Latinos, Junge und Gegner des Iran-Kriegs: Wahlentscheidend war die Proteststimmung in einzelnen Bevölkerungsgruppen
Was steckt hinter dem republikanischen Debakel in den Zwischenwahlen? Für Präsident Trump gibt es nichts zu beschönigen: Er hat mit seiner Politik entscheidende Wählergruppen vor den Kopf gestossen.
04.11.2026, 16.55 Uhr
3 Leseminuten
Eine Wählerin in Michigan verfolgt die Wahl des Demokraten Abdul El-Sayed in den Senat. Bei der jungen Bevölkerung haben die Republikaner besonders viel Rückhalt verloren.
Julia Demaree Nikhinson / AP
Über den Sieg der amerikanischen Demokraten in den Zwischenwahlen vom Dienstag herrscht völlige Klarheit, aber die Gründe dahinter erschliessen sich nicht auf den ersten Blick. Die Wahlen galten als Referendum über die Amtsführung von Präsident Donald Trump. Doch wer genau war mit Trump besonders unzufrieden, und weshalb?
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Aufschlüsse geben aufwendige Wählerbefragungen, die am Dienstag von der Meinungsforschungsfirma SSRS im Auftrag grosser amerikanischer Medien durchgeführt wurden. Dabei ergeben sich interessante Erkenntnisse. So verloren die Republikaner beispielsweise nicht besonders in den Städten oder auf dem Land; vielmehr verlor die Partei Trumps in urbanen und ländlichen Gegenden ähnlich an Rückhalt. Den entscheidenden Unterschied machten auch nicht die älteren Bevölkerungsteile – wäre es nach ihnen gegangen, hätten die Republikaner den Wahltag ohne grossen Schaden überstanden.
Aber in der Gruppe der unter 45-Jährigen fand geradezu eine Rebellion statt: Hatten diese Wählerinnen und Wähler vor zwei Jahren noch zu 47 Prozent ihre Stimme Trump gegeben, so standen sie jetzt nur noch zu 32 Prozent hinter den republikanischen Kandidaten. Eine derart drastische Verschiebung kommt bei amerikanischen Wahlen nur selten vor. Offensichtlich hatte ein erheblicher Teil dieser jungen und mittelalterlichen Leute Hoffnungen in Trump gesteckt, die er bitter enttäuschte.
Erdrutsch in der Latino-Minderheit
Deutlich zeigt sich das auch bei den Latinos. Dabei handelt es sich um jene ethnische Minderheit, die im Vergleich zu 2024 den stärksten Stimmungsumschwung zum Ausdruck brachte. Vor zwei Jahren hatte Trump 43 Prozent der Latino-Stimmen geholt, ein im historischen Vergleich sensationell hoher Anteil. Nun kamen die Republikaner nur noch auf 35 Prozent. Dieser Rückgang wirkte sich in Gliedstaaten mit hohem hispanischen Bevölkerungsanteil wie Texas katastrophal auf die Partei aus.
Schon vor den Wahlen hatten Untersuchungen ergeben, dass viele Latinos enttäuscht von der republikanischen Regierung sind, weil sich ihre wirtschaftlichen Verhältnisse nicht gebessert haben und Trumps Behörden gnadenlos Jagd auf illegal eingewanderte Menschen machte – vor allem solche aus Lateinamerika.
Die Wählerbefragungen zeigen ferner, dass der unpopuläre Iran-Krieg die Gegner Trumps stark mobilisiert hat. Rund drei Viertel der befragten Wahlteilnehmer gaben an, der Krieg sei für sie bei der Stimmabgabe ein zentraler oder wichtiger Faktor gewesen. Diese Leute stimmten grossmehrheitlich demokratisch. Die wegen der Krise am Golf stark gestiegenen Treibstoffpreise waren ebenfalls ein Handicap für die Republikaner. Sieben von acht Wählern äusserten sich mit Blick auf ihre persönliche finanzielle Situation besorgt über die hohen Preise. Gut 60 Prozent waren der Ansicht, dass Trump sich nicht für Menschen wie sie einsetze. Ein ähnlich hoher Anteil sprach dem Präsidenten die nötigen geistigen Fähigkeiten für dieses Amt ab.
Ein Teil der Evangelikalen bleibt zu Hause
Die Wählerbefragungen deuten ferner darauf hin, dass es der Demokratische Partei viel besser gelang, ihre Basis an die Urne zu bringen. Traditionell sind Republikaner die disziplinierteren Urnengänger, doch diesmal waren die Demokraten in der Überzahl. Aus welchen Gründen auch immer entschieden sich erhebliche Teile der evangelikal-christlichen Basis Trumps, diesmal zu Hause zu bleiben. Der Anteil der evangelikalen Weissen, einer der wichtigsten republikanischen Wählergruppen, sank gegenüber 2024 von 23 auf 17 Prozent der gesamten Wählerschaft. Das entspricht Millionen von Amerikanern, die dem Ruf Trumps diesmal offensichtlich nicht mehr folgen wollten.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Rüesch
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira