Märchen auf dem Baseballfeld, Arbeitskampf hinter den Kulissen – nach der World Series droht der Lockout

Im Duell der Aussenseiter gewinnen die Milwaukee Brewers den Titel gegen die Tampa Bay Rays. Der Streit um eine Lohnobergrenze sorgt jedoch für Störgeräusche.

29.10.2026, 11.00 Uhr

5 Leseminuten


Die Leistungen und Statistiken des Pitchers Dustin May werden von den Milwaukee Brewers bis ins kleinste Detail analysiert.

Die Leistungen und Statistiken des Pitchers Dustin May werden von den Milwaukee Brewers bis ins kleinste Detail analysiert.

Kayla Wolf / AP

Der preisgekrönte Film «Moneyball» aus dem Jahr 2011 trägt den Untertitel: «Die Kunst, ein unfaires Spiel zu gewinnen». Darin spielt Brad Pitt den General Manager der Oakland Athletics, einer Franchise, die viel weniger Geld zur Verfügung hat als die Konkurrenz aus den grossen Städten der USA. «Moneyball» erzählt das Märchen des Aussenseiters, der dank ausgeklügelter Statistik und Spielanalyse die reiche Konkurrenz auf dem Feld bezwingt.

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Ein solches Märchen hat sich in den letzten Wochen in der Realität abgespielt. In der World Series der Major League Baseball (MLB) standen sich die Milwaukee Brewers und die Tampa Bay Rays gegenüber. In der Nacht auf Donnerstag entschied Milwaukee die Best-of-Seven-Serie 4:1 für sich und gewann erstmals den Titel für die Stadt im Gliedstaat Wisconsin.

Milwaukee hat den Titel zuvor in 57 Jahren Klubgeschichte stets verpasst, Tampa Bay wartet nach der Niederlage immer noch auf die Premiere. Das ist kein Wunder. Die Brewers und die Rays gelten als sogenannte «Small Market Teams». Franchises, die ausserhalb der Ballungsräume in einem kleinen Fernseh- und Zuschauermarkt agieren und deshalb ein verhältnismässig geringes Budget aufweisen. Tampa Bay belegt im Ranking der Gehaltssumme der Spieler für die Saison 2026 den 28. Rang von 30 Mannschaften, Milwaukee Platz 19.

Beide Teams schafften in diesem Jahr den Coup, indem sie sich ähnlich verhalten haben wie der von Pitt verkörperte Manager Billy Beane in «Moneyball». Besonders die Brewers sind dafür bekannt, dass sie im statistikgetriebenen Baseball eigene Wege gehen und bei der Analyse von Partien und Spielern auf eigene Modelle setzen. Das spart Geld. Auf dem Weg in die World Series eliminierte Milwaukee im Halbfinal die Los Angeles Dodgers, die sich ihre Mannschaft mehr als doppelt so viel kosten lassen. Die Rays setzten sich ihrerseits gegen die New York Yankees durch, die ihren Profis mehr als dreimal so viel wie Tampa Bay bezahlen.

MLB-Teams dürfen so viel für Gehälter ausgeben, wie sie wollen

Dass eine Franchise wie die Milwaukee Brewers die World Series für sich entscheidet, ist eine Rarität. Seit der Jahrtausendwende haben nur drei Teams aus der unteren Hälfte der Gehaltsrangliste den Titel gewonnen, Geld kauft im Baseball einen beachtlichen Teil des Erfolgs. Brad Pitt sagte es als Billy Beane so: «Das Problem, das wir zu lösen versuchen, ist Folgendes: Es gibt reiche Klubs, und es gibt arme Klubs. Dann kommt eine fünfzig Fuss dicke Schicht Dreck. Erst dann kommen wir. Es ist ein unfaires Spiel.»

Das Ungleichgewicht haben Teambesitzer und die Ligaoberen der MLB erkannt. Sie plädieren deshalb schon länger für einen Salary-Cap. Eine feste Gehaltsobergrenze gibt es bereits in der National Football League (NFL) und der National Hockey League (NHL). In der MLB hingegen dürfen die Teams theoretisch so viel Geld für die Spieler ausgeben, wie sie möchten. Es gibt allerdings – wie in der Basketballliga NBA – eine sogenannte Luxussteuer.

