Kommentar

Sündenfall mit Bio-Apfel: Gülshas Diebstahl beim Self-Check-out ist die falsche Antwort auf hohe Preise

Betrügen an der Selbstbedienungskasse vom Supermarkt ist zum Volkssport geworden. Auch wenn es um Bagatellen geht: Die Täter handeln kurzsichtig und egoistisch.

05.11.2026, 17.00 Uhr

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Gülsha Adiljis Sündenfall elektrisiert die Schweiz.

Gülsha Adiljis Sündenfall elektrisiert die Schweiz.

Andrea Zahler / CH Media

Zu seinen Taten soll man stehen. Die bekannte Moderatorin Gülsha Adilji hat in einem Podcast zugegeben, beim Kauf von Bio-Lebensmitteln an der Selbstbedienungskasse zu betrügen. Zum Beispiel rechnete sie Bio-Äpfel zum Preis normaler Äpfel ab.

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Frau Adiljis Sündenfall elektrisiert die Schweiz. In den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten mischen sich Kritik und Verständnis mit Empörung über die hohen Schweizer Lebensmittelpreise. Garniert wird die Diskussion mit einer widerwärtigen Frauen- und Fremdenfeindlichkeit (Frau Adilji ist albanisch-türkischer Abstammung).

An Ausreden fehlt es nicht

Dabei ist das Problem universal und global. Rund um den Erdball verleiten Selbstbedienungskassen die Menschen zum Stehlen. Ladendiebstahl gibt es, seit es Läden gibt. Doch mit dem Self-Scanning, bei dem die Kundschaft ihre Einkäufe selbst erfasst, ist er deutlich einfacher geworden. Gelegenheit macht Diebe, und wohl nie war die Gelegenheit so günstig.

Frau Adilji ist dafür zu loben, dass sie ein verbreitetes Fehlverhalten offen angesprochen hat. Ihre Gewissensbisse, die sich im Verlauf des Podcasts offenbaren, erscheinen typisch: Viele Täter dürften sonst rechtschaffene Personen sein, die um ihren Fehler genau wissen. Sie begehen ihn trotzdem, denn die Bagatelldelikte gelten als gelebte Selbstjustiz.

Ausreden gibt es viele:

  • Manche Lebensmittel sind auffallend teuer – die Supermärkte provozieren mit dieser Preissetzung also den Diebstahl und haben ihn sogar eingeplant.
  • Manchmal sind die Self-Check-out-Kassen umständlich zu bedienen – wenn die Technik so sperrig ist, muss man sie halt umgehen.
  • Normale Kassen mit Mitarbeitern wurden weggespart, der Kunde macht die Arbeit – okay, dann spart der Kunde auch, aber in Eigenregie.
  • Die Deliktssummen sind klein – wegen unbezahlter Bio-Äpfel ist die Migros sicher nicht in der Krise.

Ladendiebstahl gilt als Verbrechen ohne Opfer und damit als Kavaliersdelikt. Auch in einer Generation, die das Wort «Kavalier» als Ausdruck eines anachronistischen Rollenbildes ablehnt. Doch es gibt Gründe, warum ein Wirtschaftssystem Selbstjustiz nicht akzeptieren kann, insbesondere eine auf Rechtsstaatlichkeit gründende Marktwirtschaft. Und es gibt Gründe, warum Täter das einsehen sollten.

Der Kunde schlägt zurück – und trifft sich selbst

Marktwirtschaft basiert auf dem Schutz des Eigentums. Der Bio-Apfel wird produziert und angeboten, weil Bauer und Händler selbst entscheiden, für wie viel Geld sie sich von ihm trennen. Den Apfel zu stehlen, mindert den Anreiz für den Bauern, mehr Bio-Äpfel anzubieten. Muss der Supermarkt sein Eigentum stärker schützen, erhöht das die Kosten. Das kommt zum Schaden durch die Diebstähle hinzu. Den Mehraufwand tragen alle Kunden. Ein Dieb ist ein Egoist.

Gelegenheit macht Diebe: Self-Check-out bei der Migros.

Gelegenheit macht Diebe: Self-Check-out bei der Migros.

Andrea Tina Stalder / CH-Media

Selten kommt ein Bürger der Marktwirtschaft so nahe wie im Supermarkt. Zwar kann er die Preise dort nicht verhandeln, sonst wäre es ein Basar. Aber er kann den Kauf ablehnen und ein günstigeres Produkt wählen – oder gleich in einen Laden der Konkurrenz gehen. Beides ist erwünscht. So reagiert die Nachfrage auf das Angebot, und zu hohe Preise haben Konsequenzen für die Anbieter. Diebstahl aus Bequemlichkeit mindert den Wettbewerb. Auch das schadet der Allgemeinheit.

Mehr Kontrolle kostet nicht nur Geld, sie gefährdet auch den Vorteil der Selbstbedienungskassen: Die Kunden sparen Zeit gegenüber dem Anstehen an den normalen Kassen. Zeit hat einen Wert. Aufwendigere Checks bedrohen diesen Vorteil. Verschärfte Überwachung, etwa mit mehr Kameras und Gesichtserkennung, ist aus liberaler Sicht problematisch.

Nichts senkt Transaktionskosten in der Marktwirtschaft so gut wie Vertrauen in die Einhaltung von Regeln. Wer beim Self-Check-out klaut, sollte zur Seite schauen und den Kunden neben sich ins Gesicht sagen, wie egal sie ihm sind. Und von den Supermärkten könnte man verlangen, dass sie an den Kassen den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant plakatieren: «Kaufe deinen Bio-Apfel so, dass die Maxime deines Kaufes Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.» Das ist bei den hohen Preisen sicher drin.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Benjamin Triebe

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