Kommentar

Nie wieder wehrlos – der 7. Oktober war auch eine Warnung an Israel zwischen Trauma und Macht

Die Pflicht, jüdisches Leben zu schützen, ist für den jüdischen Staat absolut. Aber dieses historische Versprechen muss stets austariert werden.

Richard C. Schneider28.10.2026, 05.30 Uhr

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Ort des Gedenkens drei Jahre danach: Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas unter anderem das Nova Festival und ermordete viele Teilnehmer.

Ort des Gedenkens drei Jahre danach: Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas unter anderem das Nova Festival und ermordete viele Teilnehmer.

Ohad Zwigenberg / AP

Immer wieder wird Israeli vorgeworfen, dass sie sich die brutale Lage in Gaza nicht vergegenwärtigten, dass ihnen das Leid der palästinensischen Bevölkerung egal sei. Das stimmt so nicht, denn es gibt durchaus Stimmen, die sich kritisch zur Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung äussern. Zudem ist es offensichtlich, dass sich eine Gesellschaft – jede Gesellschaft –, die sich im Krieg befindet, nicht für die Opfer des Feindes interessiert, sondern ausschliesslich für die eigenen Opfer, das eigene Überleben. Man will den Krieg gewinnen, egal wie.

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Netanyahu und der Dauerkonflikt mit Palästinensern

Gerade deshalb ist es nahezu «logisch», warum nach dem 7. Oktober die Forderung nach maximaler militärischer Stärke in Israel so laut und mächtig wurde. Wo Auschwitz der tiefste historische Bezugspunkt ist, wird eine bewaffnete Terrororganisation, die Juden gezielt angreift, nicht lediglich als «Sicherheitsproblem» betrachtet. Die Geschichte hat Juden immer wieder eines gezeigt: Wenn eine Bedrohung auftaucht, darf man nicht darauf vertrauen, dass sie schon «nicht so schlimm» wird. In den Augen vieler Israeli ist aber genau das geschehen, indem Ministerpräsident Benjamin Netanyahu den Dauerkonflikt mit den Palästinensern immer nur «gemanagt» hat.

Hier beginnt das israelisch-jüdische Dilemma. Aus der Erfahrung von Auschwitz ergibt sich nicht nur die Verpflichtung des «Nie wieder», also nie wieder wehrlos zu sein. Denn die Shoah lässt sich nicht auf die Lehre allein reduzieren, dass Juden künftig nur stark genug sein müssten. Sie erinnert auch daran, was geschieht, wenn Menschen nur noch als Angehörige einer feindlichen Gruppe betrachtet werden. Israel muss alles tun, um eine zweite Shoah zu verhindern. Und muss zugleich verhindern, dass die Angst vor einer zweiten Shoah seine Fähigkeit zur ethischen Selbstbegrenzung zerstört.

Noch mehr militärische Macht?

Der 7. Oktober hat diese Angst bestätigt und zugleich gezeigt, wie gefährlich eine Sicherheitspolitik werden kann, die allein auf ihre eigene Überlegenheit vertraut. Israel hat eine der stärksten Armeen der Region, hochentwickelte Nachrichtendienste und grosses Vertrauen in seine technischen Fähigkeiten. Trotzdem wurde die Hamas massiv unterschätzt. Die entscheidende Lehre hiesse also zunächst einmal, dass Israel noch mehr militärische Macht haben und ausüben muss. Doch der 7. Oktober war auch eine Warnung vor der Illusion, Stärke könne Realitätssinn ersetzen.

Die Pflicht, jüdisches Leben zu schützen, ist absolut. Der Staat Israel, wie jeder Staat, darf Gewalt einsetzen, um seine Bürger zu schützen und Terror zu bekämpfen. Doch er muss zwischen militärischer Notwendigkeit und Bestrafung, zwischen der Zerstörung einer konkreten Bedrohung und dem Bedürfnis, dem Gegner für erlittenes Leid maximalen Schmerz zuzufügen, unterscheiden können.

Das eigentliche Problem Israels liegt darin, dass es seine ethische Verpflichtung gerade aus der Geschichte seines Volkes ziehen muss. Die Antwort auf die jüdische Geschichte lautet daher einerseits: Wir müssen so stark werden, dass uns niemand mehr etwas antun kann. Andererseits ist da auch die Frage, wie man aus dem Postulat, nie wieder wehrlos zu sein, eben nicht ableitet, dass die eigene Macht grenzenlos sein muss.

Es geht also nicht darum, ob Israel stark sein darf. Es muss stark sein. Es geht eher darum, ob es seine Stärke so einsetzen kann, dass sie nicht zur einzigen Sprache der Politik wird.

Die entscheidende Aufgabe israelischer Politik besteht darin, mit dieser Ambivalenz zu leben. Bildlich gesprochen heisst das, dass Israel die Erinnerung an Auschwitz ernst nehmen muss, ohne jede Gegenwart durch Auschwitz zu interpretieren. Sicherheit muss mit den moralischen Grundlagen Israels vereinbar bleiben.

Die Tragik des jüdischen Staates besteht darin, dass beide Wahrheiten gleichzeitig gelten: Es ist ein permanentes Abwägen zwischen unbegrenzter Gewalt und der Beherrschung der eigenen Angst, ohne dabei seine Wachsamkeit angesichts der realen Bedrohungen zu verlieren.

«Nie wieder» sollte deshalb weder nur «niemals wieder Opfer» noch «niemals wieder Krieg» bedeuten.

Der 7. Oktober hat gezeigt, warum Israel eine starke Armee braucht. Die Erinnerung an Auschwitz muss zugleich daran erinnern, dass Macht eine Grenze braucht, dass politische Entscheidungen sogar militärische Grenzen brauchen. Dass das historische Versprechen, das der Staat Israel dem jüdischen Volk gegeben hat, stets austariert werden muss zwischen Schutz und Vergeltung, zwischen notwendiger Gewalt und grenzenloser Gewalt, zwischen Überleben und moralischer Selbstaufgabe. Dann wird das «Nie wieder» mehr sein als nur ein ewiger Angstschrei eines seit Jahrtausenden verfolgten Volkes.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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