Kommentar

Die europäischen Autobauer besinnen sich auf ihre Stärken

China punktet mit Technik, Europa mit Kult und Emotionen. Der Pariser Autosalon könnte eine Wende andeuten.

21.10.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Der Renault 8 Gordini Concept soll an der Pariser Automesse 2026 zeigen, wie das legendäre Auto von 1962 als modernes Elektroauto fahren könnte.

Der Renault 8 Gordini Concept soll an der Pariser Automesse 2026 zeigen, wie das legendäre Auto von 1962 als modernes Elektroauto fahren könnte.

Benoit Tessier / Reuters

Die Messe Mondial de l’Auto in Paris 2026 hat Mitte Oktober gezeigt, wie in der Autobaukunst zwei Welten aufeinandertreffen. Auf der einen Seite überzeugen chinesische Hersteller mit Software, Batterietechnik und tiefen Preisen, doch es fehlen ihnen die jahrzehntelange Erfahrung und Markengeschichte. Ihre Produkte wirken optisch austauschbar, ihre Marken und Modellnamen kann man sich kaum merken.

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Auf der anderen Seite stehen europäische Hersteller mit gut eingeführten Marken und langer Tradition. Lange Zeit haben sie bezahlbare E-Autos vernachlässigt und China das Feld überlassen. Sie haben technisch nun etwas aufgeholt, spielen aber vor allem mit ihren Werten und der Nostalgie. Gelungene und publikumswirksame Beispiele sind Fahrzeugentwürfe, die vorwegnehmen, wie künftige Autos aus Frankreich, Deutschland und Italien aussehen könnten.

Kultmodelle kehren elektrisch zurück

Auf Retro-Charme, kombiniert mit moderner Antriebstechnik, setzt etwa der Citroën 2CV Concept, eine Neuinterpretation der Ente aus den 1950er Jahren. Auch Renault bietet mit dem E-Space Concept eine Neuauflage des berühmten Vans von 1984 und mit dem 8 Gordini Concept eine Zukunftsversion eines Rallyautos von 1962. Der Fiat Multiplay wiederum lässt als reiner Prototyp die skurrilen Design- und Raumideen des historischen Multipla aufleben. Alle genannten Vorstudien sehen einen Elektroantrieb vor, die meisten sind bereits seriennah.

Um die Kostenstruktur bei den europäischen Automarken zu verbessern, nutzen sie Allianzen mit anderen Herstellern und scheuen sich dabei nicht, auch das Know-how aus China anzuzapfen. Das ist zwar riskant, aber kurzfristig ein gangbarer Lösungsweg.

Europäer nutzen Chinas Know-how für eigene Autos

Renault macht es bei der Zusammenarbeit mit dem chinesischen Geely-Konzern im Motorenbereich vor. Stellantis hat den chinesischen Hersteller Leapmotor dank einem Joint Venture in Europa ins Boot geholt. So entstehen in kurzer Entwicklungszeit europäische Markenautos mit gemeinsamem Baukasten. Damit soll auch die Fertigung der Fahrzeuge günstiger werden. Schwach ausgelastete Werke fertigen künftig einfach zusätzlich Autos der chinesischen Partner.

Noch 2025 war die Bedrohung durch immer mehr Fahrzeuge aus China an der Messe IAA in München augenfällig. Dort waren erstmals mehr chinesische als europäische Marken präsent. Doch in Paris zeigt sich, dass die Europäer reagieren. Vor allem französische und italienische Autobauer stellten aus, dazu der VW-Konzern mit ausgewählten Marken. Europa war diesmal mit 28 ausgestellten Marken wieder in der Überzahl gegenüber BYD, Geely, Chery und anderen Konzernen aus China, von denen 20 in Paris ihre Produkte zeigten.

In Paris fehlten deutsche Premium-Hersteller wie Audi, BMW und Mercedes. Das zeigt: Den Zweikampf zwischen China und Europa entscheidet niemand in der Luxusklasse – egal ob bei Limousinen, Vans oder SUV. Vielmehr dürfte entscheidend sein, wer sich im Massenmarkt der kleinen und kompakten Autos für den städtischen Alltag durchsetzt.

Der Wettlauf entscheidet sich im Massenmarkt

In diesem Bereich erweist sich, dass der Kampf um europäische Kunden nicht allein über Gigawatt, Elektronikspielereien und Displays gewonnen wird, sondern über Charakter, Bezahlbarkeit und Vertrauen. Chinesische Hersteller mit ihren sich stark ähnelnden SUV versinken im Einerlei des Designs, auch wenn sie technologisch brillieren.

Technologie bleibt auch in Europa wichtig, ist aber für Autokäufer hier gegenwärtig nicht matchentscheidend. Was für sie zählt, ist immer noch die Marke. Solche Werte können chinesische Hersteller derzeit nicht bieten und auch langfristig nicht nachbilden. Markenbindung lässt sich nicht im Rechenzentrum programmieren. Und bei Entwicklungszeit und Preis holen die Autobauer aus Europa dank cleverer Kooperation – auch mit China – auf, auch ohne staatliche Protektion durch Zölle und Gesetze.

13 Kommentare

Daniel Schnetzler

vor 40 Minuten

Naja, die europäische Autoindustrie gibt sich meines Erachtens teilweise derart grün, dass ich dazu neige, gar kein Auto zu kaufen.

Bernhard Fischer

vor 2 Stunden

Eine Korrektur Herr Schmidt: Mercedes war in Paris mit einem grossen Stand vertreten.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Herbie Schmidt

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