Kommentar
Fokus Luftverteidigung: Ein Schweizer Alleingang ist eine gefährliche Illusion
Die Schweizer Armee richtet sich künftig auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen aus – vor allem auf Distanzangriffe mit Drohnen oder Marschflugkörpern. Die politische Debatte ums Geld blendet eine entscheidende Realität aus: Eine autonome Luftverteidigung ist heute unmöglich.
23.10.2026, 05.35 Uhr
6 Leseminuten
Illustration Simon Tanner / NZZ
«Du magst dich nicht für den Krieg interessieren, aber der Krieg interessiert sich für dich»: Der dem russischen Revolutionär Leo Trotzki zugeschriebene Satz beschreibt das heutige Dilemma der militärischen Nachrüstung. Niemand wünscht sich Krieg, umso schwerer fällt vielen die Vorsorge für so ein Szenario. Doch die Geschichte liefert kein einziges Beispiel dafür, dass eine reale Bedrohung durch pures Wegsehen hätte abgewendet werden können – im Gegenteil. Die Logik der Sicherheitspolitik ist simpel: Ein Angreifer lässt sich nur dann stoppen, wenn sein Plan aussichtslos scheint. Das militärische Fachwort dafür: Abschreckung.
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Abschreckung strahlt die Schweizer Armee schon lange nicht mehr aus. Während des Kalten Krieges waren bis zu 800 000 Soldaten eingeteilt und genügend Wehrmaterial vorhanden – es war die grösste Armee in der Schweizer Geschichte. Und diese hatte eine für die damalige Zeit moderne bodengestützte Fliegerabwehr mit dem Ziel, einen nahezu lückenlosen Schutzschirm über dem Land aufspannen zu können.
Es kam glücklicherweise anders: Die Mauer fiel, die Sowjetunion brach zusammen, und der vermeintlich ewige Frieden begann. Die Schweizer Armee wurde – wie alle Armeen in Europa – personell und materiell zusammengekürzt, die Truppe zur bewaffneten Katastrophenhilfe im Inland umfunktioniert. Es war zugleich das stille Begräbnis des Schweizer Schutzschirms.
Keine Mittel gegen Drohnen oder Hyperschallraketen
Erst jetzt wird die Abwehr am Himmel wieder zu einem dringlichen Thema – weil moderne Konflikte, wie sie in der Ukraine oder im Nahen Osten stattfinden, vor allem eines sind: Kriege in der Luft. Und hier hat die Schweiz eine deutliche Lücke. Zwar verfügt die Armee noch über Kampfflugzeuge und Flugabwehrgeschütze, doch diese Systeme sind veraltet. Gegen moderne Drohnenschwärme oder Hyperschallraketen können sie nichts ausrichten.
Dessen sind sich Bundesrat und Parlament bewusst. Sie haben deshalb entschieden, die Armee neu auszurichten und die Luftverteidigung ins Zentrum zu stellen – denn Angriffe aus der Luft zählen gemäss Bundesrat zu den wahrscheinlichsten Bedrohungen für das Land. Künftig soll die Truppe in drei flexible Einsatzverbände gegliedert werden, um rasch reagieren zu können. Bei Militärstrategen stösst dieser Fokus freilich auf Skepsis: Kriege kündigen sich selten nach Wahrscheinlichkeiten an. Doch eine Ausrüstung in voller Breite wie im Kalten Krieg ist politisch nicht mehr gewünscht, weil zu teuer.
Die Lösung in Bern lautet daher: eine pragmatische, kosteneffiziente Truppe mit geschärftem Profil. Doch selbst für diesen Minimalanspruch fehlen die Mittel. Zusätzliche 24 Milliarden Franken kostet der Umbau gemäss Bundesrat – und das Parlament streitet erbittert darüber, woher dieses Geld kommen soll. Ein Kompromiss zeichnet sich bislang nicht ab. Dabei ist schon heute absehbar, dass auch diese Summe kaum reichen wird: Moderne Flugabwehr ist hochkomplex und verschlingt Unsummen.
Der Zank ums Geld verdeckt zudem ein weitaus fundamentaleres Dilemma: Kein Staat vermag Bedrohungen aus der Luft heute im Alleingang abzuwehren.
Für eine effektive Luftverteidigung braucht es mindestens drei Säulen: ein Informationssystem, einen mehrschichtigen Abwehrschirm und Nachschub. Bereits beim ersten Pfeiler steht die Eidgenossenschaft blank da: Der Schweiz fehlt ein Satellitennetz, das vor anfliegenden Bedrohungen warnen könnte. Ohne fremde Daten ist Bern blind – und erführe wohl erst im Moment der Detonation, dass jemand das Land angreifen will.
Das Neutralitätsverständnis wird strapaziert
Abhilfe soll ein Abkommen mit den USA und der Nato schaffen, die über die entscheidenden Lagebilder verfügen; entsprechende Verhandlungen laufen. Dass die Abwehr von Luftangriffen unmöglich wird ohne die nötigen Daten, zeigte sich unlängst in der Ukraine: Kurzzeitig fiel das der Ukraine von den USA bereitgestellte System zur Warnung vor den Raketen aus. Die Raketen schlugen ungehindert in mehreren Regionen ein, rissen Zivilisten in den Tod und zerstörten Energieanlagen.
Welche Gegenleistung Washington für die Weitergabe seiner Frühwarndaten verlangt, ist offen. Fest steht nur: Die Schweiz braucht ein solches Abkommen aus militärstrategischer Sicht zwingend, auch wenn es in konservativen Kreisen das helvetische Neutralitätsverständnis arg strapazieren mag.
