein besonders akutes Problem: «Viele haben zwei Jobs, aber keinen Arbeitgeber, der ihnen eine Krankenkasse bezahlt», wie es in den USA gang und gäbe sei. Sie müssten sich privat versichern, und das könnten sie sich schlicht nicht leisten.

Für den 49-Jährigen ist klar: Diesmal stimmen die Latinos wieder für die Demokraten. Nachdem 2024 überraschend viele hispanische Wähler ihre Stimme für Donald Trump abgegeben hätten, drohe den Republikanern eine Retourkutsche: «Diejenigen, die Trump gewählt haben, bereuen es. Sie werden es ihm heimzahlen, genau wie den Demokraten 2024», sagt Martinez. Seine konservativen Freunde gäben immer noch Joe Biden für alles die Schuld. Er scherze dann jeweils: «Ihr könnt mit mir quatschen, aber nicht mit meinem Bankkonto – es lügt nicht.»

Midterms in den USA

Am 3. November 2026 finden in den USA die Kongresswahlen statt. Sie kommen einem Plebiszit über den Leistungsausweis des Präsidenten gleich. Was bedeuten sie für Amerika und die Welt?

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Das Lehigh Valley liegt im Nordosten von Pennsylvania, knapp zwei Autostunden von New York entfernt. Die rostige Ruine des monumentalen Stahlwerks in Bethlehem und das Nationalmuseum für Industriegeschichte dienen heute als Attraktionen für Touristen, die sich für das Schicksal des amerikanischen Rust Belt interessieren.

Victor Martinez moderiert jeden Morgen eine Politsendung auf La Mega 101.7 in Allentown.

Victor Martinez moderiert jeden Morgen eine Politsendung auf La Mega 101.7 in Allentown.

Die Familie und das Geschäft stehen im Zentrum des Lebens vieler hispanischer Amerikaner: Familienbilder im Büro des Radiomoderators Victor Martinez.

Die Familie und das Geschäft stehen im Zentrum des Lebens vieler hispanischer Amerikaner: Familienbilder im Büro des Radiomoderators Victor Martinez.

Im vergangenen Jahrzehnt zogen viele Latinos aus den nicht allzu weit weg gelegenen Metropolen Philadelphia und New York hierher. Sie flüchteten vor den hohen Lebenshaltungskosten und fanden in den kleineren Städten in der sanften Hügellandschaft des Lehigh Valley eine neue Heimat. Die meisten stammen ursprünglich aus der amerikanischen Kolonie Puerto Rico. Aber es gibt auch Zuwanderer aus anderen lateinamerikanischen Ländern.

In Allentown machen die Latinos inzwischen die knappe Mehrheit der Bevölkerung aus, in der gesamten Region rund einen Viertel. Viele von ihnen gaben bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen ihre Stimme für Donald Trump ab und folgten damit einem allgemeinen Trend: Während 2020 36 Prozent für ihn stimmten, schnellte die Quote vier Jahre später auf 48 Prozent hoch. Laut der Nachwahlanalyse des Pew Research Center war die Inflation während der Präsidentschaft von Joe Biden massgebend für den markanten Rechtsruck der wichtigen Wählergruppe verantwortlich. Wie sie dieses Jahr wählen und wie stark sie sich beteiligen, bleibt ein entscheidender Faktor. Laut jüngsten Umfragen ist die Zustimmung für Präsident Trump bei den Latinos regelrecht eingebrochen.

Der Besitzer des Barber-Salons Precision Cuts, Andy Vega, redet gerne über Politik, aber wählen mag er nicht. Sein Geschäft laufe so oder so. Easton, Pennsylvania, 22. Oktober.

Der Besitzer des Barber-Salons Precision Cuts, Andy Vega, redet gerne über Politik, aber wählen mag er nicht. Sein Geschäft laufe so oder so. Easton, Pennsylvania, 22. Oktober.

Henry Hung

Der Trump-Wähler Will Peralta lässt sich bei Precision Cuts die Haare scheiden und den Bart trimmen.

