Lässt sich der Konflikt zwischen Washington und Kiew beilegen? In Oslo unternimmt Selenski einen neuen Anlauf

Am Dienstag hat der ukrainische Präsident in Norwegen den US-Gesandten Steve Witkoff getroffen, um einen Friedensplan auszuarbeiten. Die Ukraine will den Bruch mit dem Weissen Haus verhindern – doch Trump möchte lieber mit Putin und Xi sprechen.

20.10.2026, 18.53 Uhr

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Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski umarmt am Dienstag Trumps Sondergesandten Steve Witkoff, begleitet von Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Störe (rechts) und dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski umarmt am Dienstag Trumps Sondergesandten Steve Witkoff, begleitet von Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Störe (rechts) und dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb.

Heiko Junge / NTB via Reuters

Selten war das Verhältnis zwischen den USA und der Ukraine derart angespannt wie jetzt. Kaum ein Tag vergeht, an dem sich Donald Trump und Wolodimir Selenski nicht mit beissender Kritik überziehen. Trotz – oder gerade wegen – der öffentlichen Schlammschlacht hat sich der ukrainische Präsident am Dienstag mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff in Oslo getroffen. Dabei ging es darum, einen Vorschlag für einen Friedensplan auszuarbeiten, der Russland unterbreitet werden kann.

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Laut dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Störe war es Selenski, der um eine Teilnahme Witkoffs an den Gesprächen gebeten hatte. «Das Ziel ist es, die diplomatischen Bemühungen auf einen konstruktiveren Weg zu bringen.» Neben Störe war auch der finnische Präsident Alexander Stubb zugegen. Trumps Schwiegersohn Jared Kushner nahm per Videoschaltung teil. Davor hatte sich Selenski mit dem norwegischen König Haakon getroffen.

Es handelte sich um die ersten direkten Gespräche zwischen Washington und Kiew seit Beginn der jüngsten Krise vor anderthalb Wochen. Für Selenski geht es um viel: Er muss sich als glaubwürdigen Partner für eine Friedenslösung präsentieren und damit die Amerikaner besänftigen. An einer Pressekonferenz am Abend gaben sich Selenski, Störe und Stubb optimistisch, sprachen von «konstruktiven Gesprächen» und «echten Fortschritten», ohne konkret zu werden. Ziel sei es, dereinst ein trilaterales Treffen zwischen Trump, Putin und Selenski abzuhalten. Witkoff werde am Mittwoch nach St. Petersburg reisen, um die russische Führung zu treffen und die diskutierten Ideen zu präsentieren.

Trump ignoriert Russlands Angriffe

Die in Oslo verbreitete Zuversicht steht in scharfem Kontrast zum Verhalten Donald Trumps. Der amerikanische Präsident scheint kaum mehr gewillt, den Interessen der Ukraine oder Europas starke Beachtung zu schenken – vielmehr streckt er die Hand nach Moskau aus. Er hat nicht nur ein Dieselabkommen mit Putin geschlossen und die Verhängung neuer Sanktionen gegen Russland gestoppt, sondern übernimmt auch zunehmend die Rhetorik des Kremls, wenn er etwa Selenski als Verhinderer einer Friedenslösung darstellt und zu einem Wechsel an der Staatsspitze aufruft.

Praktisch täglich teilt Trump gegen den ukrainischen Präsidenten aus. Am Sonntag schrieb er über Selenski: «Er will diesen Krieg nicht beenden und wollte das vielleicht auch nie.» Am Montag folgte die nächste Tirade: «Wir haben der Ukraine viel gegeben. Sie haben uns nichts gegeben.» Auf russischer Seite hingegen will Trump keine Fehler sehen: «Russland hat sich, ehrlich gesagt, in Bezug auf die Ukraine ganz gut verhalten. Sie haben nicht viel gemacht.»

