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Europas seltsame Apathie: Die engsten Partner der Ukraine dürfen sich ihre Zukunft nicht von Trump und Putin diktieren lassen
Während sich der amerikanische Präsident den Russen anbiedert und die Ukrainer langsam fallenlässt, zerstreiten sich die Europäer. Eigentlich ist klar: Europa gehört in diesem Krieg an den Verhandlungstisch – doch es fehlt dem Kontinent an Selbstvertrauen.
03.11.2026, 05.35 Uhr
6 Leseminuten
Eigentlich wollten der finnische Präsident Alexander Stubb und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Störe mit Wladimir Putin darüber sprechen, wie sich der Krieg in der Ukraine beenden lasse. Doch der russische Präsident soll den Grossteil des 90-minütigen Telefonats dafür verwendet haben, den beiden Europäern ein Referat über mittelalterliche slawische Geschichte zu halten. So berichtet es die «Financial Times».
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Dass Putin ein Faible für historische Monologe hat, ist bekannt. Dass er europäische Politiker nicht ernst nimmt, ebenso. Die Episode von vergangener Woche sagt denn auch mehr über Europa als über den russischen Diktator aus. Stubb und Störe schickten sich an, als erste europäische Partner der Ukraine wieder mit Putin zu sprechen, nachdem Macron im Juli 2025 im Kreml angerufen hatte.
Doch im Rest Europas kam das nicht gut an. Sie verstehe nicht, was Finnland und Norwegen damit erreichen wollten, schnödete die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. «Wir sollten Europa vereint halten, statt es auf eigene Faust zu versuchen.» Ihre italienische Amtskollegin Giorgia Meloni erklärte, das Telefonat zeige vor allem eines: «Europa ist noch immer uneins, wer seine Interessen im Friedensprozess vertreten soll.»
Freuen darf sich hingegen Wladimir Putin: Er hat es wieder einmal geschafft, die Europäer gegeneinander aufzubringen.
Die Rolle als Juniorpartner ist bequem
Meloni hat recht: Bald fünf Jahre nach der russischen Invasion steht Europa ohne klare Strategie da, wie es einen diplomatischen Beitrag zur Beendigung dieses Krieges leisten und seine Interessen verteidigen kann.
Wenn die USA, Russland und die Ukraine demnächst zum ersten Mal seit Monaten zu trilateralen Gesprächen zusammenkommen, sind die Europäer erneut nicht dabei. Der Putin-Berater Juri Uschakow sagte vergangene Woche hämisch: «Die Europäer können teilnehmen, wenn sie Tickets kaufen. Aber niemand hat vor, sie an den Verhandlungstisch einzuladen.»
Zweifellos hat Europa in diesem Krieg Ausserordentliches geleistet: Es hat die Ukraine mit militärischer und finanzieller Hilfe im Wert von rund 240 Milliarden Euro unterstützt – mehr als doppelt so viel wie die USA.
Mit gutem Grund: Putins Bedingungen – etwa die Forderung nach einer Rückabwicklung der Nato auf den Stand von 1997 – zeigen, dass es ihm eben nicht nur um ein paar hundert Quadratkilometer im Donbass und einen neuen Präsidenten in Kiew geht. Der Kreml will vielmehr eine fundamentale Neuordnung der europäischen Sicherheitsarchitektur. Er will ein Europa, das ihm nichts entgegensetzen kann.
Umso unverständlicher ist es, dass die Europäer auf dem diplomatischen Parkett derart konzeptlos und zerstritten auftreten. Stattdessen haben sie es sich in der Rolle als Juniorpartner der USA bequem gemacht: Man scheint darauf zu vertrauen, dass es der Dealmaker im Weissen Haus mit gutem Zureden schon richten wird. Doch sie müssten es besser wissen: Diese Wette haben sie schon mehrfach verloren.
Wo sind die Willigen?
Noch im Sommer klopften sich die europäischen Staats- und Regierungschefs selbstzufrieden auf die Schultern. Am G-7-Gipfel hatten sie Trump dazu gebracht, eine Erklärung zu unterschreiben, die eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland versprach. Die Rede war zudem von einer Produktion von Patriot-Raketen in der Ukraine. Dass Trump es damit ernst meint, war schon damals zweifelhaft. Heute ist klar, dass man sich getäuscht hat.
Am 9. Oktober hat Trump ein Abkommen mit dem Kreml geschlossen, das es Russland erlaubt, mehrere Millionen Tonnen Diesel zu exportieren. Am 16. Oktober verhinderte er die Verhängung neuer Sanktionen gegen Moskau. Jüngst beschränkten die Amerikaner gar zeitweise den ukrainischen Zugang zum Satelliteninternet Starlink. Derweil spricht Steve Witkoff, der Sondergesandte des Weissen Hauses, mit Putin über «business deals» und bezeichnet ihn als «Menschenfreund».
Aus europäischer Sicht ist das ein an Verrat grenzender Affront. Trotzdem bleiben die Europäer im Angesicht der Krise seltsam teilnahmslos. Es ist ein bemerkenswerter Kontrast zum Frühling 2025: Nachdem es im Weissen Haus zu einem Eklat zwischen Trump und Selenski gekommen war, solidarisierten sich die führenden europäischen Politiker öffentlichkeitswirksam mit dem ukrainischen Präsidenten, stellten die «Koalition der Willigen» auf die Beine und brachten es fertig, so etwas wie eine Versöhnung zwischen Washington und Kiew herbeizuführen.
