Kommentar
Krawalle in der Gangsta-Stadt: In Zürich erhält Rot-Grün die Quittung für eine viel zu lasche Sicherheitspolitik
Linksextreme campieren ungestört auf dem Lindenhof. Vandalen zünden Autos an und überziehen die halbe Stadt mit Sprayereien. Linke Politiker wollen weniger Polizei. Richtig ist: Das Konzept der Duldung ist gescheitert.
21.10.2026, 05.35 Uhr
6 Leseminuten
«Solidarität statt Aufrüstung»: Ende August besetzen Linksextreme den Lindenhof in Zürich. Die Stadtpolizei lässt die Vandalen gewähren.
Claudio Thoma / Keystone
Das rot-grüne Zürich ringt mit sich selbst. Eigentlich hat die Linke die Stadt fest im Griff. Sie will sie umbauen: Schluss mit dem Image des unterkühlten Finanzplatzes, hinfort mit der gepützelten Strenge. Weg mit dem Lack einer langweiligen Hochglanz-Metropole, die sich in Boutiquen, Galerien und teuren Ausgehlokalen gefällt. Alternative Räume wie die Rote Fabrik oder die Zentralwäscherei müssen her.
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Zürich soll nicht nur chic sein, sondern bunt, frech, vielfältig. Eine Prise Gangsta-Style darf nicht fehlen. So machen es Berlin, Paris oder New York schliesslich auch. Das Nachtleben der jungen und nicht mehr ganz so jungen Linken soll der Stachel sein im Fleisch der Bourgeoisie. Die Vibes des Autonomen Jugendzentrums, der Geist der Unruhen der frühen 1980er Jahre sollen weiterhin zu spüren sein, wenigstens ein bisschen.
Randale gegen die eintönige Stadt: Szene der Opernhaus-Krawalle in Zürich, 1980.
Dölf Preisig / RDB / Ullstein / Getty
Aber wenn diese Vibes die Limmatstadt etwas gar heftig erschüttern, weiss die vereinigte Linke regelmässig nicht, was zu tun ist.
Sprayereien und tonnenweise Abfall
Als Linksextreme im Spätsommer den Lindenhof kurzerhand für ein «vielfältiges Polit- und Musikprogramm» in Beschlag nahmen, liess die Stadtpolizei unter Führung der grünen Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart die Besetzer gewähren. Resultat: versprayte Hauswände, 2,2 Tonnen Abfall, Reinigungskosten zuhanden des Steuerzahlers von bis zu 40 000 Franken. In der Pfalzgasse kann man bis heute «bewundern», was die Vermummten der Zürcher Innenstadt an jenem Wochenende hinterlassen haben: «Geld stinkt» steht auf einer Mauer in metergrossen Buchstaben geschrieben.
Als sich mehrere Dutzend Krawallmacher aus dem ähnlichen Milieu vor kurzem auf dem Hardplatz in Zürich Aussersihl eine Strassenschlacht mit der Polizei lieferten, musste sich die Staatsgewalt stundenlang demütigen lassen. Die Randalierer waren offenbar in der Überzahl. Der Beschuss mit Raketen, Böllern, Flaschen und Pflastersteinen aus eigens angelegten Depots zeigte Wirkung. Die Sicherheitskräfte zogen sich zurück. Schlägertrupps in dunklen Kapuzenpullovern konnten einen verlassenen Polizeitransporter in aller Ruhe demolieren und anzünden.
Großeinsatz in Zürich: In der größten Stadt der Schweiz griffen Jugendliche in der vergangenen Nacht Polizisten und Einsatzkräfte mit Böllern und Raketen an.
Eifern sie jetzt den gewalttätigen Ausschreitungen in Frankreich und Belgien nach? Ich finde diese Entwicklung im… pic.twitter.com/1g5ggFAEw5
— Steffan Nethe (@steffan_nethe) October 11, 2026
Warum auch nicht, mögen sich die Vandalen denken. Im Schutz einer anonymen Masse kann ihnen ohnehin nichts passieren – genauso wenig wie den unbekannten Sprayern vom Lindenhof. Vorausgesetzt, sie lassen keine Smartphone-Daten, DNA-Spuren oder verwertbare Filmaufnahmen am Tatort zurück. Da sage mal einer, Zürich verfüge über keine «lebendige» Partyszene. Die Ausschreitungen beim Hardplatz gehörten sozusagen zur «after hour» einer illegalen Feier am gleichen Ort.