Der Trump-Wähler Will Peralta lässt sich bei Precision Cuts die Haare scheiden und den Bart trimmen.

Politplauderei im Barber-Salon

Im Nachbarort von Allentown, in Easton, hält der 25-jährige Will Peralta im Barber-Salon Precision Cuts das Kinn still. Der Geschäftsbesitzer Andy Vega stutzt gerade seinen Bart. Doch für einen Schwatz über Politik haben der Maestro und sein Kunde allemal Zeit. «Ich habe vor zwei Jahren republikanisch gewählt», sagt Peralta im Coiffeurstuhl, «aber jetzt muss ich mir das überlegen.»

Er habe für Trump gestimmt, weil er einen Wandel gewollt habe, sagt Peralta. Jetzt ist er enttäuscht: «Das Benzin ist immer noch teuer. Es sind doch nur leere Versprechungen.» Er arbeitete als Software-Programmierer, hat aber kürzlich seinen Job verloren. Nun reinigt er Autos. «Es ist nun einmal so», sagt er und zuckt resigniert mit den Schultern. «Die Mietkosten sind jenseits von gut und böse, der Stellenmarkt ist hart.» Eigentlich interessiere er sich überhaupt nicht für Politik: Wie viele Angehörige der Generation Z habe er das Gefühl, seine Stimme zähle nicht.

Der Barbier Vega setzt den Barttrimmer in Betrieb und meint: «Präsident Trump tut nichts, ich sehe keinen Fortschritt.» Oder er mache Fehler, wie den, einen Krieg mit Iran zu beginnen. Mit den Immigranten gehe er zu hart um: «Die Beamten der Einwanderungspolizei ICE fahren vor Walmart-Supermärkte oder vor Schulen und schnappen sich die Leute, es ist schlimm. Warum konzentrieren sie sich nicht einfach auf den Grenzschutz?» Für Peralta ist die Immigration nicht das wichtigste Thema, aber die Ausschaffungen findet er auch übertrieben: «Ich glaube ihnen nicht, wenn sie sagen, dass dadurch Stellen für uns frei würden.» Niemand wolle die Arbeit von Papierlosen übernehmen.

Die Restaurant-Geschäftsführerin Tiare Luna blickt trotz anhaltender Inflation optimistisch in die Zukunft.

Elvis Luna und seine Tante Maria Alonzo servieren das Mittagessen im dominikanischen Restaurant Maracas in Easton.

Familienbetriebe in Not

Ein paar Autominuten von Vegas Barber-Shop entfernt reiht sich ein Restaurant an das andere. Viele sind geschlossen, aber aus der dominikanischen Kantine Maracas dringt fröhliche Musik. Von der Anrichte her duften – noch unberührt – Brathähnchen, Ragouts und Reisgerichte. Es gibt kurz vor Mittag viel zu tun: Die Geschäftsführerin Tiare Luna macht die Kasse bereit, ihr Bruder Elvis bezieht den Platz hinter der Bar, und ihre Tante macht sich zum Schöpfen bereit. Die Mutter, die das Lokal gegründet hat, weilt gerade in den Ferien auf der karibischen Heimatinsel. Es ist ein typisches Familiengeschäft, wie es viele Latinos in den USA betreiben.

Die Gastronomie leide stark unter der Inflation, sagt die 31-jährige Luna: «An dieser Strasse haben viele den Laden dichtmachen müssen.» Wegen der hohen Energiepreise hätten auch sie die Preise anheben müssen, zum Leidwesen der Kundschaft: «Wir sind hier in Pennsylvania, der Mindestlohn beträgt 7 Dollar 25 pro Stunde. Die Preise und die Mieten steigen, aber die Löhne nicht.» Dennoch blickt Luna optimistisch in die Zukunft. Durch das Bevölkerungswachstum gebe es auch neue, solvente Gäste. Und ihr Lokal sei als Kantine für eilige Berufsleute gut positioniert.

