Kommentar
Der Audi-Vorsitzende Gernot Döllner kündigt bei Donald Trump eine Milliardeninvestition an – und erntet einen Sturm der Entrüstung. Die Wallungen verraten dabei mehr über seine Kritiker als über den Konzernchef.
30.10.2026, 12.04 Uhr
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US President Donald Trump and Gernot Dollner, CEO of Audi AG, speak at a rally at Guardian Centers in Perry, Georgia, US, October 24, 2026. REUTERS/Edgar Su
Edgar Su / Reuters
Das Echo war so einheitlich wie verheerend: Mit seiner Teilnahme an einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump zog Gernot Döllner den medialen Argwohn auf sich. Es gebe «Grenzen», mahnte Deutschlands grösstes Boulevardmedium, die «Bild»-Zeitung, mit erhobenem Zeigefinger.
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Was war passiert? Am Samstag trat der Audi-Chef vor einem Maga-Publikum bei einer Wahlkampfveranstaltung im Gliedstaat Georgia auf. Er lobte die «grossartige Möglichkeit» und kündigte an, dass Audi erstmals ein eigenes Werk in den Vereinigten Staaten bauen werde. Dort sollen künftig SUV aus dem Luxussegment produziert werden. Trump stand glücklich grinsend hinter Döllner. Die Zuschauer, viele mit knallroten «Make America great again»-Kappen, klatschten begeistert.
Die «Bild»-Zeitung, ihrem Selbstverständnis nach das Blatt der kleinen Leute, also eher des Facharbeiters bei Volkswagen als des Gewerkschaftsfunktionärs, schlug dabei erstaunlich ähnliche Töne an wie die IG Metall. Diese distanzierte sich wutschnaubend vom Audi-Chef und erklärte dessen Auftritt für «politisch inakzeptabel».
ARD und «FAZ»: im Gleichschritt gegen Audi
Der Auftritt sei ein «Signal der Unterstützung», so das Boulevardblatt empört weiter, und das, obwohl doch der amerikanische Präsident durch seine Zölle die arme deutsche Autoindustrie in die Krise getrieben habe.
Eine US-Korrespondentin der ARD sprang bereitwillig – und mutmasslich ohne dass diese darum gebeten hatten – für die Menschen in die Bresche, die «von Audi abhängig» seien. Für sie sei Döllners Auftritt neben einem Mann, der «sexistisch» und «transphob» auftrete, «einfach nur Hohn».
Als «Kniefall» verhöhnte gar die konservative «Frankfurter Allgemeine Zeitung» («FAZ») den Auftritt des Audi-Chefs, der sich zum «Statisten in der Trump-Show» degradieren liess. Warum so erbost? Weil Trump, so der Autor, Diktatoren hofiere und europäische Unternehmen mit Strafzöllen überziehe. Ein deutscher Konzernchef müsse «eine derartige politische Vereinnahmung mit allen Mitteln zu verhindern suchen».
BMW und Mercedes bei Xi Jinping: Wo blieb die Empörung?
Wie das genau hätte gehen sollen, wusste der Kommentator dann auch noch: Döllner hätte die Ankündigung einfach auf die Zeit nach den wichtigen Zwischenwahlen verschieben können. Oder Audis Nordamerika-Chef hätte an Döllners Stelle auftreten und dem Ganzen so «eine andere Dimension» verleihen können.
Als wäre die Ankündigung einer milliardenschweren Investition auf dem wichtigsten Auslandsmarkt so beliebig verschiebbar wie ein Termin beim Friseur. Oder als würde ein Instinktpolitiker wie Trump nicht merken, wenn er mit dem Regionalleiter statt mit dem Konzernchef abgespeist werden sollte.
Überhaupt. Wäre die Kritik so harsch ausgefallen, wenn der US-Präsident nicht Donald Trump, sondern Kamala Harris geheissen hätte? Oder hätte Gernot Döllner neben Xi Jinping gestanden? Als der chinesische Staats- und Parteichef im vergangenen Jahr die Chefs von BMW und Mercedes-Benz in Peking geschickt für seine Investitionsoffensive eingespannt hatte, blieb eine vergleichbare Welle der Empörung jedenfalls aus.
Hinter der Entrüstung der deutschen Journalisten steckt etwas anderes: schnöder Anti-Trumpismus, Antiamerikanismus und Antikapitalismus. Wenn die Milliarden fliessen und der «orange man» über beide Ohren strahlt, kann es ja gar nicht richtig sein.
So geht wirtschaftliche Vernunft
Statt nüchtern zu fragen, ob der Auftritt eines deutschen Audi-Vorsitzenden bei einem amtierenden US-Präsidenten nicht schlicht im Interesse des Unternehmens, seiner Beschäftigten und seiner Stakeholder liegen könnte, wird lieber moralistisch verteufelt. Die Unterwürfigkeit Döllners, so orakelte die «FAZ», führe wohl kaum zum Ziel.
Das kommt auf das Ziel an. Geht es um das der politischen Korrektheit, um das Wohlwollen lautstarker Meinungsfabrikanten, so lag Döllner auf ganzer Linie daneben.
Geht es um die Zukunft eines Unternehmens, dessen Produktion in Deutschland auch durch extrem hohe Lohnnebenkosten, von der Realität entkoppelte Gewerkschaften, schwindelerregende Energiepreise und überbordende Bürokratie an den Rand des Abgrunds getrieben wird: dann vermutlich schon.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Beatrice Achterberg
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