«Alles wird besetzt!»: Demonstration der linksextremen Szene protestieren gegen die Räumung des Koch-Areals, Februar 2023.
Ennio Leanza / Keystone
Auf dem früheren Gelände der Firma Koch in Albisrieden hatte sich eine laute Party-Community niedergelassen.
Karin Hofer / NZZ
Es ist eine bedenkliche Entwicklung einer bedenklichen Laisser-faire-Politik. Rot-Grün in Zürich hat aus vergangenen Unterlassungssünden nichts gelernt. «Tolerieren geht über Intervenieren» – diese Leitlinie zugunsten eines «vielfältigen kulturellen Angebots» hat bereits beim besetzten Koch-Areal nicht funktioniert. Sie fällt den politisch Verantwortlichen dieser Tage erneut auf die Füsse.
«Radikal tolerante» Besetzungspolitik
Vor zehn Jahren sah sich der grüne Zürcher Statthalter Mathis Kläntschi gezwungen, dem damaligen Sicherheitsvorsteher Richard Wolff die Leviten zu lesen. Das Aufsichtsorgan der Stadtregierung hatte von sich aus ein Verfahren gegen Wolff eingeleitet. Der Vorwurf, den der Statthalter in einem 24-seitigen Bericht bestätigt sah: Der Sicherheitsvorsteher der Alternativen Liste habe sich wiederholt zu einer «radikal toleranten» Besetzungspolitik hinreissen lassen, da es sich bei den Partys, Konzerten, Theateraufführungen und Diskussionsrunden auf dem Koch-Gelände doch um «kreatives Schaffen» gehandelt habe.
Wolff hatte sich von einer ebenso lauten wie potenziell gewalttätigen «Community» nur allzu gerne auf der Nase herumtanzen lassen. «Fight the police», hatten diese auf eine Hauswand ihres provisorischen «Zuhauses» auf dem Koch-Areal gesprayt. Die Drohung allein genügte. Die Sicherheitskräfte, verunsichert durch eine zweifelhafte Figur an der politischen Spitze, hielten sich jahrelang zurück.
Dies trotz 174 Anzeigen wegen Ruhestörung, die damals aus der Nachbarschaft des besetzten Areals eingegangen waren. Der Polizeivorsteher musste «aus familiären Gründen» in den Ausstand treten. Seine Söhne sollen ebenfalls in der Besetzerszene verkehrt sein, man glaubt es kaum. Der Gesamtstadtrat gelobte Besserung – doch auch die Exekutive musste deutliche Kritik über sich ergehen lassen.
Die Botschaft des Statthalters: Der rechtmässige Zustand auf dem Areal ist wiederherzustellen. Bei «Versagen milderer Massnahmen» muss die Polizei intervenieren. Die zu schützenden öffentlichen Interessen wiegen schwerer als mögliche Proteste der Besetzer. Ein Einschreiten der Sicherheitskräfte ist somit verhältnismässig.
Rechtsfreie Räume
Die damalige Verfügung liest sich wie ein Handbuch für Situationen, mit denen Zürich bis heute zu kämpfen hat. Vielleicht sollten die heutige Polizeivorsteherin und weitere Entscheidungsträger der Linken den Rüffel des Statthalters einmal genau durchlesen. Die Feststellungen darin muten geradezu zeitlos an.
Rechtsfreie Räume wie damals auf dem Koch-Areal gibt es weiterhin. Besetzer, Sympathisanten und Mitläufer einer pseudokommunistischen Party- und Krawallszene finden in Zürich optimale Bedingungen vor. Den Gangsta-Groove können sich diese Gestalten in der Zentralwäscherei oder in der besetzten Post Wipkingen abholen, einem brutalistischen Betonklotz, der dank den Graffiti seiner «Bewohner» besonders hässlich daherkommt. Von da ist es nicht allzu weit zu Unterführungen an beiden Enden der Hardbrücke, wo immer wieder illegale Partys steigen.
Bis auf weiteres besetzt: Im früheren Gebäude der Post in Zürich Wipkingen haben Linksautonome ein neues «Zuhause» gefunden.
NZZ
Im April wurden Polizisten nach einer solchen Feier in Wipkingen attackiert, vor zehn Tagen beim Hardplatz. Mit dabei laut Indizien der Stadtpolizei: Chaoten aus dem Milieu des FC Zürich. Spuren dieser Gesellen finden sich auch auf dem Lindenhof – und in der halben Stadt: «FC Zürich» hier, «Südkurve» da, «1896» überall. Die Sprayereien und Aufkleber sind ein Ärgernis. Und sie machen Angst. Will man diesen FCZ-Trupps auf offener Strasse begegnen – und sie womöglich auffordern, ihr schändliches Treiben zu unterlassen? Lieber nicht. Sonst fliegt einem womöglich eine Faust ins Gesicht.
So unschön das ist: Diese Graffiti werden so schnell nicht verschwinden. Die Täter wollen «ihr» Gebiet markieren, also ziehen sie Schal und Kapuze ins Gesicht und legen los. Sie machen die Strasse zu ihrem autonomen Jugendzentrum. Appelle wie jene des Klubpräsidenten Ancillo Canepa vom vergangenen Jahr, auf Sprayereien im öffentlichen Raum doch bitte zu verzichten, sind zwar richtig. Aber sie wirken hilflos und unglaubwürdig.
Ein Klub, dessen Sicherheitschef Luca Maggi engste Verbindungen zum harten Kern der Fans in der Südkurve unterhält, hat viel Vertrauen verspielt. Aber auch das passt zum Groove in dieser Stadt: Rot-Grün im Stadtparlament will nicht mehr, sondern weniger Polizei bei Demonstrationen und Grossanlässen. Formuliert werden solche Ideen ausgerechnet von Leuten wie Maggi, der die Stadtpolizei in seiner damaligen Eigenschaft als Gemeinderat der Grünen erklärtermassen schwächen wollte – eine hanebüchene Konstellation.
Eine Prise Gangsta-Groove gibt es auch hier: Die Zentralwäscherei in Zürich Aussersihl hat sich zum angesagtesten Partyort der Stadt entwickelt.
Karin Hofer / NZZ
Sachbeschädigungen durch Fussballfans belaufen sich auf mehrere Millionen Franken pro Jahr. Was also tun? Soll man diese Kosten direkt den Übeltätern in Rechnung stellen, wie die städtische FDP unlängst verlangt hatte? Und gleichzeitig die Klubs «stärker in die Verantwortung» nehmen – und zwar so lange, bis der FC Zürich und die Grasshoppers «wirksame Präventionsmassnahmen» gegen solche Sachbeschädigungen ergriffen haben?
Der Vorstoss wurde zu Recht abgelehnt. Fussballklubs können für Delikte von noch dazu unbekannten Anhängern im halben Stadtgebiet nicht in Sippenhaftung genommen werden. So verführerisch das klingen mag. So unglücklich gerade der FCZ-Präsident agiert hatte, als er sich beim Thema Fangewalt zuerst um Kopf und Kragen redete und dann am liebsten gar nichts mehr sagte.
Verfehlte Polizeipolitik
Doch damit ist Rot-Grün in Zürich nicht aus dem Schneider. Wer linksextreme Besetzer auf dem Lindenhof einfach so campieren lässt, darf sich nicht wundern, wenn sich dieselbe Klientel demnächst woanders ein Stück Stadt nimmt und dieses über Nacht genauso verunstaltet. Wenn sich die Stadtpolizei beim Hardplatz zurückziehen muss, weil sie von einem aufgebrachten Mob massiv beschossen wird, so hat das mit dem Ideal einer «vielfältigen» Partystadt nichts mehr zu tun. Die Randale dieser Oktobernacht waren vielmehr die Quittung für eine viel zu lasche Haltung.
Von Zuständen wie in Paris, Mailand oder Limoges ist Zürich zum Glück weit entfernt. Dennoch sollte die Politik achtgeben.
In einem Bericht des Stadtpolizei-Kommandanten von 2021 heisst es unmissverständlich: «Will die Stadt Zürich ihr heutiges Sicherheitsniveau mindestens halten können, muss die Stadtpolizei zwingend mit zusätzlichen personellen Ressourcen ausgestattet werden.» Konkret soll das Korps jedes Jahr 17 weitere Stellen erhalten. Es ist ein Ansinnen, das die grüne Sicherheitsvorsteherin tapfer umzusetzen versucht – gegen den Widerstand ihrer eigenen Partei und der übrigen Linken.
Nach den jüngsten Vandalenakten kann es eigentlich nur einen Schluss geben: Sicherheit ist wichtiger als «coole» Locations im öffentlichen Raum, auf denen sich zwielichtige Gruppierungen nach Lust und Laune austoben können. Zürich darf nicht zur Gangsta-Stadt werden. Die Duldungspolitik von Rot-Grün ist gescheitert.
22 Kommentare
Martin Wienand
vor 48 Minuten
1 Empfehlung
Das linke Gegenstück zu den rechtsextremen Hooligans. Aus psychologischer Sicht suchen Hooligans vor allem Macht, Selbstbehauptung und den Adrenalinkick durch organisierte, expressive Gewalt. Die Identität speist sich aus Gruppenkohäsion, Adrenalin und einer subkulturellen Aufwertung von Härte. Die Gewalt ist meist nicht politisch oder materiell motiviert, sondern dient dem Ausdruck von gestautem Frust, Dominanz und dem Erleben von Überlegenheit. Bei der linken Variante wird Politik vorgeschoben. Beiden gemeinsam ist auch die Hilflosigkeit sich sonst adäquat intellektuell auszudrücken und mangelnde Reflexion. Plus eine gehörige Portion Infantilität. In Zürich kommt sicher Wohlstandsverwahrlosung hinzu. Üben wir uns in Mitgefühl.
Christian Reinhardt
vor 2 Stunden
" Geld stinkt ": Wenn der Markt die Politik ersetzt: Das Fehlen einer echten Vision Die eskalierenden Schülerproteste und die Gewaltausbrüche auf den Strassen zeigen mehr als nur die Wut einer jungen Generation; sie führen uns ein tiefes politisches Vakuum vor Augen. Im heutigen Diskurs wird Freiheit fast ausnahmslos mit Konsumfreiheit gleichgesetzt. Die Politik hat sich verengen lassen: Das Gemeinwohl wird dem ökonomischen Wachstumszwang untergeordnet, und gesellschaftlicher Erfolg bemisst sich primär an Kennzahlen, Kaufkraft und Markt expansion. Schon vor über 2400 Jahren warnte Aristoteles vor dieser Verwechslung. Er unterschied scharf zwischen Oikonomia – der bewahrenden, auf den echten Nutzen und das Wohl der Gemeinschaft ausgerichteten Hauswirtschaft – und der Chrematistik, der masslosen Kunst der Geldbeschaffung und Akkumulation. Wer sich der Chrematistik verschreibe, so der Philosoph, verliere seine Freiheit, weil das menschliche Leben zum blossen Mittel für den unendlichen Erwerb degradiert werde. Genau in dieser Falle steckt das moderne System. Wenn Politik sich nur noch als bürokratische Verwalterin dieser endlosen Verwertung versteht, beraubt sie die Bürger einer echten Perspektive. Wo keine politische Gestaltungsmacht mehr spürbar ist, regieren vermeintliche ökonomische Sachzwänge. Die blinde Zerstörungswut auf den Strassen ist rechtlich wie moralisch inakzeptabel. Doch phänomenologisch betrachtet ist sie das Symptom einer tiefen gesellschaftlichen Entfremdung. Wenn das Versprechen des Konsums die Hoffnung auf eine nachhaltige Zukunft nicht mehr erfüllen kann, schlägt die Enttäuschung in rohe Disruption um. Es braucht dringend Politiker, die den Mut aufbringen, über den Tellerrand des Marktfetischismus hinauszudenken. Eine weitsichtige Politik muss Freiheit wieder als Souveränität definieren, nicht als pausenlosen Konsumzwang. Nur durch die Rückbesinnung auf eine echte Oikonomia lässt sich das Vertrauen in unsere Ordnung wiederherstellen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Robin Schwarzenbach
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