Die dominikanische Amerikanerin ist in der Bronx geboren und zog im Alter von sechs Jahren kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nach Pennsylvania. Vor zwei Jahren wählte Luna Kamala Harris. Den Trump-Wählern in ihrer Bekanntschaft würde sie am liebsten sagen: «Ich hab’s euch doch gesagt. Hättet ihr aufgepasst, dann wärt ihr jetzt nicht erstaunt, dass eure Familienmitglieder ausgeschafft werden.» Eine Freundin von ihr sei abgeschoben worden. «Jetzt muss ich sie in der Dominikanischen Republik besuchen.» Selbstverständlich gehe sie wählen, selbstverständlich demokratisch.

Der demokratische Bezirksleiter Josh Siegel in seinem Büro im Regierungsgebäude von Lehigh County in Allentown, Pennsylvania.

Der ehrgeizige Demokrat plant schon für seine Rede zur Lage des Bezirks im Februar.

ICE als Politikum

Zu Grossaktionen der Einwanderungspolizei ist es im Lehigh Valley kaum gekommen. Im Juni 2025 verhafteten Beamte bei einer Razzia auf einer Baustelle in Bethlehem siebzehn Arbeiter wegen mutmasslicher Verstösse gegen das Einwanderungsrecht. Es kam zu lokalen Protesten von linker Seite, aber danach blieb es im Vergleich zu anderen Städten wie Minneapolis oder Los Angeles ruhig.

Trotzdem ist ICE ein Politikum, nicht zuletzt wegen einer spektakulären Aktion des demokratischen Bezirksleiters Josh Siegel. Dieser verwies – kaum im Amt – die Strafverfolgungsbehörde Homeland Security Investigations, eine Abteilung von ICE, aus einem öffentlichen Gebäude in Allentown, wo sich die Bundespolizisten eingemietet hatten, aber offenbar mit dem Mietzins in Verzug waren.

In seinem Büro im Regierungsgebäude in Allentown huscht dem 32-jährigen Politiker bei der Erinnerung an die Episode ein spitzbübisches Lächeln übers Gesicht. Er sagt: «Sie haben ihre Miete monatelang nicht bezahlt. Und es war mir wichtig, der Bevölkerung zu zeigen, dass unser Bezirk keine formelle Beziehung zu ICE pflegt.» Die Bürger von Allentown hätten verängstigt auf das rabiate Vorgehen von ICE in anderen Städten reagiert.

Als im Januar in Minneapolis zwei Amerikaner von Bundespolizisten erschossen worden seien, habe er sich verpflichtet gefühlt, Farbe zu bekennen. Bei den Zwischenwahlen hofft Siegel in seinem Distrikt auf einen massiven Backlash gegen die Republikaner.

Wahlkampf in Easton: Der Demokrat Bob Brooks will dem republikanischen Abgeordneten Ryan Mackenzie den Sitz abspenstig machen.

Jackie Rivera ist die Vizepräsidentin der Republikanischen Partei von Lehigh County und mobilisiert Latino-Wähler für den Kongresskandidaten Ryan Mackenzie.

Isabelle Jacobi

Werben um die Latino-Stimmen

Der Wahlbezirk im Lehigh Valley ist einer der Schauplätze, an denen sich entscheidet, ob die Demokraten bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückgewinnen. Der Demokrat Bob Brooks fordert im Rennen um den Kongresssitz des siebten Wahlbezirks in Pennsylvania den Republikaner Ryan Mackenzie heraus, der vor zwei Jahren im Windschatten von Trump im demokratisch regierten Bezirk siegte.

Beide Kandidaten buhlen um die Latino-Stimmen. Der Feuerwehrmann und Gewerkschafter Brooks verkauft sich im Wahlkampf als «Bombero Bob», der in Washington das Feuer löschen wird. Eine Latino-Koalition für Mackenzie setzt sich für den republikanischen Kandidaten ein.

