Kommentar

Der vergoldete Makel: wieso die Verklärung von ADHS und Autismus zur «Superkraft» gefährlich ist

Wer heute wahrgenommen werden will, muss einzigartig sein. Dabei deutet man selbst psychische Störungen positiv um. Eine Gesellschaft, die solche Selbstdarstellungen belohnt, verharmlost wirkliches Leiden.

29.10.2026, 05.35 Uhr

6 Leseminuten


Illustration Simon Tanner / NZZ

Der Mensch wird zur Comicfigur. Helden in Comics verfügen über Superkräfte. Immer öfter schreiben sich auch Menschen diese Kräfte zu. Psychische Auffälligkeiten werden zur «Superkraft» erklärt. Oder verklärt.

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Eine Umdeutung zur «Superkraft» nehmen vor allem Menschen vor, deren Gehirn etwas anders funktioniert als das der Mehrheit. Sie leiden an ADHS, Autismus oder Hochsensibilität – Störungen also, die als Modediagnosen gelten, weil sie so häufig vergeben werden. Dank Checklisten auf Instagram und Tiktok auch sich selbst.

Die Prominenten gehen bei der Veredelung des Leidens voran und beschreiben die Hürde als Talent. Die Aktivistin Greta Thunberg hat über ihr Asperger-Syndrom, das bei ihr schon als Kind diagnostiziert wurde, gesagt: «Anders zu sein, ist eine Superkraft.» Der Unternehmer Richard Branson, Gründer von Virgin Group, sieht in seinem ADHS eine «unternehmerische Superkraft».

Der Rapper Kanye West nennt seine bipolare Störung «grossartig»: Es sei «eine Superkraft, keine Behinderung». Paris Hilton widmete ihrer «Superkraft» ADHS ein Lied. Lange habe sie sich deprimiert und unfrei gefühlt, doch nun sei sie «das Beste, was ich sein kann», singt sie: «Meine Superkraft war genau in mir drin. Es war ADHS.» Neuerdings verkauft sie T-Shirts mit der Aufschrift: «ADHD Princess».

Auf Linkedin mit ADHS angeben

Auf der Selbstdarstellerplattform Linkedin wird die psychische Abweichung von der Norm inzwischen ebenfalls zu Markte getragen. Hier finden sich zahllose Beiträge unter Hashtags wie #ADHDSuperpower oder #NeurodiversityinTech. Auf Linkedin geht es um die eigene Grossartigkeit im Beruf: Fehlende Impulskontrolle und Ablenkbarkeit werden als unkonventionelles und kreatives Denken angepriesen.

Es ist gut und wichtig, dass psychisches Leiden enttabuisiert wird, Betroffene sich nicht mehr dafür schämen und man sie nicht ausgrenzt. Doch heute geschieht das Gegenteil: Die Belastung und Behinderung wird zur Besonderheit aufgewertet. Sogenannte neurodiverse Störungen erscheinen geradezu erstrebenswert.

Man muss sie nicht mehr aushalten und behandeln lassen. Dass man anders denkt und sich verhält als die Mehrheit, wird zum gefeierten Identitätsmerkmal: Man hat nicht bloss ein ADHS, man ist es. Man ist stolz darauf und zeigt es her.

Der Psychonarzissmus blüht

Social Media erfordern ein darstellbares Leben. Dies fördert wiederum den Narzissmus, der auch vor psychischen Unzulänglichkeiten nicht mehr haltmacht. Dafür gibt es öffentliche Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Bewunderung. «Psychonarzissten», so hat «Die Welt» Menschen wie Greta Thunberg genannt.

Selbst Psychopathologien sind der Selbstvermarktung dienlich. Auf dem «Spektrum» zu sein, ein Trauma erlebt zu haben, kann einem nun gesellschaftliche Macht verleihen. Es wird zum Vorteil in Alltag und Beruf, es macht jemanden interessant und verhilft zu Karrieren.

