Kommentar
«Gesund ist, was dir guttut»: Die Wohlfühl-Rhetorik der Krankenkassen verabschiedet sich vom Ideal des mündigen Patienten
Die Versicherer umwerben ihre Kunden mit infantilen Slogans. Dabei erfordert Gesundheit nicht Bauchgefühle, sondern die aktive Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Beweislage.
03.11.2026, 16.00 Uhr
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Fast Food: Kann im Moment guttun, auf Dauer aber nicht zu empfehlen.
Olga Vila / Imago
Alle Jahre wieder im Herbst buhlen die Krankenversicherer um Kunden, bevor sich diese Ende November dann für ein weiteres Jahr festlegen. Mit einem nicht nur unsinnigen, sondern ärgerlichen Slogan geht seit ein paar Jahren die «Gesundheitsversicherung» Atupri ins Rennen: «Gesund ist, was dir guttut.»
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Im zur Kampagne gehörenden Werbespot sieht man junge, hippe und augenscheinlich kerngesunde Menschen, die ihr Leben in den vollsten Zügen geniessen – unter ihnen ein Mann, der herzhaft in einen fetttriefenden Hamburger beisst. Genuss statt Verzicht. Oder wie es die Atupri formuliert: «Gesund ist, wenn du dein Leben lebst, wie du willst.»
Das ist natürlich Quatsch. Vieles, was sich gut anfühlt, ist für den Körper auf Dauer nicht gesund. Und vieles, was gesund ist, fühlt sich nicht besonders gut an.
Das Befinden zählt mehr als der Befund
Klar: Zu einem guten Leben gehört auch die Freiheit, Unvernünftiges zu tun. Und natürlich spricht auch ernährungsphysiologisch wenig gegen einen gelegentlichen Hamburger. Aber dass eine Krankenkasse in ihrer Werbung den Hedonismus zum Schlüssel zur Gesundheit erklärt, ist dann doch erstaunlich. Und symptomatisch für eine um sich greifende Verdummung auch in der Diskussion um Gesundheit und die Frage, welche Ansprüche wir an unsere Versorgung stellen.
So ist es halt, das moderne Identity-, Lifestyle- und Empowerment-Marketing, kann man entgegnen: Weil die Krankenkassen bei der obligatorischen Grundversicherung am Ende ohnehin an den gesetzlichen Leistungskatalog und das Prinzip «wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich» gebunden sind, unterscheiden sich die Angebote höchstens über den Service. Und deshalb verkauft die Werbung anstatt eines konkreten, vermeintlich überlegenen Produkts eben ein Lebensgefühl, ein «Du bist es wert».
Doch der Spruch ist eben auch bezeichnend für einen gesellschaftlichen Trend: Wahr ist nicht, was man mit Fakten und logischen Argumenten belegen kann, sondern was sich gut anfühlt. Auch in Sachen Gesundheit zählen gefühlte Wahrheiten mehr als wissenschaftliche Evidenz. Der Slogan sagt auch einiges aus über die Erwartungshaltung vieler Menschen an ihre Gesundheitsversorgung: Die soll liefern, was mir guttut – und was das ist, definiere ich. Was das für das Solidarsystem Krankenkasse bedeutet, kümmert mich nicht.
Das Pendel hat zu weit geschwungen
Dabei ist Empowerment für Patienten eigentlich eine tolle Errungenschaft. Allzu lang galt in der modernen Medizin: Gemacht wird, was der Halbgott in Weiss anordnet. Die Einsicht, dass der Patient mit seinen individuellen Wünschen und Wertvorstellungen bei seiner eigenen Behandlung ein Wörtchen mitzureden haben sollte, gehört zu den neueren Errungenschaften – und ist durchaus noch nicht in der gesamten Ärzteschaft angekommen.
Doch «Gesund ist, was dir guttut» ist das andere, populistische Extrem: «Geh nach deinem Bauchgefühl, belaste dich nicht mit Fakten.»
Den guten Mittelweg bietet seit gut dreissig Jahren das Konzept der evidenzbasierten Medizin (EbM) an. Entgegen einem verbreiteten Missverständnis geht es dabei nicht um den reinen Primat der Wissenschaft – die EbM erkennt an, dass die wissenschaftliche Beweislage oft unvollständig oder zwiespältig sein kann. Ihr Ziel ist, den «bestmöglichen» Stand des Wissens abzugleichen mit den Wünschen und Werten des Patienten. Der Arzt fungiert dabei mit seiner Erfahrung und seinem Verständnis der medizinischen Zusammenhänge eher als Ratgeber denn als Verordner.
Doch dieses Ideal der vielbeschworenen gemeinsamen, informierten Entscheidungsfindung verlangt uns eben auch etwas ab: Um in Sachen Gesundheit mündige Bürger zu sein, müssen wir uns im Rahmen unserer Fähigkeiten auch mit der oft komplexen Evidenz auseinandersetzen. «Gesund ist, was dir guttut» ist das genaue Gegenteil dieses Prinzips.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Georg Rüschemeyer
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