Luxemburg ist das einzige Land Europas, in dem Frauen mehr verdienen als Männer. Wie kommt das?
In Europa verdienen Männer fast überall mehr als Frauen. Das zeigen die Daten zum unbereinigten Gender-Pay-Gap von der Statistikbehörde Eurostat. Aber eben: nur fast. Luxemburg ist das einzige Land, in dem Frauen laut Statistik leicht mehr verdienen als Männer. Verändert hat das die Diskussion über Lohntransparenz und Lohngleichheit allerdings kaum, wie aktuelle Debatten zeigen. Unser Korrespondent für Luxemburg ordnet ein.
Matthias Strasser
EU-Korrespondent
Matthias Strasser ist Korrespondent für die EU und die Benelux-Staaten. Der Historiker ist seit 2019 für Radio SRF tätig. Davor war er Bundeshauskorrespondent für private Radiostationen in Bern.
Was besagt die Lohnstatistik in Luxemburg?
Auf dem Papier gilt Luxemburg als Vorzeigeland in Sachen Gleichstellung. 2021 ist die Statistik gekippt. Laut des unbereinigten Gender-Pay-Gaps verdienen Frauen derzeit im Schnitt etwas mehr pro Stunde als Männer. Die Differenz liegt bei knapp einem Prozent im privaten Sektor und noch etwas höher im öffentlichen Sektor.
Wie kommt diese statistische Lohngleichheit zustande?
Frauen in Luxemburg sind überdurchschnittlich gut ausgebildet. Viele von ihnen arbeiten im Bildungs- oder Gesundheitswesen, wo starke Kollektivverträge gelten und im europäischen Vergleich sehr hohe Löhne gezahlt werden. Dies hebt den durchschnittlichen Stundenlohn der Frauen rechnerisch stark an.
Was macht den luxemburgischen Arbeitsmarkt besonders?
Das Land ist sehr klein und es arbeiten viele Zugewanderte und Grenzgänger in Luxemburg. Fast 50 Prozent der Arbeitnehmenden pendeln über die Grenze. Dazu kommt, dass der Staat der wichtigste Arbeitgeber ist, mit vielen Angestellten etwa im Bildungsbereich und in der Pflege. Und in diesen Bereichen arbeiten besonders viele Frauen. Luxemburg bildet damit im internationalen Vergleich einen Sonderfall.
Warum kritisieren Gleichstellungsaktivistinnen die Zahlen?
Die Statistik bilde nicht die gesamte Realität ab, warnt Isabelle Schmoetten vom feministischen Kompetenzzentrum CID Fraen an Gender. Der Wert vergleiche lediglich durchschnittliche Bruttostundenlöhne. Wichtige Faktoren wie Boni, ungleiche Rentenansprüche oder der hohe Anteil an Teilzeitarbeit unter Frauen würden dabei nicht berücksichtigt. Zudem gebe es Branchen, in denen Männer nach wie vor deutlich mehr verdienten als Frauen.
Wird die Statistik zum politischen Bumerang?
Während Gleichstellungsaktivistinnen und Gewerkschafter den Gender-Pay-Gap üblicherweise gerne heranziehen, berichten sie in Luxemburg, dass ihnen die Statistik bei den Verhandlungen «auf die Füsse fällt». Oft heisse es von Arbeitgeberseite, das Ziel der Lohngleichstellung sei bereits erfüllt. Pit Bach von der Gewerkschaft OGBL kritisiert, dass Zahlen herausgepickt würden, die Arbeitgebern in die Karten spielen. Gesellschaftlich, erklärt Schmoetten von der CID, sei Luxemburg nicht weiter als andere Länder.
Wie beeinflusst der Gender-Pay-Gap die Diskussion um Lohntransparenz?
Kaum. Aktuell wird über die nationale Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie verhandelt. Diese verpflichtet Arbeitgeber zu detaillierten Angaben über Vergütungsstrukturen. Die luxemburgische Unternehmervereinigung fordert einen «pragmatischen Ansatz» mit möglichst wenig Mehraufwand und vereinfachten Transparenzregeln.
Die Gewerkschaften räumen zwar ein, dass Mehrarbeit entsteht. Allerdings dürfe der Sinn der Richtlinie nicht verwässert werden, um Gleichstellung und Transparenz zu gewährleisten. Die ausgeglichene Statistik ändert damit weder die Fronten noch die Argumente in der sozialpolitischen Auseinandersetzung.
Source: SRF · 28.10.2026, 13:45
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