Lena Dunham wurde mit «Girls» zur Stimme der Millennials. Nun kehrt die Serie zurück und mit ihr ihre brillante Autorin

Lena Dunham schuf mit Mitte zwanzig ein Meisterwerk und zerbrach fast am eigenen Ruhm. Jetzt ist sie vierzig, Mutter und kündigt eine Fortsetzung der Kultserie an. Das dürfte lustig werden.

28.10.2026, 05.30 Uhr

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«Eine Stimme einer Generation» wollte ihre Hauptfigur Hannah sein. Lena Dunham hat es geschafft.

«Eine Stimme einer Generation» wollte ihre Hauptfigur Hannah sein. Lena Dunham hat es geschafft.

PD

Ein nobles Restaurant, vermutlich in Manhattan, New York. Hannah, die Hauptfigur der legendären Serie «Girls», ist 24, steckt in einem unbezahlten Praktikum und arbeitet an ihrem ersten Roman. Sie isst Spaghetti, als ihr die Mutter eröffnet, dass die Eltern sie nicht mehr finanziell unterstützen würden. Hannah bedient das Klischee der verwöhnten Millennials und reagiert empört: Sie sei doch ihre einzige Tochter, und die Eltern könnten es sich leisten. Als die Mutter hart bleibt, erklärt Hannah, sie könne die Eltern vor deren Abreise nicht noch einmal sehen: «I have work, and then I have a dinner thing. And then I am busy, trying to become who I am.» Ich muss arbeiten, und dann habe ich noch ein Abendessen. Und danach bin ich damit beschäftigt, die Person zu werden, die ich eigentlich bin. Autsch.

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Die Szene gehört zu den bekanntesten von «Girls», der HBO-Kultserie, die von 2012 bis 2017 lief. «Girls» erzählt von den vier Freundinnen Marnie, Jessa, Hannah und Shoshanna, alle Mitte zwanzig. Zwischen Low-Rise-Jeans, ersten Jobs und toxischen Beziehungen suchen sie – gedemütigt von mittelmässigen Boyfriends, HPV-Diagnosen und Haarunfällen – ihren Platz im Leben.

Geschrieben hat die Serie Lena Dunham. Sie führte Regie und spielte die Hauptrolle der Hannah, die gerne eine grosse Autorin wäre, sich aber mehr schlecht als recht durchs Leben wurstelt. Sie sei die Stimme ihrer Generation, lässt Dunham ihre Hannah sagen. Oder, wenn nicht das, dann wenigstens «eine Stimme einer Generation».

«Girls» zu schauen, hiess auch, sich beim Zuschauen ein bisschen zu schämen. Meistens für Hannah, manchmal auch für sich selbst.

Vor zwei Wochen dann verkündete HBO: «Girls» kehrt zurück. Für 2027 sind fünf Folgen geplant. Mit Ausnahme von Hannahs On-off-Boyfriend, gespielt von Adam Driver, sind alle wichtigen Darsteller dabei. Dunham sagte stets, sie bringe «Girls» nur zurück, wenn sie etwas zu sagen habe. «Ich habe diese Figuren vermisst, aber lange Zeit konnte ich sie mir in der Gegenwart nicht richtig vorstellen. Dann, rund um meinen 40. Geburtstag, fingen sie an, in der Dusche mit mir zu reden.»

Die Nachricht ist eine kleine Sensation. Denn Lena Dunham schuf mit Mitte zwanzig ein Meisterwerk. Sie sezierte und parodierte die Träume, die Ängste und den Narzissmus der Millennials wie keine andere, schonungslos. Selbst wer Brooklyn nur aus Büchern und Filmen kannte, erkannte sich in den vier Freundinnen. Die Serie war witzig, geistreich und zumindest für die westliche Welt universell. Ihre Botschaft im Kern: Das Leben ist chaotisch, kompliziert, manchmal brutal, aber irgendwie kommt es schon gut. Und wenn nicht, dann sind da ja noch die gut situierten Eltern.

Das könnte erklären, warum «Girls» auf den Streamingplattformen in den letzten Jahren ein Revival erlebt hat.

Wären da nur nicht die Zumutungen des Lebens: In «Girls» navigieren sich die vier Freundinnen Marnie, Jessa, Hannah und Shoshanna (v. l.) durch ihre Zwanziger in New York, mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Wären da nur nicht die Zumutungen des Lebens: In «Girls» navigieren sich die vier Freundinnen Marnie, Jessa, Hannah und Shoshanna (v. l.) durch ihre Zwanziger in New York, mal mehr, mal weniger erfolgreich.

