Martin Pfister ist der Hiob im Bundeshaus – wie lange dauert es, bis er aufbegehrt?

Seit er im Amt ist, muss der Verteidigungsminister aufräumen, was ihm seine Vorgänger an Unrat hinterlassen haben. Gleichzeitig müsste er die Armee finanzieren. In Bern laufen die ersten Wetten: Hält er durch, oder flüchtet er sich in ein anderes Departement?

04.11.2026, 05.30 Uhr

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Martin Pfister bei der Medienkonferenz über die Unregelmässigkeiten bei der Ruag, im Oktober 2026.

Martin Pfister bei der Medienkonferenz über die Unregelmässigkeiten bei der Ruag, im Oktober 2026.

Peter Schneider / Keystone

Er habe ein gutes Gefühl, sagt Markus Ritter auf seinem Weg ins Bundeshaus. «Ich kenne ja meine Kolleginnen und Kollegen.» Es ist der 12. März 2025, kurz vor acht. In wenigen Minuten beginnt die Bundesversammlung mit der Wahl von Viola Amherds Nachfolger. Jedem Parlamentarier ist klar, dass es nicht nur um den frei gewordenen Sitz im Bundesrat geht, sondern um den neuen Chef des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, VBS.

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Ritter, der mit allen Wassern gewaschene Präsident des Bauernverbandes, hatte seine Kandidatur mit markigen Worten angekündigt: Er sei der Richtige für das VBS. Schliesslich habe er noch nie ein Haus unaufgeräumt verlassen.

Heute, anderthalb Jahre später, blickt Ritter erleichtert seiner Pensionierung entgegen. Ende 2028 wird er sowohl als Bauernverbandspräsident als auch als Mitte-Nationalrat zurücktreten. Die Bundesversammlung hat sich damals für Martin Pfister entschieden. Ritter war enttäuscht, aber nicht lange. Kürzlich antwortete er auf die Frage eines Journalisten, ob ihm durch die Nichtwahl nicht auch vieles erspart geblieben sei: «Im VBS gibt es grosse Probleme – bei den Finanzen, beim F-35, bei den IT-Projekten. Das alles war bekannt. Ich bin deshalb nicht unglücklich, dass ich meine bisherigen Aufgaben weiterführen konnte.»

Auch Martin Pfister war bewusst, was mit dem neuen Amt auf ihn zukommen sollte. Dennoch strahlt er nach seiner Wahl wie ein Millionenlos-Gewinner. Vor lauter Begeisterung stolpert er fast auf dem Weg zur Nationalratspräsidentin, die ihm die Hand schütteln will. Sein Platz sei jetzt im Bundesrat, sagt er. Er nehme die Wahl mit grosser Freude an.

F-35, Ruag – was kommt noch an den Tag?

Heute ist Martin Pfister seit 582 Tagen im Amt, und er wirkt müde. Seit seinem ersten Tag im Verteidigungsdepartement ist kaum ein Monat ohne Pannen, Pleiten und Skandale vergangen. Der erste erreichte ihn schon wenige Wochen nach seiner Wahl. Im Juni 2025 wurde bekannt, dass die USA trotz vermeintlichem Fixpreisversprechen massiv mehr Geld für die bestellten Kampfjets des Typs F-35 verlangen. Das Land war erschüttert.

Wie die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments ein Jahr später feststellen sollte, hatte im VBS primär ein einziger Mann mit den Amerikanern verhandelt. Dass die Zusage für «fixed prices» nur gelten konnte, solange sich die Produktion nicht verteuerte, hatte niemand merken wollen. Es fehlte an einer klaren Struktur, an Kontrollen und an einer Kultur, die zuliess, dass man auf Ungereimtheiten aufmerksam machen konnte.

Politisch verantwortlich war Pfisters Vorgängerin, Viola Amherd. Sie ging, bevor die Sache öffentlich wurde. In Deutschland oder Frankreich hätte jeder neue Minister sofort klargemacht, dass der Vorgänger für die Misswirtschaft verantwortlich sei. Pfister machte das Gegenteil. Er stellte sich hin und sagte öffentlich, er übernehme die Verantwortung.

Wenig später wurde bekannt, dass sich die Lieferung der bestellten Patriot-Systeme verzögert und verteuert. Die USA priorisieren wegen des Ukraine-Kriegs und des Konflikts im Nahen Osten andere Länder und ihre eigene Armee. Verspätung hatten auch die sechs in Israel bestellten Aufklärungsdrohnen, gleichzeitig kommen mehrere VBS-Schlüsselprojekte nicht voran. Pfister speckt Swiss-Finish-Bestellungen ab, stellt sein Generalsekretariat neu auf, organisiert dreimonatliche Monitorings, erklärt, beschwichtigt und wirbt überall um Vertrauen.