Die Bemühungen für mehr Inklusion und Diversität in den vergangenen Jahren haben dazu beigetragen, dass ein Handicap plötzlich etwas Positives ist. Die Gesellschaft sollte gerechter werden, indem benachteiligte Gruppen die gleichen Chancen erhalten wie die Mehrheit, also die Norm. In der Folge wurden psychische Auffälligkeiten behandelt, als wären sie bereits ein Leistungsausweis.

So kommen Menschen in Positionen, in denen ihre Beeinträchtigung zur «Superkraft» umgedeutet wird – nicht nur von ihnen selbst. Auch Politik und Universitäten belohnen das Anderssein. Ein tragisches Beispiel dafür ist Jason Arday.

Professor mit Autismus-Diagnose

Der jüngste schwarze Professor an der Universität Cambridge machte aus den vermeintlichen Mängeln seiner Biografie und seiner Persönlichkeit eine Erzählung, die ankam. Vor allem bei der Uni-Leitung, die den Mann mit seiner wundersamen Karriere engagierte. Bildungsferne Familie, Autismusdiagnose. Lesen lernte Arday angeblich erst mit 11 und schreiben mit 18.

Er überwand alle Hindernisse, bekam den unkritischen akademischen Applaus, bis er wohl selber an seine übermenschlichen Fähigkeiten glaubte. Mit 41 schrieb er seine Memoiren. Im September flog er als Hochstapler auf wegen mutmasslicher Plagiate und der Erfindungen, die seinen Lebenslauf betrafen. Kurz darauf beging er Suizid.

Arday ist das Opfer einer Kultur, die solche Heldengeschichten liebt, sie begünstigt und belohnt. Er hat aus seinem Leben eine einzigartige Erzählung gemacht: Der Held meistert unüberwindbare Schwierigkeiten, wozu die frühen kognitiven Defizite gehören, und bringt es so zu Ansehen und Erfolg. Die Uni Cambridge konnte sich mit der Berufung dieses vom Leben herausgeforderten Mannes moralisch erheben.

Der Psychonarzissmus birgt Gefahren. Wenn die Erzählung sich als falsch erweist, ist das existenziell. Man wird konfrontiert mit dem eigenen Scheitern. Das grandiose Selbstbild bricht ein.

Die Pflicht zur Einzigartigkeit

Jeder Mensch will einzigartig sein. Das Durchschnittsleben ist reizlos geworden. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht vom «Imperativ der Spätmoderne»: Wer nicht in der Masse untergehen will, kuratiert sein Leben, er inszeniert es wie ein Kunstwerk. Während sich das Individuum früher an allgemeine Normen anpassen musste und vereinheitlichte Berufsbiografien durchlief, gibt es heute eine Pflicht, unverwechselbar zu sein. Dadurch erreicht man soziale Anerkennung.

Den Drang nach Einzigartigkeit mag es immer schon gegeben haben. Er liegt jedem künstlerischen Schaffen zugrunde. Neu ist, dass das Selbst zum Kunstwerk wird. Es muss dargestellt werden. Verletzlichkeit wird dabei zum Unterscheidungsmerkmal.

Es ist nicht mehr Ehrgeiz, ein innerer Antrieb, mit dem man unter Kraftanstrengung etwas Aussergewöhnliches erreicht und sich von allen anderen abhebt. Sondern man ist von etwas Gegebenem betroffen und erkennt darin die Superkraft. Ob das Aufwachsen in Armut, ein Bruch später im Leben oder ADHS: Ungewöhnliche Erfahrungen werden zu einem Wert an sich. Ihr ADHS habe ihr ermöglicht, «endlich ich zu sein», schreibt die Autorin Angelina Boerger.