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Aus der New Yorker Künstlerelite

Dunhams Karriere begann früh. 1986 wurde sie in New York als Tochter des Malers Carroll Dunham und der Künstlerin und Fotografin Laurie Simmons geboren. Ihr jüngeres, nichtbinäres Geschwister ist Model und politischer Aktivist.

Dunham besuchte die Saint Ann’s School in Brooklyn, eine Eliteschule, auf die wohlhabende New Yorker Künstlereltern ihre Kinder gerne schicken. 2008 schloss sie am renommierten Oberlin College in Creative Writing ab.

Bekannt wurde sie mit dem Low-Budget-Film «Tiny Furniture» von 2010, einer Art Vorläufer von «Girls». Mit 23 Jahren gewann sie damit den Hauptpreis eines wichtigen Wettbewerbs. Der Hollywood-Grösse Judd Apatow, Produzent und Regisseur, gefiel der Film. Er holte Dunham nach Los Angeles. Mit 24 Jahren unterschrieb sie bei HBO.

«Girls» war in vielem seiner Zeit voraus. Die Serie handelte von psychischen Krankheiten, von Grauzonen bei mutmasslichen Übergriffen und vom Umgang mit Abtreibungen. Vor allem aber gab es Sexszenen mit normalgewichtigen Frauen, die Cellulite an den Beinen und Haare unter den Achseln hatten. Das hatte man im Fernsehen bis dahin nicht gesehen. Hannah zeigte sich oft nackt, auch in alltäglichen Szenen. Es war eine Provokation und nebenbei eine sehr elegante. Provozieren konnte Dunham schon immer meisterhaft.

Das machte sie für viele zur Reizfigur: Entweder man hasste oder liebte sie. Sie, die das «oversharing» zum Geschäftsmodell machte, musste, solange die Serie lief, viel einstecken. Dunham machte Wahlkampf für Hillary Clinton und sprach sich für das Recht auf Abtreibung aus. Den Feministinnen konnte sie es trotzdem nicht recht machen: Feminismus bestehe nicht darin, sich nackt zu zeigen und über Banalitäten zu philosophieren. Und als sogenanntes Nepo-Baby sei sie sowieso zu privilegiert. Hinzu kam der Vorwurf, «Girls» mangle es an Diversität: Alle vier Frauen sind weiss.

Lena Dunham als Hannah mit ihrem ehemaligen Co-Star Adam Driver als On-off-Boyfriend. Mit Ausnahme von Driver sind alle wichtigen Darsteller wieder dabei.

Lena Dunham als Hannah mit ihrem ehemaligen Co-Star Adam Driver als On-off-Boyfriend. Mit Ausnahme von Driver sind alle wichtigen Darsteller wieder dabei.

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Die ständige Kritik an ihrem Körper

Immer wieder ging es um ihren Körper. Den einen war sie zu dick. Als sie abnahm, hiess es, sie habe sich dem Schönheitsdiktat unterworfen. Der «New York Times» sagte sie einst: «Es wurde festgehalten, dass ich in High Heels wie ein Giraffenbaby laufe, dass ich inzwischen das Geld haben sollte, meine Zähne richten zu lassen, dass ich nicht so hässlich war, wie alle sagten, dass ich noch hässlicher war.»

«Girls» brachte Dunham zwei Golden Globes und mehrere Emmy-Nominierungen ein. 2013 erhielt sie als erste Frau den Directors Guild of America Award für die beste Comedyserie. Im selben Jahr nahm das «Time Magazine» sie in die Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt auf. Dunham war eine Ikone, noch bevor sie dreissig wurde.

2017 endete «Girls» nach sechs Staffeln. Und Dunham verschwand aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Nach dem jahrelangen «Body-Shaming» entschied sie sich, nicht mehr als Schauspielerin aufzutreten.

Heute hat sich Dunhams Leben grundlegend verändert. Seit 2021 ist sie mit dem britischen Musiker Luis Felber verheiratet, der «Girls» nie gesehen haben soll. Seither lebt sie in London, wo auch ihre neue Serie «Too Much» spielte. Im Mai wurde Dunham vierzig. Und im August kam ihre Tochter mithilfe einer Leihmutter zur Welt.

Was in den Jahren nach «Girls» geschah, erzählt Dunham in ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie «Famesick». Das Buch handelt von der Grausamkeit des Social-Media-Zeitalters und von New York, aber auch von ihrem ständigen Begleiter, dem Schmerz. Schon in ihrer ersten Autobiografie «Not That Kind of Girl» verarbeitet sie Psychotherapie, Nervenzusammenbrüche, ungesunde Beziehungen und eine mutmassliche Vergewaltigung. Über Dunham heisst es, sie sei in ihrem Leben wohl häufiger in Kliniken gewesen als am Schnittplatz.