Dass Moskaus Bomben praktisch jeden Tag ukrainische Wohnhäuser und Energieanlagen zerstören, erwähnte er nicht. Die Zahl ziviler Opfer in der Ukraine ist in den letzten Monaten stark angestiegen. Auch am Dienstag kam es wieder zu tödlichen Angriffen. Stattdessen kritisiert Trump immer wieder die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien.

Wolodimir Selenski trägt sich vor einem Treffen mit dem norwegischen König Haakon am Dienstag im Gästebuch ein.

Wolodimir Selenski trägt sich vor einem Treffen mit dem norwegischen König Haakon am Dienstag im Gästebuch ein.

Ole Berg Rusten / EPA

Selenski telefoniert mit Rubio

Jüngst hielt sich auch Selenski mit öffentlicher Kritik nicht mehr zurück. Am Sonntag sagte er in einem Interview mit Bloomberg: «Ich glaube, dass Schritte unternommen werden, um die Ukraine zur Kapitulation zu bewegen.» Er wirft Washington vor, absichtlich Geheimdienstinformationen und Flugabwehrraketen zurückzuhalten sowie das Satelliteninternet von Starlink einzuschränken. Nach einem Luftangriff mit sechzehn ballistischen Raketen schrieb Selenski am Montag, dass die Ukraine ein weiteres Mal nicht von ihren Partnern vorgewarnt worden sei.

Die USA weisen diese Vorwürfe von sich. Noch bevor Selenski am Dienstag auf Witkoff traf, telefonierte er mit dem amerikanischen Aussenminister Marco Rubio. Laut dem amerikanischen Nachrichtenportal «Axios» soll Rubio dem ukrainischen Präsidenten versichert haben, dass es keine Anweisung von Trump gebe, der Ukraine zu schaden. Die Verzögerung bei der Lieferung von Patriot-Raketen sei auf den grossen Eigenbedarf der USA zurückzuführen. Das Ausbleiben von Warnungen vor Raketenangriffen habe mit technischen Problemen zu tun.

Im Anschluss an das Telefonat sprach Selenski von einer «konstruktiven Diskussion» und bedankte sich bei Rubio für seine «Hilfsbereitschaft und klare Haltung». Wirklich klar dürfte die Haltung des Weissen Hauses angesichts der gemischten Signale aus Washington für Selenski aber nicht sein.

Putin schlägt Dreiertreffen vor

Im gegenwärtigen Konflikt fällt auf, wie sehr sich die Europäer zurückhalten. Nach dem Eklat zwischen Selenski und Trump im Februar 2025 hatten europäische Staatsführer wie Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer noch demonstrativ die Reihen hinter der Ukraine geschlossen und eine diplomatische Offensive in Washington gestartet, um eine grössere Krise zu verhindern. Nun scheinen es vorderhand nur die Norweger und die Finnen zu sein, die aktiv zwischen den Streithähnen vermitteln.

Vertreter aus anderen EU-Staaten oder aus der Nato nahmen nicht an den Gesprächen teil. Gerade Macron und Merz, die Wortführer in der sogenannten «Koalition der Willigen», dürften derzeit mit innenpolitischen Problemen absorbiert sein. Ministerpräsident Störe sagte am Dienstagabend, man werde sich nun mit europäischen Staatschefs austauschen: «Wir brauchen ein stärker vereintes Europa am Verhandlungstisch.»

Derweil schwebt Donald Trump ein trilaterales Treffen mit dem russischen Präsidenten und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping vor. Am Montag bestätigte er sein Interesse an einem solchen Austausch, allerdings zu anderen Themen als der Ukraine. Laut dem «Wall Street Journal» geht die Idee auf einen Vorschlag von Putin zurück, der mit seinen Amtskollegen über ein Ende des Ukraine-Kriegs verhandeln wolle. Eine Gelegenheit böte sich am Rande des Apec-Gipfels in der chinesischen Stadt Shenzhen Mitte November.

Es wäre ein Treffen ganz im Sinne Putins: Er sässe mit den mächtigsten Männern der Welt an einem Tisch, um über die globalen Geschicke zu sprechen – ganz ohne Selenski und die lästigen Europäer.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jonas Roth

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