Wo sind die Willigen jetzt? Augenscheinlich sieht sich niemand bemüssigt, Verantwortung zu übernehmen und die europäische Solidarität zu orchestrieren. Der Aufruhr um den halbherzigen und letztlich kontraproduktiven Vorstoss der Skandinavier zeigt das deutlich.
2027 als Schicksalsjahr
Die europäische Apathie hat in erster Linie innenpolitische Gründe. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der sonst gerne mit aussenpolitischem Aktivismus auffällt, muss derzeit mit einer landesweiten Protestwelle und einer drohenden Wirtschaftskrise fertigwerden, bevor im nächsten Jahr Wahlen anstehen. Bundeskanzler Friedrich Merz ist nach den Wahlsiegen der AfD bemüht, seine Koalition vor dem Kollaps zu bewahren.
Und dass der britische Premierminister Andy Burnham als der Neue in der Runde noch nicht die Führungsrolle übernehmen kann, liegt auf der Hand. Immerhin hat seine Regierung am Mittwoch ein neues Hilfspaket für die Ukraine über 10 Milliarden Pfund geschnürt.
Gleichzeitig können die Europäer nicht einfach auf bessere Zeiten warten. In den kommenden Monaten stehen nicht nur in Frankreich, sondern auch in Spanien, Italien und Polen Wahlen an. All diese Länder müssen inmitten einer wirtschaftlich und geopolitisch angespannten Lage die eigene Wiederaufrüstung finanzieren und den steigenden Lebenskosten entgegenwirken. Für die Unterstützung der Ukraine bleibt weder viel Energie noch viel Geld übrig.
Derweil fordern erstarkende Politikerinnen wie Marine Le Pen oder Alice Weidel, die Ukraine-Hilfe einzustellen und die Sanktionen gegen Russland aufzuheben, um wieder günstiges Gas nach Europa zu bringen. Zumindest Le Pen hat gute Chancen, im kommenden Jahr in den Élysée-Palast einzuziehen. 2027 könne das Jahr sein, in dem Europa von den politischen und wirtschaftlichen Realitäten eingeholt werde und die Unterstützung der Ukraine nicht mehr weiter ausbauen könne, sagte Mujtaba Rahman, der Europa-Direktor der Eurasia Group, gegenüber dem «Guardian».
Ein europäischer Gesandter
Dies wäre eine fatale Entwicklung. Die Unterstützung für Kiew sorgt dafür, dass die Ukraine diesen Krieg auf dem Schlachtfeld nicht verliert und ein souveräner Staat bleibt. Doch in der jetzigen Situation geht es nicht nur ums Geld: Es geht auch um Selbstbewusstsein, politischen Gestaltungswillen und geschickte Diplomatie – das ist weitgehend gratis.
Im vergangenen Sommer brachten Emmanuel Macron und Giorgia Meloni die Idee auf, einen Gesandten zu ernennen, um im Namen Europas mit den Russen zu verhandeln. Weil sich mehrere Länder, darunter Deutschland, dagegen wehrten, verlief die Initiative im Sand. Putin beharre schliesslich auf seinen maximalistischen Forderungen, hiess es.
Das ist ein Fehlschluss. Natürlich soll Europa mit Putin sprechen – aber nicht, um ihn mit der Aussicht auf Milliardengeschäfte, territoriale Konzessionen oder die Aufhebung von Sanktionen gnädig zu stimmen. Sondern um ihm mit geeinter Stimme klarzumachen, dass «Friedensgespräche» ohne europäische Beteiligung bedeutungslos sind, dass als Erstes ein Waffenstillstand nötig ist und dass Putin seine Ziele nicht erreichen kann. Denn auf dem Schlachtfeld herrscht seit Monaten ein Patt, weshalb der Kreml nun umso intensiver ukrainische Städte terrorisiert. Den Krieg gewinnt er damit nicht.
Das mag banal klingen – doch so viel Selbstbewusstsein muss man von den Europäern erwarten dürfen. Es ist eine Frage der Haltung: Wer zankend an Trumps Rockzipfel hängt, wirkt schwach. Wer selbstgewiss als geopolitischer Akteur auftritt, signalisiert Stärke.
Wie der Kreml die Welt sieht
In der jetzigen Situation ist es für Putin ein Leichtes, die Europäer gegeneinander auszuspielen. Auch Trump sieht derzeit offensichtlich keine Notwendigkeit, auf die vielstimmigen Rufe aus dem alten Kontinent zu hören. Umso wichtiger ist es, dass Europa sowohl gegenüber Moskau als auch gegenüber Washington mit einer Stimme spricht. Eine geschlossene europäische Haltung genügt allerdings noch nicht. Rhetorische Stärke wirkt nur, wenn sie mit militärischer Stärke untermauert ist.
Der Kreml macht kein Hehl daraus, wie die Welt in seinen Augen aussieht. Putins Berater Kirill Dmitrijew verbreitete kürzlich ein KI-generiertes Bild, auf dem der russische Bär und der amerikanische Adler gemeinsam auf eine zerbröselnde EU zustürmen. Nur der britische Löwe stellt sich ihnen entgegen. Es ist noch nicht zu spät, ein solches Szenario abzuwenden.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jonas Roth
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