Kommentar
Donald Trump hatte den Amerikanern versprochen, alle ihre Probleme zu lösen. Aber mit Ausnahme der Grenzsicherung ist alles nur schlechter geworden. Dafür erhält der Präsident bei den Zwischenwahlen eine Abfuhr. Nun beginnt der Kampf um sein Erbe.
04.11.2026, 09.45 Uhr
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Donald Trump am 2. November nach einer Rede zum Abschluss des Wahlkampfs vor dem Lincoln Memorial Reflecting Pool in Washington.
Jim Lo Scalzo / EPA
Am Dienstag rollte nicht nur eine «blaue Welle» über die USA. Nein, es war eine Monsterwelle, die amerikanische Landstriche in die Farbe der Demokraten tunkte, die zuvor als uneinnehmbare Festungen der Republikaner galten: Texas, South Carolina oder Kansas. Noch bevor alle Gliedstaaten ausgezählt waren, sicherten sich die Demokraten bereits wenige Stunden nach Schliessung der Wahllokale eine Mehrheit im Senat. Auch im Repräsentantenhaus zeichnet sich ein klarer Sieg der Linken ab.
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Der Verantwortliche für diese historische Niederlage der Republikaner ist schnell gefunden: Präsident Donald Trump. Er hatte zentrale Wahlversprechen gebrochen. Bei seiner Rückkehr ins Weisse Haus 2024 stellte er den Amerikanern ein «goldenes Zeitalter» in Aussicht mit sinkenden Preisen in den Supermärkten und steigenden Löhnen für die Arbeiter. Für den russischen Krieg gegen die Ukraine wollte er innerhalb von 24 Stunden einen Frieden vermitteln. Er bezeichnet sich selbst als «Friedenspräsidenten» und gelobte, keine neuen Krieg mehr im Ausland zu beginnen.
Iran, der grosse Stolperstein
Doch dann kam alles etwas anders. Er redete davon, Grönland, den Panamakanal oder auch Kanada zu annektieren. Selbst gegen treue Verbündete der USA in Nordamerika, Europa und Asien zettelte er Handelskriege an. Die von ihm erhöhten Zölle belasteten auch die eigenen Konsumenten und Unternehmen. Der Hauptgrund für die schwere Wahlniederlage der Republikaner ist aber Trumps Entscheidung im Februar, gegen Iran in den Krieg zu ziehen. Bis heute hat Washington keines seiner erklärten Kriegsziele erreicht, während die Folgen des Konflikts die Benzin- und Dieselpreise sowie die Zinsen in Höhe getrieben haben.
So hat Trump zentrale Versprechen nicht eingelöst. Zwar senkte seine Regierung die Steuern, dafür nimmt die Staatsverschuldung aber weiterhin zu. Die poröse Grenze zu Mexiko hat der amerikanische Präsident schnell in den Griff gekriegt. Kamen unter Präsident Joe Biden zeitweise mehr als 200 000 Migranten im Monat über die Grenze ins Land, sind es heute nur noch wenige tausend.
Doch ähnlich wie in der Handelspolitik überspannte Trump auch hier den Bogen. Seine Regierung sichert nicht nur die Grenze und ging gegen kriminelle Ausländer vor. Die Einwanderungspolizei ICE schaffte auch Migranten aus, die seit Jahrzehnten in den USA lebten, arbeiteten und gut integriert waren. Viele Latinos stimmten 2024 für den Milliardär, in der Hoffnung, er werde eine gute Wirtschaftspolitik betreiben. Die Enttäuschung in ihren Reihen ist nun besonders gross. Auch dies trug zur schweren Niederlage der Republikaner beigetragen.
Während die Amerikaner unter steigenden Preisen litten, schreckte Trump zudem nicht vor Interessenkonflikten zurück, um sich, seine Familie und Freunde mithilfe seines Amts etwa mit Kryptogeschäften zu bereichern. Gleichzeitig investierte er viel Zeit dafür, das Weisse Haus mit goldenen Ornamenten auszustatten und einen Ballsaal zu bauen.
Demokraten im Vorteil – auch für 2028
Trump sieht es gerne anders: Doch auch seine Präsidentschaftswahlsiege 2016 und 2024 fielen äusserst knapp aus. Nun ist er bei diesen Zwischenwahlen zur Bürde für die Republikaner geworden. Noch bleiben ihm zwei Jahre im Amt, doch der Kampf um sein Erbe dürfte sich bald intensivieren. Trump wird sich vermutlich wünschen, dass entweder sein Vizepräsident J. D. Vance oder sein Aussenminister Marco Rubio seine Nachfolge antreten. Trump wird bestimmt alles daransetzen, seine Präsidentschaft doch noch zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Aber sollte es ihm nicht gelingen, den Krieg gegen Iran zu einem gesichtswahrenden Ende zu bringen und die wirtschaftliche Situation seiner Bürger zu verbessern, haben die Demokraten 2028 gute Aussichten, auch das Weisse Haus zurück zu gewinnen.
Ein Hoffnungsträger, der die Republikanische Partei erneuern und von Trump befreien könnte, scheint derweil nicht in Sicht zu sein. Der konservative Widerstand gegen den Präsidenten wurde einerseits von Figuren des alten Partei-Establishments wie etwa Liz Cheney angeführt. Anderseits haben sich am rechten Rand kaum mehrheitsfähige Politiker wie Marjorie Taylor Greene oder der Meinungsmacher Tucker Carlson mittlerweile gegen den Präsidenten gestellt. Eine echte Erneuerung dürfte schwierig bleiben, solange Trump noch im Weissen Haus ist und sich auf die Loyalität der grossen Parteispender verlassen kann.
Die Demokraten sollten jedoch keine falschen Schlüsse aus ihrem grossen Sieg ziehen. Es war vor allem ein Votum gegen Trump, der zentrale Wahlversprechen nicht einlöste, im Nahen Osten in die Falle tappte und sich in seinem präsidialen Amt oft als Alleinherrscher aufspielte. Unter Joe Biden interpretierten die Demokraten ihren Wahlsieg 2020 als Auftrag für eine linke, staatsgläubige Wirtschafts- und Ausgabenpolitik sowie eine gelockerte Einwanderungspolitik. Wenn die Demokraten ihre Erfolge in konservativen Gliedstaaten 2028 wiederholen wollen, dürfen sie die Lehren aus ihrer Niederlage 2024 gegen Trump nicht so schnell wieder vergessen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Weisflog
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