Widersprüchliches Selbstverständnis

Man kann sich fragen, was so einzigartig an einem ist, wenn immer mehr dieselbe Diagnose teilen. Die Neurodiversitätsbewegung wächst. Aktivisten kämpfen dafür, dass ADHS, Autismus oder das Tourette-Syndrom nicht als Krankheit angesehen werden. Stattdessen wird betont, dass Abweichungen vom Durchschnitt zur menschlichen Vielfalt beitrügen.

Es ist paradox: Man fordert, in der psychischen Störung kein Defizit und keine Schwäche zu sehen. Gleichzeitig will man in seinem Anderssein gesehen werden und verlangt Anerkennung, Toleranz und Rücksichtnahme.

Diese Widersprüchlichkeit zeigt sich im grosszügig vergebenen Nachteilsausgleich im Bildungsbereich. Man macht eine Autismusspektrumsstörung, ein ADHS oder eine Legasthenie geltend, damit Prüfungs- und Lernbedingungen angepasst werden.

Obwohl sie Beachtung wollen, wollen viele Menschen mit ADHS oder Autismus gerade nicht stigmatisiert werden. Deshalb wirkt auch der kürzliche Beschluss des Zürcher Gemeinderats wie ein Zuviel des Guten: Betroffene mit einem Sonnenblumen-Halsbändel auszustatten, damit sie der Umwelt signalisieren können, dass sie bei Billettkontrollen oder am Postschalter mehr Zeit oder Unterstützung brauchen.

Der Bändel ist freiwillig. Gegen die Absicht lässt sich nichts einwenden. Aber wenn man bedenkt, dass immer mehr Leute von den unsichtbaren Beeinträchtigungen betroffen sind, und viele nur gemäss Selbstdiagnose, bekommt das Konzept etwas Absurdes.

Echtes Leiden wird trivialisiert

Wer sich als Inhaber einer «Superkraft» sieht, wird sich kaum mit Sonnenblumen um den Hals kennzeichnen. Das ADHS-Prinzessinnen-T-Shirt von Paris Hilton ist da um einiges sexyer. Das ist das Problem: Mit der Vermarktung von ADHS als Trend wird die Krankheit verharmlost.

Auch eine boomende Coaching- und Beraterbranche beteiligt sich heute daran, die neurodiversen Störungen umzudeuten. Die «NZZ am Sonntag» zeigte kürzlich auf, wie rund um ADHS eine Parallelwelt entstanden ist, ein regelrechtes Business. In Privatschulen lernen Kinder, ihr ADHS als Superkraft zu sehen. Es wird ihnen mitgegeben, dass perfekt zu funktionieren «langweilig» sei. Auf die Selbstbezeichnung «neurospicy» treffen sie früher oder später auf Tiktok.

Der Leidensdruck wird damit trivialisiert, die Probleme im Alltag verschwiegen. An Aufgaben zu scheitern, die man nicht zu Ende führen kann, die innere Unruhe. Keine Minute still sitzen zu können, ständig aufzubrausen, die Angst und Überforderung.

Auch dem Kind, das an einer schweren Autismusstörung leidet, das nicht spricht und Kontakt mit Menschen meidet, ist mit der Verklärung in keiner Weise geholfen. Wenn die leistungsfähigen, leicht autistischen Techvisionäre im Silicon Valley ihr Anderssein als Gewinn verkaufen, hat es nichts davon.

Durchschnittlichkeit verdient wieder mehr Beachtung, das gewöhnliche Leben, die unauffällige Persönlichkeit. Eine seelische Krise, ein Auslenken der Psyche ist, was es ist, und bedarf je nachdem einer Behandlung. Es ist keine Besonderheit, die den eigenen Marktwert steigert.

Vielleicht wäre es ein Anfang, als Gesellschaft den sekundären Krankheitsgewinn zu verweigern, den man denen gewährt, die sich in ihrem vermeintlichen Leiden so inszenieren. Der Entzug von Aufmerksamkeit, Zuwendung und Mitgefühl ist oft ein erster Schritt zur Gesundung.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Birgit Schmid

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