Schmerzen, Operationen und Medikamentensucht

Seit sie neun ist, ist Dunham in Therapie. Mit elf wurde bei ihr eine Zwangsstörung diagnostiziert, mit vierzehn bekam sie erstmals Psychopharmaka. Seit ihrer Jugend leidet sie an Angststörungen und an Endometriose, einer chronischen Erkrankung, bei der gebärmutterähnliches Gewebe im Körper wuchert. In ihrer Biografie beschreibt sie Blutklumpen, die manchmal «so gross waren, dass sie aus mir herausschwammen und wie Kirschtomaten an der Oberfläche der Badewanne trieben». 2017 liess sie sich deswegen die Gebärmutter entfernen. 2019 gab sie bekannt, am Ehlers-Danlos-Syndrom zu leiden, einer seltenen Erkrankung des Bindegewebes. Bei einem Schub muss sie am Stock gehen.

Im Lauf der Jahre musste sie sich mehreren Operationen unterziehen und wurde abhängig von Schmerzmitteln. Dreissig Tage nachdem sie eine Entzugsklinik verlassen hatte, im Frühling 2018, begann sie mit der Arbeit an «Famesick». Acht Jahre später sei sie fertig gewesen.

Der Schmerz zieht sich auch durch «Girls». Die Serie tat beim Zuschauen oft weh. Zum Beispiel: Hannah steht wegen einer Deadline unter Druck. Sie zieht sich im Badezimmer einen Splitter aus dem Gesäss und reinigt sich danach, vielleicht als eine Art Busse, so heftig die Ohren mit einem Wattestäbchen, dass sie sich das Trommelfell durchsticht. Es blutet stark. Im Spital muss sie sich das Wattestäbchen entfernen lassen. Am Ende der Folge führt sie auch ins andere Ohr ein Wattestäbchen ein, und man will am liebsten den Bildschirm ausschalten: Der Zwang ist stärker als der Schmerz. Kritiker lobten ihren authentischen Umgang mit Zwangsstörungen.

Die «Girls» 2017: Zosia Mamet (Shoshanna), Allison Williams (Marnie), Lena Dunham (Hannah) und Jemima Kirke (Jessa) posieren zur Premiere der letzten Staffel gemeinsam.

Die «Girls» 2017: Zosia Mamet (Shoshanna), Allison Williams (Marnie), Lena Dunham (Hannah) und Jemima Kirke (Jessa) posieren zur Premiere der letzten Staffel gemeinsam.

Evan Agostini / AP

«Wir sind keine ‹Girls› mehr»

Und nun also die Fortsetzung. Verkündet hat Dunham die Rückkehr in einem inszenierten Zoom-Call mit ihren Co-Stars Zosia Mamet, Allison Williams, Jemima Kirke und Andrew Rannells. Ob man das Ganze überhaupt noch «Girls» nennen dürfe, fragt Dunham darin. Sie seien ja «old as f–». Der Clip ging viral, ein typischer Coup: Dunham weiss sich zu inszenieren.

In den neuen Folgen dürfte es um das Leben in den Vierzigern gehen. In einem Substack-Beitrag schreibt Lena Dunham, mit 23 habe sie geglaubt, das sei das letzte «Übergangsalter», danach sei Schluss mit dem Dazwischensein. Doch auch vierzig sei «its own kind of weird».

Es gebe so viele Arten, vierzig zu sein: «Man kann mit Mitbewohnern zusammenleben und jeden Abend betrunken sein, oder man ist Mutter von vier Kindern und hält einen Haushalt zusammen. Man kann stolz mit wechselnden Partnern schlafen oder in der Perimenopause stecken und nie wieder berührt werden wollen. Ich habe Freundinnen in Ehekrisen, die sich zu alt fühlen, um noch einmal neu anzufangen, und andere, die zum neunten Mal den Beruf wechseln. Es gab vierzigste Geburtstage auf Weingütern und vierzigste Geburtstage als Raves.» Besser kann man es natürlich kaum beschreiben.

Wo also stehen Marnie, Jessa, Shoshanna und vor allem Hannah heute? Bei einer Lesung zu ihrer Autobiografie wurde Dunham gefragt, wie Hannah heute lebe. Sie schreibe wohl einen mässig erfolgreichen Substack-Newsletter, sagte Dunham. Und sei auf einer Dating-App für Menschen unterwegs, die sich für sexuell abenteuerlustig hielten. Natürlich.

Streng genommen seien sie und ihre Freundinnen keine «Girls» mehr, schreibt Dunham. Sie habe nicht aufhören können, darüber nachzudenken, wo ihre Figuren heute stünden und wie sie diesen Meilenstein nähmen. Zu ihnen zurückzukehren, sei jetzt ein Geschenk. Nicht nur für sie.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lisa Aeschlimann

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