«Die Demokraten haben eine künstliche Aufregung um ICE fabriziert», sagt Jackie Rivera, die Vizepräsidentin der Republikaner des Lehigh County, im Parteibüro in Allentown. Die Bundespolizei verfolge keine Familien, das sei schlicht erfunden. Und wer sich illegal im Land befinde, müsse ausgeschafft werden. Alles andere sei nicht fair gegenüber denjenigen, die legal in die USA eingewandert seien, sagt Rivera. Im August hat die Lokalpartei ihre Spitze neu gewählt, der Präsident und die Vizepräsidentin sind lateinamerikanischer Herkunft. Rivera, deren Mutter aus Honduras stammt, ist verantwortlich für die Mobilisierung der Latinos.

Man müsse die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen, sagt die 41-jährige Controllerin in einem medizintechnischen Unternehmen. Aber vieles hält sie für Schwarzmalerei der linken Medien. Die Lage an der Börse sei sehr gut, und Präsident Trump werde dafür sorgen, dass der Boom weitergehe. Die Konsumenten würden weiterhin Geld ausgeben, und die hohen Energiepreise bald wieder sinken. Zudem habe Trump die Inflation von seinem Vorgänger Biden geerbt, sagt Rivera.

Sie gibt zu, dass die Republikaner in der Defensive seien: «In diesem Bezirk regieren die Demokraten, der Bürgermeister, die Schulkommissionen, die Bezirksregierung, alles Demokraten.» Deshalb müssten die Republikaner sich besonders anstrengen, um die Latinos zu erreichen, bei Elternanlässen, im Quartier, an der Halloween-Parade: «Ich glaube, dass unsere konservative Gesinnung zu den Werten der hispanischen Gemeinschaft passt: Familie, Wirtschaft, Kirche», sagt Rivera. «Aber wir Republikaner müssen noch mehr tun und auch zwischen den Wahlzyklen ständig präsent sein.»

Sie blickt mit gemischten Gefühlen auf die Zwischenwahlen am kommenden Dienstag: «Es gibt eine allgemeine Aufregung, aber viele Wähler haben auch einfach genug von der Politik.» Die Mehrheit der Republikaner habe begriffen, dass es um viel gehe bei diesen Midterms.

Am späteren Nachmittag, am anderen, ärmeren Ende der Stadt, lehnt sich Noel Lisojo vor dem Supermarkt Little Apple ans Geländer. Er bewacht den Kleinbus seiner Frau, die gerade Pause macht. Sie hilft Passanten, Versicherungspolicen bei der staatlichen Krankenkasse Medicaid zu beantragen: «Die Leute sind sehr arm in diesem Quartier und brauchen Hilfe», sagt der Puerto Ricaner. «Alles ist teuer geworden wegen des Kriegs in Iran, wegen des Öls.» Und seine Leute, auch diejenigen mit amerikanischem Pass, fühlten sich von ICE verfolgt.

Er und seine Frau müssten auch sparen: Sie kauften bei Lebensmitteln nur noch Sonderangebote und brauchten möglichst nur in der Nacht Strom, der sei billiger. «Die Leute auf der Strasse sagen, dass sich etwas in diesem Land ändern müsse», sagt Lisojo. Das taten die Latino-Wähler schon vor vier Jahren. Doch was danach kam, war nicht das, was sie sich gewünscht hatten.

Der Sanitärtechniker Noel Lisojo und seine Frau besitzen ein Haus in Allentown und brauchen wegen der hohen Energiepreise tagsüber keinen Strom. Vor dem Supermarkt Little Apple in Allentown.

«NZZ Live»-Veranstaltung: Nach den Midterms: Kontinuität oder Erdbeben für die USA?
Seien Sie live vor Ort, wenn eine neue Folge des Podcasts «NZZ Geopolitik» entsteht: Nur einen Tag nach den Midterms diskutieren wir über die potenziellen Folgen für die amerikanische Demokratie und die internationale Politik.
4. November 2026, 20 Uhr, Kaufleuten-Festsaal, Zürich
Tickets und weitere Informationen finden Sie hier

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Jacobi, Fotografinnen und Fotografen

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