Kommentar

Der selbsternannte «Wirtschaftskanton» fällt zurück: Zürich sollte seinen Firmen mehr Sorge tragen

Laut neuen Zahlen des Bundes gerät der Kanton Zürich wirtschaftlich ins Hintertreffen. Basel, Genf und Zug haben die stärkeren Firmencluster. Es braucht in Zürich ein Umdenken, um den Wohlstand zu erhalten.

03.11.2026, 05.30 Uhr

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Die Banker am Zürcher Paradeplatz geben nicht mehr genügend Schwung.

Die Banker am Zürcher Paradeplatz geben nicht mehr genügend Schwung.

Joël Hunn / NZZ

Grossfirmen sind nicht sonderlich beliebt. Als jüngst die Bank Vontobel ankündigte, ihre Heimatstadt Zürich zu verlassen, reagierte der zuständige Stadtrat mit einem Schulterzucken: «Mir scheint die Aufregung teilweise übertrieben.»

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Diese Haltung dürften grosse Teile der Bevölkerung teilen – und das nicht nur in Zürich, sondern in der ganzen Schweiz. Grosskonzerne werden bestenfalls als notwendiges Übel gesehen. Die Sympathien der Schweizerinnen und Schweizer gelten KMU, Handwerksbetrieben und Bauern. Jene für Rohstoffhändler wie Glencore, Pharmakonzerne wie Roche oder Finanzinstitute wie die UBS sind gering.

Abgehängt von Zug und Basel

Doch diese Haltung ist gefährlich. Das illustrieren neue Daten des Bundesamtes für Statistik (BfS). Sie zeigen eine veränderte wirtschaftliche Rangordnung unter den Kantonen. Das wiederum hat viel zu tun mit den Grossfirmen, die in den jeweiligen Kantonen ansässig sind, sowie mit den Branchen-Clustern, die um sie herum entstanden sind.

Zu den grossen Aufsteigern gehören Genf und Zug. Laut dem BfS ist ihr kantonales Bruttoinlandprodukt (BIP) fast 50 Prozent grösser als bisher angenommen. Die Statistiker haben die Bedeutung von lokalen Firmen für die Wirtschaftskraft eines Kantons erstmals besser erfasst. In Genf und Zug ist dadurch vor allem die Rolle der Rohstoffhändler wie Glencore, Vitol oder Trafigura klarer sichtbar geworden. Sie treiben das lokale BIP nach oben, denn die Rohstoffhändler hatten jüngst gute Jahre. Sie haben im Zuge der Verwerfungen an den Energiemärkten nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs viel Geld verdient.

In Basel-Stadt schlägt die enorme Bedeutung der Pharmaindustrie durch. Das BfS hat die Wirtschaftskraft des Kantons um 30 Prozent grösser veranschlagt als bisher. Das spiegelt den Beitrag der Pharmakonzerne Roche und Novartis und des Clusters von Firmen und Organisationen um sie herum. Auch der Kanton Neuenburg steigt auf. In der Deutschschweiz mögen ihn viele mit Weinbergen assoziieren. Doch Neuenburg punktet mit starken Firmen in den Sektoren Uhren, Mikrotechnik und Tabakindustrie.

Runter vom hohen Ross

Im Kanton Zürich hingegen, der sich gerne als «Wirtschaftskanton» sieht, dürften sich manche verwundert die Augen reiben. Zürich ist von Neuenburg überrundet und von Zug, Basel und Genf abgehängt worden. Laut den neuen BfS-Zahlen ist Zürich der Kanton mit dem drittschwächsten Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten. Das dürfte am relativen Niedergang der Finanzbranche liegen. Dieser konnte nur zum Teil kompensiert werden mit der Ansiedelung eines Tech-Clusters rund um Firmen wie Google.

Zürich fällt im innerschweizerischen Rennen mit den anderen Kantonen zurück. Das darf den Politikern und der Bevölkerung nicht egal sein. Wie wichtig hochproduktive Grosskonzerne sind, zeigt sich nicht nur an den kantonalen BIP-Zahlen. Die Bürger profitieren auch direkt von ihnen, etwa in Form von überdurchschnittlich hohen Löhnen und hohen Steuereinnahmen. So haben die boomenden Genfer Rohstoffhändler jüngst unerwartet grosse Steuerzahlungen geleistet. Die Kantone Zug und Basel-Stadt schwimmen im Geld.

Im Kanton Zürich hingegen meint die Politik immer noch, sie könne die Firmen mit dem zweithöchsten Satz für Unternehmenssteuern in der Schweiz belasten. Die Unternehmen kämen ohnehin nicht um den «Wirtschaftskanton» herum, man müsse sich deshalb nicht sonderlich um sie bemühen, so lautet die Annahme dahinter.

Wie falsch sie ist, machen die neuen BfS-Zahlen deutlich. Es braucht in Zürich die Einsicht, dass das Wirtschaftswachstum an anderen Orten in der Schweiz stattfindet. Vor allem muss sich auch die Geisteshaltung ändern: Grossfirmen sind nicht ein notwendiges Übel, sondern sie sind eine zentrale Quelle des Wohlstandes.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Benz

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