Analog zu anderen Branchen in der Wirtschaft verfügt auch die MLB über einen Gesamtarbeitsvertrag. Darin ist zwar eine Gehaltsobergrenze festgelegt, sie beträgt für das laufende Jahr 244 Millionen Dollar. Wer aber mehr ausgibt, bezahlt die Luxussteuer, die nach einer komplizierten Formel berechnet wird und ähnlich wie ein Finanzausgleich funktioniert. Die reichen Los Angeles Dodgers werden diese Saison nebst den Gehältern zusätzlich über 183 Millionen Dollar bezahlen müssen – der Betrag ist höher als die gesamte Lohnsumme der Brewers, der Rays oder zehn weiterer MLB-Teams.

Der Durchschnittslohn wächst um über anderthalb Millionen

MLB-Franchises haben in den vergangenen Jahren trotz Luxussteuer immer wieder mit Megaverträgen auf sich aufmerksam gemacht. Prominentestes Beispiel ist der japanische Superstar Shohei Ohtani, der als erster Baseballspieler der jüngeren Vergangenheit eine globale Strahlkraft über die Sportart hinaus entwickelt hat. 2024 unterschrieb der 32-Jährige bei den Los Angeles Dodgers einen Zehnjahresvertrag, der ihm bis 2033 700 Millionen Dollar einbringen wird. Für die Dodgers lohnt sich das, weil sich mit Ohtani viel Geld verdienen lässt: mit Merchandising und Tickets für die Heimspiele.

Der einzige globale Superstar des Baseballs: Shohei Ohtani kassiert während zehn Jahren insgesamt 700 Millionen Dollar.

Der einzige globale Superstar des Baseballs: Shohei Ohtani kassiert während zehn Jahren insgesamt 700 Millionen Dollar.

Gary A. Vasquez / Reuters

Geht es nach der Liga und der Mehrheit der Teambesitzer, soll der Abschluss solcher Kontrakte künftig unmöglich sein. Die Franchises sind privatwirtschaftliche Unternehmen. Die Besitzer plädieren für einen Salary-Cap, um zu verhindern, dass die Lohnspirale sich weiter nach oben dreht – was ihre Gewinne schmälert.

Gemäss einer Untersuchung der Agentur AP stieg der Durchschnittslohn eines MLB-Profis ab 2021 von 3,68 auf 5,34 Millionen Dollar im laufenden Jahr. Ausserdem ist Konkurrenzfähigkeit auf dem Feld nicht nur aus sportlicher Sicht verlockend, sondern auch finanziell. In der MLB bestreitet jedes Team 81 Heimspiele in der Regular Season: Wer ständig verliert, zieht weniger Publikum an und ist für die TV-Stationen weniger interessant.

Die Liga fordert eine Ober- und eine Untergrenze der Löhne

Am 1. Dezember läuft jedoch der Gesamtarbeitsvertrag der MLB aus; schon als dieser 2021 verhandelt wurde, gab es harte Diskussionen über die Gehälter. Mit Ablauf der Vereinbarung streiten Liga, Besitzer und Spieler erneut über die Salärobergrenze. Die MLB stellt sich auf den Standpunkt, dass ein Salary-Cap den Mannschaften aus den kleineren Märkten helfen und es auch ihnen ermöglichen soll, sportliche Erfolge zu feiern.

Rob Manfred, der Präsident der MLB.

Rob Manfred, der Präsident der MLB.

PD

Der Ligapräsident Rob Manfred sagte gegenüber AP: «Es ist nicht so, dass Teams aus kleinen Märkten nicht gewinnen können. Es ist nur sehr selten.» Die Liga fordert deshalb eine strikte Beschränkung der Lohnsumme auf 245,3 Millionen und eine Untergrenze, Salary-Floor genannt, von 171,2 Millionen Dollar.

Die Spieler und ihre Gewerkschaft lehnen diese Pläne ab. Der Vorsitzende der Spielergewerkschaft Bruce Meyer sagte, der Vorschlag der MLB gleiche einer «Atombombe». Selbstredend zieht Meyer die diesjährige World Series mit den beiden Aussenseitern als Beweis hinzu, dass das jetzige System funktioniere.

Eine Einigung ist einen Monat vor Ablauf des Vertrags weit entfernt. Verständigen sich die Parteien bis Anfang Dezember nicht auf ein neues Arbeitspapier, kommt es zum Lockout. Das bedeutet, dass alle sportlichen Aktivitäten pausiert werden, bis ein neuer Gesamtarbeitsvertrag vorliegt. Im kommenden Frühjahr droht dadurch ein verspäteter Saisonstart, das passierte schon beim letzten Lockout 2021.

Die Brewers mit Jackson Chourio (oben) gewinnen erstmals die World Series.

Die Brewers mit Jackson Chourio (oben) gewinnen erstmals die World Series.

Michael Reaves / Getty

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christof Krapf

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