Vom mehrschichtigen Abwehrschirm – der zweiten Säule – ist die Schweiz zudem kilometerweit entfernt. Zwar hat sich Bern der European Sky Shield Initiative (ESSI) angeschlossen, doch das Projekt ist vorerst vor allem eine gemeinsame Beschaffungsplattform. Eine echte operative Kooperation für den Ernstfall mit den Nachbarstaaten bereitet das Land damit nicht vor. Das wäre aber nötig, denn die Schweiz wird in nützlicher Frist nicht alle erforderlichen Systeme für einen mehrschichtigen Schutzschirm erhalten.
Die Abwehr des iranischen Grossangriffs auf Israel 2024 zeigt klar, wie wichtig Partner im Angriffsfall sind: Selbst ein Staat mit einem hochmodernen Abwehrsystem wie dem Iron Dome war auf Verbündete angewiesen. Die Mehrheit der rund 300 iranischen Drohnen, Marschflugkörper und Raketen konnte nur abgefangen werden, weil die USA, Grossbritannien, Frankreich und das Nachbarland Jordanien unterstützten.
Auch an der dritten Säule, dem Nachschub im Notfall, mangelt es der Schweiz. Grund ist nicht nur das Geld, sondern ebenso, dass sich hier kaum neue Rüstungsfirmen ansiedeln. Zu restriktiv sind die Waffenexportregeln, über deren Lockerung die Stimmbevölkerung Ende November abstimmt. Deswegen wollte die EU auch keine Rüstungskooperation mit der Schweiz eingehen. Wer will schon mit einem Land Waffen für den Ernstfall entwickeln oder produzieren, das bei einer Eskalation womöglich die Weiterbelieferung verweigert? Natürlich niemand.
Europa plant ohne die Schweiz
Europa plant seine Nachrüstung derzeit ohne die Schweiz. Auch ein individuell anpassbares Sicherheitsabkommen konnte Bern mit Brüssel bislang nicht abschliessen. Die EU will offenbar erst abwarten, wie sich die Eidgenossenschaft bei den neuen bilateralen Verträgen verhält. Anders ist kaum zu erklären, weshalb Brüssel lieber mit weit entfernten Staaten wie Australien oder Ghana Sicherheitsvereinbarungen trifft als mit Bern. Die neuen EU-Verträge haben somit auch einen sicherheitspolitischen Aspekt, der nicht unterschätzt werden darf.
Will Bern nicht vollends ins Hintertreffen geraten und künftig auch etwas in die Waagschale werfen können, führt am Aufbau eigener industrieller Kapazitäten kein Weg vorbei. Deutschland zeigt, wie es gehen kann: Im Grossraum München ist in den vergangenen Jahren ein florierendes Defence-Tech- und Startup-Ökosystem herangewachsen. Die Palette reicht von KI-gestützter Aufklärungssoftware über Wärmebildsatelliten bis hin zu autonomen Abfangsystemen gegen feindliche Kamikazedrohnen.
Von rund 2400 Startups weist gut die Hälfte einen Bezug zur Verteidigungstechnologie auf. Dazu kommen etablierte Rüstungsfirmen, die ihre Produktion schrittweise ausbauen. Die Bundeswehr tritt als Innovationspartner und Käufer auf. Das kann sie nur, weil Berlin für die Verteidigung die heilige Schuldenbremse gelockert hat und allein in diesem Jahr über 108 Milliarden Euro zur Verfügung stehen.
Anders das Bild in der Schweiz: Mehrere Unternehmen präsentierten Verteidigungsminister Martin Pfister im vergangenen Frühling an einer Industrietagung mögliche Produkte für die Armee. Er zeigte sich begeistert – musste jedoch fast peinlich berührt festhalten, dass er momentan gar kein Geld habe für irgendwelche Bestellungen. Nun plant er zwar ein neues Drohnen- und Robotikzentrum, doch ohne lockerere Exportregeln und verbindliche Staatsaufträge wird das Zentrum kaum zu einer relevanten Grösse werden.
Eine schlagkräftige Drohnen- und Flugabwehr ist heute wichtiger denn je, denn autokratische Staaten und Terrorgruppen produzieren en masse günstige Drohnen, Raketen und Marschflugkörper. Deswegen ist die Bedrohung so wahrscheinlich geworden, auch für die neutrale Schweiz. Doch auf dem überhitzten Rüstungsmarkt geniesst die Eidgenossenschaft mit ihren Minibestellungen und zögerlichen Vorauszahlungen keine Priorität. Das heisst: Sie wird spät oder gar nicht beliefert.
Ein helvetischer Alleingang am Himmel ist – anders als zu Zeiten des Kalten Krieges – somit eine Illusion geworden. Die Politik muss in diesem Bereich deshalb dringend über mehr Kooperation sprechen und über eine ausserordentliche Finanzierung. Wenn weder der politische Wille noch das nötige Geld vorhanden sind, um wenigstens die wahrscheinlichsten Angriffe aus der Luft rechtzeitig abzuwehren, drängt sich die Frage auf: Wozu leistet sich die Schweiz dann überhaupt noch eine Armee? Eine Streitmacht ohne wirksame Abwehrwaffen schützt niemanden – sie wiegt die Bevölkerung lediglich in einer gefährlichen Scheinsicherheit.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Selina Berner
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