Kommentar
Kapitalismus, kinderleicht: Elon Musk will aus SpaceX eine Volksaktie machen, indem er sie verschenkt
Die Angst vor Jobverlust durch KI ist gross, der Widerstand wächst. Nun will Elon Musk jedem amerikanischen Kind eine seiner SpaceX-Aktien spenden. Das ist eine gute und auch praktikable Idee.
22.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Elon Musk will nicht bloss den Mars besiedeln, sondern verfolgt mit seinem Raumfahrt- und KI-Unternehmen SpaceX nun auch gesellschaftspolitische Ziele.
Mario Tama / Getty
Die KI-Branche hat ein Imageproblem. Zwar werden die Dienste von Chat-GPT und Co. rege genutzt. Doch bei vielen Menschen überwiegt die Angst vor Arbeitslosigkeit und Kontrollverlust. Zudem wächst der Widerstand gegen den forcierten Ausbau stromfressender Rechenzentren.
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Bisher haben sich die Chefs der KI-Unternehmen denkbar ungeschickt verhalten. Statt die Chancen von KI zu betonen, befeuern sie die jeder neuen Technologie inhärente Verunsicherung noch, indem sie in schrillen Tönen vor den Gefahren ihrer Schöpfung warnen: Falls uns die «Superintelligenz» nicht ohnehin auslöscht, sorgt sie zumindest für Massenarbeitslosigkeit.
Das billige Trostpflaster der Techbosse war bisher die Aussicht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen – also ein Almosen für die verarmten Massen. Wie dieses finanziert werden soll, blieb offen, und die Tatsache, dass Arbeit auch Sinn stiftet, unerwähnt.
Doch nun schlagen die KI-Unternehmen neue Töne an. Den Anfang machte am Sonntag Anthropic. Das Unternehmen gab bekannt, dass es 5 Prozent seiner Aktien einem gemeinnützigen Geldtopf zuweisen werde, mit dem Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt abgefedert werden könnten.
Tags darauf verkündete der SpaceX-Chef Elon Musk, der eigentlich nicht für seinen philanthropischen Eifer bekannt ist, dass er nächstes Jahr jedem Kind in Amerika eine seiner SpaceX-Aktien schenken werde. Und das sei erst der Anfang.
Es handelt sich zwar bloss um ein Versprechen, aber immerhin ein teures. In den USA leben etwa 73 Millionen Kinder. Wenn Musk, der fast die Hälfte des SpaceX-Kapitals hält, wirklich jedem kleinen Amerikaner eine seiner Aktien abtritt, wird ihn das rund 11 Milliarden Dollar kosten.
Musk knüpft damit an die sogenannten Trump-Accounts an, eine bestechende Idee, wenn man einmal von der Namensgebung absieht. Seit diesem Sommer erhält jedes Neugeborene vom Staat ein steuerbefreites Investitionskonto mit 1000 Dollar Startkapital.
Eltern müssen es nicht selbst eröffnen, sondern brauchen das automatisch erstellte Konto bloss zu aktivieren. Arbeitgeber können die Konten der Kinder ihrer Mitarbeiter bezuschussen. Stiftungen haben die Möglichkeit, die Accounts bestimmter Bevölkerungsgruppen aufzustocken – etwa jene von Kindern in einkommensschwachen Regionen.
Michael Dell, Gründer des gleichnamigen Computerunternehmens, hat diese Konten genutzt, um 25 Millionen Kindern je 250 Dollar zu spenden. Zu den ersten grossen Unterstützern der Trump-Accounts gehörte auch Gwynne Shotwell, die Präsidentin und operative Chefin von SpaceX.
Musks Vorhaben, Millionen von Kindern zu SpaceX-Aktionären zu machen, ist angesichts der bereits vorhandenen Kontoinfrastruktur also durchaus praktikabel. Und es dürfte weitere Nachahmer finden. In konservativen Kreisen geniessen die Trump-Accounts grosse Sympathien. Wenn alle Amerikaner von Geburt an Aktien besitzen, werden sie später eher zu Kapitalisten als zu Sozialisten – das Schreckgespenst jedes Republikaners und wohl auch vieler gemässigter Demokraten.
So oder so: Es ist plausibel, dass Menschen, die Miteigentümer eines KI-Unternehmens wie SpaceX sind, besser mit den Veränderungen dieser Technologie umgehen können als jene, die Almosen erhalten. Letztere werden sich immer als Opfer fühlen – genauso wie die meisten Europäer.
Die USA haben bereits heute den liquidesten Kapitalmarkt der Welt, der dem Land erst erlaubt, gewaltige Investitionen wie den Ausbau der KI-Infrastruktur zu stemmen. Im risikoaversen Europa lassen die Menschen ihr Geld lieber auf dem Bankkonto liegen, statt es zu investieren.
Wenn KI wirklich einen so fundamentalen Wandel bringt, wie ihn uns die Branche in Aussicht stellt, werden die Bürger auf dem alten Kontinent nur die Konsequenzen spüren, nicht aber an der allfälligen Bonanza teilhaben. Macht Musk aus SpaceX eine amerikanische Volksaktie, fällt Europa noch weiter ab.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Markus Städeli
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