Vertrauen ins VBS ist erschüttert

Er weiss, dass jedes verpatzte Projekt, jeder aufgedeckte Fehler aus der Vergangenheit wie ein Schatten auch auf die Armee fällt. Doch Pfister muss schaffen, was seiner Vorgängerin nicht gelungen ist: Er braucht zusätzliche Milliarden für die heruntergesparte Armee.

Viel Unterstützung erhält er dabei nicht. Das Parlament streitet um die Finanzierung, die Bevölkerung wird bei jeder Panne und jedem Skandal aus dem Umfeld des VBS misstrauischer, und Pfisters sechs Bundesratskollegen tun erst gar nicht so, als ob sie Sicherheitspolitik für eine Gesamtaufgabe hielten. Pfister, der mit der festen Absicht angetreten war, das Vertrauen zurückzuerobern, das Viola Amherd im Gremium verspielt hatte, kann schon froh sein, wenn er nicht ausgebremst wird.

In seiner Einsamkeit wirkte Pfister eine Weile fast schon trotzig. Mit heftigen Reaktionen auf die Enthüllungen rund um das geplatzte Fixpreisversprechen beim F-35 hatte er gerechnet, nicht aber damit, wie er den Zeitungen von CH Media sagte, dass der Bericht der Geschäftsprüfungskommission das «Vertrauen ins VBS dermassen erschüttert».

Und nun das: Ende der vergangenen Woche wurde bekannt, dass im Rüstungsunternehmen des Bundes, der Ruag, über Jahre betrogen, gelogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet wurde. Die Missstände reichen weit in die Vergangenheit zurück, einige bis zur Zeit, als Viola Amherds Vorgänger, Guy Parmelin, und dessen Vorgänger noch im VBS waren. Die Politik reagierte empört. Linke wie Bürgerliche fordern mehr Kontrolle. Man könne, sagte SP-Co-Präsident Cédric Wermuth, das VBS offensichtlich nicht sich selbst überlassen.

Auch Pfister selbst ist empört. In einem Interview mit SRF sagt er, die «kriminelle Energie» habe ihn schockiert. Er kündigt weitere Abklärungen an – auch im VBS selbst, das von einem Whistleblower schon 2019 über einige Vorgänge in der Ruag informiert worden war.

Das war am Freitag letzter Woche. Am Dienstag ist bekanntgeworden, dass die Eidgenössische Finanzkontrolle, die schon beim Fixpreis- und beim Ruag-Debakel früh gewarnt hatte, das VBS erneut kritisiert. Es sei mit seiner Immobilienstrategie überfordert.

Am selben Tag beschliesst die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats eine markante Änderung zu Pfisters Armeefinanzierung: Fonds ja, aber ohne Mehrwertsteuererhöhung, dafür mit Einsparungen bei der internationalen Zusammenarbeit und einem Anteil aus der direkten Bundessteuer. Ob das Parlament im Dezember Ja sagt, ist offen. Sicher ist: Kommen die Kürzungen bei der Entwicklungshilfe durch, ergreifen die Linken das Referendum. Bis die Armee auch gegen Drohnen- und Cyberangriffe gerüstet ist, braucht es weiterhin Geld und Geduld.

Auf jeden Schlag folgt der nächste

Um Markus Ritter ist es ruhig geworden. Er kümmert sich um Landwirtschaftspolitik und ruft in der «Bauern-Zeitung» dazu auf, der «Fairness-Initiative» seiner Partei zuzustimmen. Martin Pfister, der strahlende Sieger von März 2025, ist seither zum Hiob im Bundeshaus geworden. In jedem Winkel, den er ausleuchtet, liegt noch Unrat von früher. Und jedes Mal, wenn er einen Schlag weggesteckt hat, kommt der nächste.

In Bern fragt man sich deshalb, ob Pfister Verteidigungsminister bleibt. Guy Parmelin tritt auf Ende Jahr zurück. Damit ergibt sich im Gremium eine Gelegenheit für eine Rochade. Pfister selbst gibt sich bedeckt. Als ihn eine SRF-Journalistin nach der Medienkonferenz zum Ruag-Skandal fragte, ob er Wechselgelüste habe, sagte er: «Der heutige Tag zeigt, dass ich noch einiges zu tun habe im VBS und Verantwortung und Engagement gefordert sind.»

Der Hiob in der Bibel hat irgendwann begonnen, gegen sein Schicksal aufzubegehren. Dann wurde es besser. Bei Pfister gibt es wenig Hoffnung auf Besserung. Vorerst wird er wohl im VBS bleiben. Die nächste Gelegenheit für einen Wechsel ergibt sich in einem Jahr. Dann dürfte Aussenminister Ignazio Cassis zurücktreten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christina Neuhaus

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