Krawalle mit Ansage – aber kaum Verhaftungen in Zürich. Die Halloween-Taktik der Linksextremen ist aufgegangen

Die Stadtpolizei sieht sich nach den Verwüstungen vom Samstagabend erneut mit der Kritik konfrontiert, nicht hart genug durchzugreifen. Sie kontert, sie habe Schlimmeres verhindern können.

01.11.2026, 16.35 Uhr

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Krawall mit Ankündigung: Die Feuerwehr löscht einen brennenden Container.

Krawall mit Ankündigung: Die Feuerwehr löscht einen brennenden Container.

Christian Beutler / Keystone

Diesmal kommen die schockierendsten Bilder von Plünderungen aus Frankfurt statt Paris. Aber die Spur der Zerstörung zieht sich nach einer europäischen Krawallnacht von Frankreich über Deutschland bis in die Schweiz. Nicht nur die französischen Jugendproteste werden kopiert, sondern auch die Raserei, die in ihrem Windschatten stattfindet: getragen von Linksextremen, die den Staat angreifen, und Trittbrettfahrern, die sich selbst bereichern.

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Dass es anders ginge, zeigte sich in Wien. Dort gab es am Samstag ebenfalls eine Demonstration, die aber laut der Polizei keine grösseren Zwischenfällen zur Folge hatte. Genau das Gegenteil passierte in Zürich – dort gab es in der Nacht von Samstag auf Sonntag Krawalle ohne vorgängigen friedlichen Protest.

Das war von den Anstiftern auch genau so geplant. In einem Aufruf zum Kampf, der aus linksextremen Kreisen stammte, distanzierten sie sich von der Darstellung, es handle sich um Schülerproteste, die von Extremisten unterwandert würden. Vielmehr sei dies ein Aufstand, und die sogenannten «Casseurs», die Schaufenster einschlagen, seien ein zentraler Teil davon. Zerstörung als revolutionärer Akt.

Mehrere hundert Vermummte folgten dem Aufruf. Sie versammelten sich am späten Samstagabend gut vorbereitet und ausgerüstet an der Zürcher Langstrasse. Sie setzten Container und E-Bikes und ein Auto in Brand und schlugen Löcher in die Scheiben mehrerer Geschäfte. Da die Schaufenster aber – anders als in Frankfurt – nirgends ganz aus dem Rahmen gebrochen wurden, blieben Plünderungen aus.

Die Militanz der Linksextremen zeigte sich auch andernorts in der Schweiz. So steht ein Anschlag in Thun offenbar in Zusammenhang mit den Krawallen. Dort war der Hauptsitz jenes Waffenherstellers ausgebrannt, der für die Polizei Gummigeschosswerfer herstellt.

Die ausgebrannte Fassade des Thuner Waffenherstellers.

Die ausgebrannte Fassade des Thuner Waffenherstellers.

Peter Schneider / Keystone

In Basel brannten in der Nacht auf Samstag ebenfalls Barrikaden, es kam zu Sachbeschädigungen. Dort flohen die Krawallanten jedoch nach einer Intervention der Polizei. Dass sie dagegen in Zürich bis in die frühen Morgenstunden weitermachen und sich eine Strassenschlacht mit der Polizei liefern konnten, sorgte tags darauf für Kritik. Dies gilt besonders für den Umstand, dass es trotz Ankündigung der Ausschreitungen kaum zu Verhaftungen kam. Aufgegriffen wurden lediglich zwei junge Schweizer, die sich laut einer Mitteilung auf einer Baustelle mit Wurfgegenständen eindecken wollten.

Täter festnehmen – «koste es, was es wolle»

Dass die Mitglieder eines gewaltbereiten Mobs unerkannt entkommen waren, hatte schon Mitte Oktober zu reden gegeben, nach einer Strassenschlacht am Hardplatz. Anders als in jenem Fall, als die Polizei überrascht wurde, war sie diesmal aber vorgewarnt.

Spuren eines Brandes nach der Krawallnacht im Zürcher Langstrassenquartier am Samstagabend.

Spuren eines Brandes nach der Krawallnacht im Zürcher Langstrassenquartier am Samstagabend.

Christian Beutler / Keystone

Die SVP forderte in einer Medienmitteilung, die Polizei müsse sofort einschreiten, wenn bei Kundgebungen auch nur eine einzige Fensterscheibe zu Bruch gehe. Sie müsse die Täter festnehmen – «koste es, was es wolle». Die Verantwortung für das Versagen trage die grüne Polizeivorsteherin Karin Rykart mit ihrem «Kuschelkurs» gegenüber linksextremen Gruppen. Ein Hinweis auf Ende August, als Besetzer aus der linken Szene in der Zürcher Altstadt den historischen Lindenhof verschandelten, und man sie lange gewähren liess.

Die FDP ist überzeugt, dass im reichen Zürich die Menschen nicht aus den gleichen Motiven auf die Strasse gingen wie in Frankreich, wo die Zukunftsangst angesichts der Jugendarbeitslosigkeit gross sei. Es gehe nur um «kriminelle Selbstinszenierung». Auch die SP verurteilte die Krawalle ohne Wenn und Aber: Es sei den Beteiligten nur um Sachbeschädigung und Konfrontation gegangen, dafür sei in Zürich kein Platz.

Einkesseln wäre unverhältnismässig gewesen

Warum hat die Polizei die Vermummten diesmal nicht eingekesselt, wie sie dies am 1. Mai oft mit Erfolg getan hat? Diese Praxis ist zwar bei der Zürcher Linken unbeliebt, die Stadtregierung hat sie aber auch nach einem kritischen Verdikt des europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte beibehalten. Sie argumentiert, es handle sich um ein mildes Zwangsmittel, um gewalttätige Demonstranten zurückzudrängen und einer Personenkontrolle zu unterziehen.

Laut einer Sprecherin der Stadtpolizei stand eine Einkesselung am Samstagabend nicht zur Debatte. Der Grund: Die Krawallanten hatten sich bewusst unter das Partyvolk gemischt, das sich wegen Halloween besonders zahlreich und zum Teil maskiert auf der Langstrasse tummelte. Wer zu welcher Gruppe gehörte, war nicht klar. Die  Stimmung war gelöst, es wurde getanzt, es gab keine Straftaten. Hätte die Polizei alle eingekesselt, hätte sie auch viele Unbeteiligte erwischt – was unverhältnismässig gewesen wäre.

Bei diesem gegenseitigen Belauern blieb es, bis plötzlich der erste Container brannte und die erste Scheibe klirrte. Sobald die Polizei einschritt, zogen sich kleine Gruppen ins Quartier zurück, setzten Gegenstände in Brand und griffen die Einsatzkräfte wiederholt an. Zudem überall Partygänger, Gaffer sowie Sanitäter und Feuerwehrleute, die Schutz brauchten – in dieser Situation seien Verhaftungen nicht möglich gewesen.

Immerhin sei es aber gelungen, zu verhindern, dass der Mob Richtung Europaallee und Innenstadt vordrang, betont die Sprecherin – denn solche Versuche habe es gegeben. Und dort wäre das Schadenspotenzial noch deutlich grösser gewesen. Dabei setzte die Polizei nicht nur den Wasserwerfer ein, sondern mischte diesem auch Reizstoff bei, was selten vorkomme.

Der Eingang des Kollerhofs ist verschmiert, die Scheiben der Coop-Filiale eingeschlagen.

Der Eingang des Kollerhofs ist verschmiert, die Scheiben der Coop-Filiale eingeschlagen.

Christian Beutler / Keystone

Source: Neue Zürcher Zeitung · Marius Huber

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