Kommentar
Die EZB-Chefin Christine Lagarde verlässt die Europäische Zentralbank in rauer See. Das ist einer Präsidentin unwürdig
Die EZB ist in schwierigen Gewässern: Die Inflation ist fast doppelt so hoch wie erwünscht, und mit Frankreich steckt eines der wichtigsten Euro-Länder in der Krise. In dieser Lage quittiert Lagarde den Dienst.
29.10.2026, 16.12 Uhr
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EZB-Präsidentin Christine Lagarde: Die Französin legt ihr noch bis Ende Oktober 2027 laufendes Amt vorzeitig auf den 7. Februar nieder.
Filip Singer / EPA
Es ist ein Knall mit Ankündigung: Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), legt ihr Mandat per 7. Februar nieder, rund neun Monate vor dem offiziellen Ende ihrer Amtszeit. Schon seit mehr als einem Jahr hielten sich hartnäckig Gerüchte, wonach die Französin vorzeitig demissionieren wolle. Sie selbst hat das nie klar dementiert – und damit den Spekulationen Nahrung gegeben.
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Angesprochen auf die Gerüchte, hatte sie im August unter anderem gesagt, der Kapitän bleibe an Bord, wenn Wolken am Horizont seien. Das hat sich als falsch erwiesen. Damals lag die Inflationsrate in der Euro-Zone bei rund 3 Prozent. Jetzt notiert die Teuerung bei 3,8 Prozent mit steigender Tendenz, und ihr Heimatland Frankreich ist zum Krisenherd Europas geworden. Lagarde verlässt die Brücke der EZB also in rauer See.
Zu hohe Inflation in der Euro-Zone
Eine Beruhigung zeichnet sich an beiden Fronten nicht ab. Im Gegenteil: Die EZB hat die Inflation auch nach zwei Zinserhöhungen im Juni und im September längst nicht im Griff. Der andauernde Iran-Krieg sorgt weiterhin für hohe Erdölpreise, welche die Inflation anheizen. Ein Fass Rohöl der Sorte Brent kostet mit rund 115 Dollar derzeit etwa wieder so viel wie im Frühjahr kurz nach Ausbruch des Krieges.
Besonders hoch sind die Preise für Erdölderivate wie beispielsweise Diesel, Kerosin und Benzin. Entsprechend ist der Ausblick für die Inflation auch aus Sicht der EZB weiterhin «aufwärtsgerichtet». Eine Rückkehr auf das Zielniveau der Notenbank von mittelfristig 2 Prozent erwarten die EZB-Ökonomen erst für 2028. Voraussichtlich im Dezember dürfte die Notenbank einen dritten Zinsschritt vornehmen.
Zugleich hat sich die Lage in Frankreich in den vergangenen Wochen massiv verschärft. Das Land weist mit knapp 120 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt eine hohe und steigende Schuldenlast auf, generiert mit deutlich über 5 Prozent ein viel zu grosses Haushaltsdefizit, und das Wachstum ist niedrig. Zu diesem wirtschaftlichen Malaise sind jüngst die politischen Unruhen gekommen. Die Strassenschlachten zwischen Demonstranten und Polizisten erinnern an Bürgerkrieg.
Als Folge notiert die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen auf dem höchsten Wert seit 2002, und ihr Risikoaufschlag zu deutschen Bundesanleihen hat das höchste Niveau seit der Finanzkrise 2007/08 erreicht. Angesichts einer fehlenden Mehrheit der Regierung im Parlament und der im April/Mai anstehenden Präsidentschaftswahlen dürfte es in Paris nur schwierig zu einem dringend nötigen Sparhaushalt kommen.
Warum tritt Lagarde trotzdem vorzeitig zurück? Ihre Anfang 2027 erscheinende Biografie, für die sie auf Werbetour gehen will, dürfte kaum der Auslöser sein. Über zwei Gründe wird spekuliert. Zum einen gilt sie als Favoritin, um die Führung des World Economic Forum in Davos zu übernehmen. Das 2027er Meeting findet jedoch Mitte Januar statt. Tritt sie Tage später als EZB-Chefin zurück, hätte sie mehr als genug Zeit, um das Jahrestreffen 2028 in Davos vorzubereiten.
Zum anderen wird darüber spekuliert, Frankreichs amtierender Präsident Emmanuel Macron wolle vor Ablauf seiner Amtszeit unbedingt bei der Auswahl des nächsten EZB-Präsidenten mitreden – auch deshalb, um dieses Privileg einer möglichen nächsten Präsidentin Marine Le Pen von der rechtsgerichteten Partei RN wegzunehmen.
Zwei mögliche Nachfolger für die EZB
Trotz einer beeindruckenden Karriere in der französischen Politik und beim Internationalen Währungsfonds war Lagarde als Juristin mit finanzpolitischem Hintergrund von Anfang an eine schwache Wahl für die Präsidentschaft der EZB. Die europäischen Regierungschefs müssen nun gleich drei 2027 frei werdende Positionen bei der EZB neu besetzen: Präsident, Chefökonom und neues Direktoriumsmitglied. Vermutlich fallen die Entscheide bereits beim nächsten EU-Gipfel Mitte Dezember.
Als aussichtsreichste Kandidaten für ihre Nachfolge gelten derzeit der Niederländer Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos. Beide sind erfahrene Zentralbanker mit Innenansichten der EZB, die das Amt gut ausfüllen könnten, wenngleich wohl mit leicht unterschiedlichen Schwerpunkten. Das ist gut, denn die Herausforderungen für den neuen Präsidenten werden auch im kommenden Jahr angesichts von hoher Inflation und anhaltenden politischen Krisen gross sein.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Rasch
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