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Trotz Milliardenverlusten bei Binance: Wir brauchen einen echten Währungswettbewerb
Der Cyberangriff auf Binance und die zu hohe Inflation zeigen beide, wie wichtig und gefährdet ein zentrales Element unserer funktionierenden Demokratie ist: sicheres und stabiles Geld.
04.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Ob in Papierform oder digital: Geld sollte wertbeständig und sicher sein. Ohne genügend Wettbewerb ist die Versuchung gross, dies zu vernachlässigen.
Illustration Ida Götz / NZZ
Und schon waren 6,3 Milliarden Dollar weg. Gestohlen von wohl nordkoreanischen Hackern auf der Krypto-Handelsplattform Binance. Dabei galt das bisher als zentrales Argument für Kryptowährungen wie Bitcoin, dass sie auf der dezentralen Blockchain aufbewahrt absolut sicher sein sollten.
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Alles nur Lug und Betrug? Betrügerische und kriminelle Machenschaften gibt es in der Krypto-Welt leider zur Genüge – besonders dort, wo sie gar nicht oder nur sehr schwach reguliert wird. Dass die Binance-Börsenbetreiber sogleich versprachen, für allfällige Schäden aus eigenen Mitteln vollumfänglich aufzukommen, zeigt einerseits, wie lukrativ ihr Geschäftsmodell offenbar ist. Aber es illustriert auch die Bedeutung von Vertrauen. Geht das Vertrauen in die Sicherheit und Stabilität eines Zahlungsmittels verloren, hat dieses bald ausgedient. Das ist nicht selbstverständlich und gut so.
Die Zentralbanken disziplinieren
Just fünfzig Jahre ist es her, dass der Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften Friedrich A. von Hayek mit seinem Alterswerk «Denationalisation of Money» («Entnationalisierung des Geldes») ein furioses Argumentarium gegen das Geldmonopol der Zentralbanken verfasste. Er folgerte nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und dem inflationären Ende der Golddeckung Anfang der 1970er Jahre ernüchtert, dass staatliche Zentralbanken früher oder später immer dem politischen Druck nachgäben und gutes Geld zu schlechtem machten.
Hayek beobachtete, dass das staatliche Geldmonopol die Regierungen von dem Zwang befreit, ihre Ausgaben und Einnahmen im Gleichgewicht zu halten, und zu einer spektakulären Ausdehnung der staatlichen Ausgaben und zu hoher Inflation führt. Der liberale Ökonom sprach sich deshalb für einen privaten Währungswettbewerb aus. Der Zwang, im Wettbewerb zu bestehen, sollte die privaten Währungsemittenten, anders als den Staat, dazu veranlassen, alles daranzusetzen, die Kaufkraft ihrer Währungen stabil und ihr Geld sicher zu halten.
Fünfzig Jahre später haben Politiker von Paris bis Washington ihre Staaten in eine nichtnachhaltige Schuldenwirtschaft geführt. Prompt steigt der politische Druck auf die Notenbanken. In Frankreich hat der linksradikale Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon bereits vorgeschlagen, der Staat solle ruhig munter weiter mehr ausgeben, er müsse einfach die Staatsschulden streichen, welche die Europäische Zentralbank halte.
Das würde unweigerlich zu hoher Inflation und Vertrauensverlust führen. Umso wichtiger ist die disziplinierende Funktion des Währungswettbewerbs. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Konkurrenz unter den grossen Währungen nicht genügt. Es braucht die Disziplinierung durch alternative Wertaufbewahrungs- und Zahlungsmittel, die der in Zahlungsnöte geratene Staat nicht so einfach entwerten oder verbieten kann.
Hayek hat in seinem Buch als Beispiel eine Dukaten-Währung vorgeschlagen, die eine private Schweizer Bank mit dem Versprechen ausgeben sollte, diese Dukaten jederzeit wieder in einen vorab definierten, konstant gehaltenen Warenwert einzutauschen.
Neue Ideen und Möglichkeiten
Fünfzig Jahre später versucht der Gründer der gleichnamigen Luzerner Privatbank, Karl Reichmuth, mit seiner durch Gold, Silber und möglichst wertbeständige Aktien gedeckten Realunit Hayeks Idee einer kaufkraftbeständigen Währung in die Tat umzusetzen. Neuerdings kann man mit ihr in ausgewählten Geschäften bezahlen. Die Zuger Firma Swissgrams hat einen durch jederzeit eintauschbares physisches Gold gedeckten, auf der Blockchain handelbaren Token geschaffen. Und die Zürcher Brickmark X AG warb an einer Veranstaltung zum Jubiläum von Hayeks Konzept für ihre Token, die digitale Anteile an Immobilien repräsentieren. Auch darin sehen diese ein Wertaufbewahrungs- und Zahlungsmittel. Ideen gibt es viele, doch wegen der mit Geld verbundenen Netzwerkeffekte werden die wenigsten zu echten Währungen.
Nichts ist zu hundert Prozent sicher, aber es gibt gute technische Gründe, der Blockchain ein besonders hohes Mass an Sicherheit zuzubilligen. Auch beim Binance-Hack hat sich gezeigt, dass dieser nicht auf ein Versagen der Blockchain, sondern auf die Nachlässigkeit des Börsenbetreibers zurückzuführen war. Und die traditionellen Schweizer Banken werden zwar täglich angegriffen, blieben bisher aber, soweit bekannt, von Cyberbetrugsfällen in Milliardenhöhe verschont. Sie sind hierzulande reguliert und investieren viel in die Sicherheit, um das Vertrauen ihrer Kunden nicht zu verlieren.
Der Wettbewerb spielt. Dank dem technologischen Fortschritt wird vieles möglich und angreifbar. Das wird das System auf Dauer stabiler machen. Emittenten von Kryptowährungen und Betreiber von Börsen, denen es nicht gelingt, glaubhaft zu demonstrieren, dass ihre Währungen stabil und ihre Infrastruktur sicher sind, werden wieder verschwinden. Sind sie in der Schweiz oder der EU reguliert, hilft dies, Geldwäscherei und kriminellen Missbrauch zu verhindern.
Vor fünfzig Jahren kostete 1 Dollar 2 Franken 45, heute sind es noch 82 Rappen. Gemessen an den Konsumentenpreisen, hat selbst der Franken seither die Hälfte seines Werts verloren. Soll das mit der staatlichen Schuldenwirtschaft nicht noch schlimmer werden, gilt es zu berücksichtigen, was Hayek vor fünfzig Jahren schrieb: «Gutes Geld kommt vom eigenen Interesse, nicht aus Wohlwollen.» Eine funktionierende Demokratie und eine ebensolche Wirtschaft brauchen aber stabiles und sicheres Geld. Umso wichtiger ist ein echter Währungswettbewerb – gerne auch mehr mit neuen Ideen und privaten, auf der Blockchain gehandelten Kryptowährungen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter A. Fischer
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