Krieg im Sudan «Wenn du hier keine Waffen hast, dann bist du niemand mehr»
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Diese Woche wurde in Genf über Frieden im Sudan verhandelt, doch die Kriegsparteien fehlten. SRF-Afrika-Korrespondentin Sarah Fluck über eine vergessene Katastrophe und eine Zivilbevölkerung, für die der Krieg zum Alltag geworden ist.
Sarah Fluck
Afrika-Korrespondentin
Sarah Fluck ist seit 2024 Afrika-Korrespondentin von Radio SRF und lebt in der ugandischen Hauptstadt Kampala. Vor ihrem Engagement bei SRF war Fluck als freie Journalistin in Ostafrika tätig. Sie hat Afrikapolitik an der School of Oriental and African Studies (Soas) in London studiert.
Kann über Frieden verhandelt werden, wenn die Kriegsparteien nicht am Tisch sitzen?
Nein, das geht natürlich nicht. In Genf ging es primär darum, die internationalen Vermittler besser zu koordinieren. Die Kriegsparteien, das sind die sudanesische Armee gegen die paramilitärischen Rebellen, glauben immer noch, dass sie mit Waffen mehr erreichen als am Verhandlungstisch. Darum müssen die Vermittler zuerst genug Druck aufbauen, damit diese überhaupt zu Verhandlungen bereit sind.
Worum geht es in diesem Krieg?
Eine Politologin nannte es treffend einen «Flickenteppich». Auf beiden Seiten kämpfen unterschiedlichste Gruppen mit eigenen Zielen. In der Region Kordofan geht es um strategische Versorgungsrouten. In Darfur hat die Gewalt eine starke ethnische Dimension, da werden Bevölkerungsgruppen gezielt verfolgt. Anderswo geht es um Goldminen, Land oder Wasser. Es gibt ganz viele Konflikte, die sich in diesem grossen Krieg überlagern.
Was bedeutet das für die Menschen vor Ort?
Der Krieg ist Teil ihres Lebens geworden. Es gibt praktisch keine Distanz mehr. Ein Kollege von mir musste umziehen, weil sein Haus nahe am Flughafen liegt, der ständig mit Drohnen angegriffen wird. Eine junge Frau hat ihr Studium aufgegeben, weil ihr Bruder verschwunden ist und sie im Laden der Eltern aushelfen muss. Man weiss nicht, ob er verhaftet wurde oder sich dem Militär angeschlossen hat, sein Handy ist einfach aus.
Es gibt zudem Untersuchungen, die die Rekrutierung von Minderjährigen durch beide Kriegsparteien dokumentieren. Ein Junge, der sich der Armee angeschlossen hat, sagte zu einer Journalistin: «Ich kann ja auch daheim von den Bomben getroffen werden, also ist es egal, wenn ich in den Kampf ziehe.» Dann sagte er noch etwas, das mir geblieben ist: «Wenn du in diesem Land keine Waffen hast, dann bist du niemand mehr.» Das zeigt, wie tief die Militarisierung in der Gesellschaft verwurzelt ist.
Was müsste für einen Frieden geschehen?
Die ausländischen Unterstützer müssten aufhören, Waffen und Geld zu liefern. Dann müssen die zivilen Kräfte an den Verhandlungstisch, sonst teilen die Kriegsparteien die Macht einfach unter sich auf. Und drittens: Ein Waffenstillstand ist noch lange kein Frieden. Es braucht einen Prozess der Versöhnung und Wiedergutmachung. Die Menschen müssen erfahren, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Aber sich heute den Frieden im Sudan vorzustellen, ist mehr ein hoffnungsvoller Blick in eine Glaskugel.
Nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Omar al-Bashir 2019 sollte der Sudan zu einer demokratischen Ordnung übergehen. 2021 putschten jedoch die Armee und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) gemeinsam gegen die zivile Übergangsregierung. Als der Machtkampf zwischen den einstigen Verbündeten eskalierte, brach im April 2023 ein Krieg aus. Seither kämpfen die Streitkräfte von Armeechef Abdel Fattah al-Burhan und die RSF von Mohamed Hamdan Dagalo um die Kontrolle des Landes.
Die UNO bezeichnet die Folgen des Konflikts als eine der schwersten humanitären Krisen der Welt. Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, viele sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Besonders schwer betroffen sind die Region Darfur und die Hauptstadtregion Khartum. Trotz wiederholter internationaler Vermittlungsbemühungen ist ein Ende des Konflikts derzeit nicht in Sicht.
Tagesgespräch, 23.10.2026; 13 Uhr ; srf/koua;mcep
Source: SRF · 24.10.2026, 15:21
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