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Russland führt sich in Afrika auf wie eine Kolonialmacht. Putin hat noch nicht gemerkt, dass der Kontinent gelernt hat, die multipolare Weltordnung zu nutzen

Afrikaner haben genug von Belehrungen. Sie wählen ihre Partner je nach Interesse. Es ist eine Chance für westliche Länder – falls sie Russlands Fehler vermeiden.

03.11.2026, 14.50 Uhr

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Gemeinsam gegen den Westen? Sehen die Afrikaner anders. Plakat mit Wladimir Putin und Ibrahim Traoré, dem Machthaber von Burkina Faso, in der dortigen Hauptstadt Ouagadougou.

Gemeinsam gegen den Westen? Sehen die Afrikaner anders. Plakat mit Wladimir Putin und Ibrahim Traoré, dem Machthaber von Burkina Faso, in der dortigen Hauptstadt Ouagadougou.

Imago

Ein treuer Freund Afrikas seit bald hundert Jahren. Antiimperialistisch durch und durch. Das Gegenteil des neokolonialen Westens, der noch immer danach trachtet, Afrika zu plündern. So präsentiert Wladimir Putin sein Russland am liebsten gegenüber Afrika.

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«Wir beteiligten uns nicht an der räuberischen, neokolonialen Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen», sagte Putin vergangene Woche an einem grossen Russland-Afrika-Gipfel in Moskau.

Putins Lockruf schien Gehör zu finden in Afrika in den vergangenen Jahren. Ein Land nach dem anderen wandte sich ab vom Westen. Sie jagten westliche Militärmissionen aus dem Land, empfingen stattdessen russische Paramilitärs. Afrikanische Demonstranten verbrannten französische Flaggen und schwenkten russische.

Es schien, als ob sich da ein ganzer Kontinent Putin an die Brust werfe. Als ob das einstige Sowjetimperium, das an vielen Ecken Afrikas einflussreich gewesen war, ein Comeback starte.

Unbeliebtes Russland

Wie schnell sich die Zeiten ändern.

Kaum begonnen, ist Russlands Vormarsch in Afrika schon erlahmt. Es kamen noch halb so viele afrikanische Staats- und Regierungschefs an den Gipfel wie an den ersten 2019. Selbst einige der engsten afrikanischen Verbündeten Russlands haben zuletzt wieder mit dem Westen angebandelt. In einer Anfang Jahr veröffentlichten Umfrage, für die Afrikanerinnen und Afrikaner in 38 Ländern befragt wurden, bescheinigten lediglich 36 Prozent von ihnen Russland einen positiven Einfluss – China, die EU, die USA und selbst die Option «frühere Kolonialmacht» schnitten besser ab.

Die wenigsten Afrikaner sehen Russland als antikolonialen Bruder. Sondern im besseren Fall als einen möglichen Handlanger unter vielen; im schlechteren Fall als blossen Profiteur. Den allermeisten Afrikanerinnen und Afrikanern ist Russland schlicht egal. Weil es keine Rolle spielt in ihrem Leben.

Vieles ist schiefgelaufen für Russland in Afrika in den letzten Jahren. In von jihadistischen Aufständen gebeutelten westafrikanischen Staaten konnten russische Paramilitärs die Gewalt nicht stoppen. Das Handelsvolumen Russlands mit Afrika ist noch immer vernachlässigbar. Es beträgt weniger als die Hälfte des Handels, den der Kontinent mit Frankreich oder Deutschland betreibt.

Am schädlichsten für Russlands Ruf war die Rekrutierung von Tausenden von Afrikanern für den Krieg in der Ukraine. Viele der Männer wurden getäuscht, sie reisten nach Russland in der Annahme, als Wachleute oder Küchenhilfen Geld zu verdienen. Stattdessen landeten sie an der Front – Hunderte verloren ihr Leben.

Mal Europa, mal China, selten Russland

Der wichtigste Grund dafür, dass Russland in Afrika scheitert, sind aber letztlich die Afrikaner selber. Sie lassen sich nicht für dumm verkaufen. Afrikaner haben keine Geduld für nostalgische Reden. Sie haben Interessen. Sie paktieren dort mit Russland, wo es ihnen etwas bieten kann. Waffen zum Beispiel oder Nuklearreaktoren. Aber wenn die EU mehr Geld gibt für den Bau einer Eisenbahnlinie, dann ist den Afrikanern Russland rasch gleichgültig.

Afrikanische Regierungen haben in den vergangenen Jahren gelernt, die neue multipolare Weltordnung zu nutzen. Sich mal mit Europa, mal mit China, mal mit den Golfstaaten und – eher selten – mit Russland zu arrangieren.

Es ist nicht mehr Kalter Krieg. Davon spricht eigentlich auch Putin. Am Gipfel in Moskau sagte er: «Wir sehen, dass eine multipolare Welt eine Realität wird, ein Trend so objektiv wie unumkehrbar.» Aber Putin scheint noch nicht gemerkt zu haben, dass eine multipolare Welt Russland nur dann stärken würde, wenn es mehr zu bieten hätte als Rhetorik.

Keine Moralpredigten

Es gibt Dienstleistungen, die Russland in Afrika besser als andere erbringt. Die erfolgreichste: schwache, autokratische Regierungen mit russischen Kämpfern vor Umstürzen zu schützen. Es ist ein erfolgreiches Angebot, weil es in Afrika viele solche Regierungen gibt. Aber es ist keine Dienstleistung, die Russland dauerhaft als wichtigen Akteur in Afrika etabliert. Denn diese Regierungen stürzen früher oder später auch trotz russischer Hilfe.

Russlands Scheitern in Afrika ist eine gute Nachricht für den Westen. Und westliche Länder versuchen, zu profitieren. Die USA haben Mali, einem der wichtigsten Verbündeten Russlands, Hilfe im Kampf gegen den Terror in Aussicht gestellt. Frankreich hat Mitte Oktober ein Verteidigungsabkommen mit Tschad geschlossen.

Doch westliche Länder wären gut beraten, nicht überheblich zu werden. Weil Russlands Fehler auch solche sind, die man selber begangen hat. Afrikaner haben keine Geduld mehr für Belehrungen – seien es russische Geschichtslektionen oder Moralpredigten, wie sie der Westen gerne erteilt. Westliche Länder sprachen immer gerne von Menschenrechten, sind aber gleichzeitig kaum zurückhaltender als Russland darin, mit afrikanischen Autokraten zu paktieren. Sie sprachen von fairem Handel und mästeten ihren Agrarsektor so sehr mit Subventionen, dass afrikanische Bauern keine Chance haben, in Wettbewerb zu treten.

Die wenigsten afrikanischen Staaten werden sich dauerhaft in das eine oder das andere Lager stellen. Sie haben genügend Optionen. Sie wollen Investitionen in lokale Industrien, Handel auf Augenhöhe, Kredite zu möglichst guten Bedingungen. Der Westen kann da mitmachen. Oder zusehen, wie ein Kontinent, der immer wichtiger wird, sich andere Partner sucht.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Samuel Misteli

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