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Das Zeitalter der Krisen ist angebrochen. Die Unternehmen müssen sich darauf vorbereiten – auch zum Schutz der Schweiz
Im Krisenfall kommt der Staat an den Anschlag. Deswegen muss jede Firma für sich selbst vorsorgen. Nur so ist das Land gemeinsam für die unsicheren Zeiten gerüstet.
02.11.2026, 05.35 Uhr
5 Leseminuten
Illustration Simon Tanner / NZZ
In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober stieg in mehreren hundert Supermärkten in Frankreich die Temperatur in den Kühlregalen auf bis zu fünfzig Grad an. Unbekannte hatten durch einen Cyberangriff die Funktion zum Abtauen aktiviert. Das hat es in diesem Ausmass noch nie gegeben. Die Folge: verdorbene Lebensmittel im Wert von mehreren Millionen Franken.
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Wer hinter dem Sabotageakt steckt, ist unklar. Ein finanzieller Anreiz, wie ihn Kriminelle meist haben, ist nicht erkennbar. Über ein politisches Statement, das allenfalls eine Verbindung zu Russland oder Iran nahelegen würde, ist ebenfalls nichts bekannt.
Für die betroffenen Supermarktketten ist die Urheberschaft zweitrangig. Sie haben den Schaden – egal, wer hinter dem Angriff steht.
Der Vorfall ist bezeichnend für die Risikolandschaft, in der sich Unternehmen heute bewegen. Cyberangriffe häufen sich. Alles, was mit dem Internet verbunden ist, wird zum Ziel. Dahinter können russische Geheimdienste oder finanziell motivierte Kriminelle stecken. Die Grenze zwischen staatlicher Sabotage, krimineller Aktivität und technischen Störungen wird verwischt.
Künstliche Intelligenz schafft zusätzliche Unsicherheiten. Sie beschleunigt die Angriffe. Eine einzelne Sicherheitslücke in einer verbreiteten Software kann weitreichende Folgen haben, wie der Vorfall mit der Skriptsprache PHP vor wenigen Tagen zeigte. Wegen einer Schwachstelle wurden zahlreiche Websites weltweit vorübergehend abgeschaltet.
Hinzu kommen die geopolitischen Verwerfungen, welche die Unsicherheit für Unternehmen erhöhen: der Handelskonflikt zwischen China und den USA, Donald Trumps Zollpolitik, die Kriege in Nahost und in der Ukraine. Die Welt ist unberechenbarer geworden. Der globale Freihandel ist unter Druck. Bestehende politische Allianzen bröckeln.
Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen besser für mögliche Krisen vorsorgen. Die Schweizer Wirtschaft ist aber noch nicht in dieser neuen Realität angekommen. Das muss sich rasch ändern. Denn die unruhigen Zeiten gehen nicht so bald vorüber – und die Risiken steigen weiter.
Die Vernetzung wird zum Angriffspunkt
Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten ungemein stark vernetzt. Das gilt für die Lieferketten in der physischen Welt wie auch für digitale Dienstleistungen und Software im IT-Bereich. Diese Globalisierung bringt den Firmen in normalen Zeiten wirtschaftliche Vorteile. Kommt es zu Konflikten, wird sie jedoch zum Risiko.
Wie gross die Auswirkungen sein können, hat sich im Januar 2024 gezeigt, als die Huthi-Rebellen damit begannen, im Roten Meer internationale Frachtschiffe anzugreifen. Die Reedereien änderten ihre Routen und fuhren um den afrikanischen Kontinent herum. Das verlängerte die Lieferzeiten und erhöhte die Kosten. Beim grossen Tesla-Werk nahe Berlin kam es darum zu Lieferengpässen, so dass der Betrieb praktisch komplett eingestellt werden musste. Die meisten der rund 12 000 Angestellten waren zwei Wochen ohne Arbeit.
Die Antwort kann nicht die Entkoppelung der Wirtschaftsräume oder gar eine Art nationale Autarkie sein. Dafür sind die Abhängigkeiten zu stark und die Kostenvorteile zu gross. Doch es braucht ein stärkeres Bewusstsein für die geopolitischen Risiken. Eine mögliche Massnahme, um die Abhängigkeiten zu verringern, ist etwa die Diversifizierung von Lieferketten.
Besonders gross sind die Abhängigkeiten im digitalen Bereich. Ein kleiner Fehler in einer wichtigen Software kann zu weltweiten Ausfällen führen. Vor zwei Jahren war dies der Fall, als die IT-Sicherheitsfirma Crowdstrike ein fehlerhaftes Update an ihre Kunden verteilte. Das führte weltweit bei rund 8,5 Millionen Windows-Geräten zu einem Ausfall. Betroffen waren Spitäler, Banken und Energieunternehmen. Der Flughafen Zürich stellte seinen Betrieb vorübergehend ein. Die deutsche Supermarktkette Tegut musste ihre 340 Filialen vorübergehend schliessen, weil die Kassensysteme nicht funktionierten.
Hybride Angriffe vergrössern das Risiko
Es gehörte schon immer zu einer guten Unternehmensführung, Risiken für den Betrieb abzuschätzen und Vorkehrungen gegen Ausfälle zu treffen. Doch geopolitische Gefahren sind in Westeuropa seit den neunziger Jahren in den Hintergrund gerückt. Die Vorbereitung auf Sabotageaktionen oder gar einen Krieg wird verdrängt. Und dies, obwohl wir uns bereits in einem Konflikt befinden, der sich in der Grauzone zwischen Frieden und Krieg abspielt.
Russland führt bereits heute verdeckte Operationen gegen Infrastruktur in Europa durch. Dazu gehören Cyberangriffe auf die Stromversorgung, Brandanschläge gegen Logistikfirmen oder Betriebsstörungen durch Drohnenüberflüge. Nicht immer sind die Angriffe erfolgreich. Nicht immer ist die Urheberschaft klar. Doch für die betroffenen Unternehmen entsteht ein Schaden.
Wir befinden uns in einem Zeitalter der Ungewissheit. Die Politik wird weniger verlässlich. Grossmächte ringen um Einfluss und Macht. Diese Grauzonen-Konflikte fallen zusammen mit der zunehmend komplexen technischen Vernetzung. Eine gefährliche Kombination.
Zentrale IT-Systeme werden zum idealen Angriffsziel. Ein einzelner Cyberangriff kann sich rasch weltweit ausbreiten und Kollateralschäden anrichten. Das fehlerhafte Update von Crowdstrike hätte auch ein Angriff sein können. Die Folgen wären dieselben gewesen.
Das Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen. Im Juni 2017 löste die Schadsoftware Not Petya weltweite Störungen aus. Allein die dänische Reederei Maersk sprach von Kosten in der Höhe von rund 300 Millionen Dollar. Hinter dem Cyberangriff stand der russische Militärgeheimdienst GRU, der damit vor allem ukrainische Unternehmen treffen wollte. Doch der Schaden entstand weltweit.
Gemeinsam lässt sich die Krise besser bewältigen
Wie der nächste Vorfall aussehen wird und was die nächste Krise auslösen wird, ist offen. Zu den grössten Risiken für Unternehmen gehören derzeit Stromausfälle und Störungen bei IT-Systemen. Entsprechend ratsam ist es, sich auf solche Szenarien vorzubereiten. Dazu gehört zum Beispiel, eine Krisenkommunikation ohne E-Mail und Telefon vorzubereiten oder elementare Systeme mit einer Notstromversorgung auszurüsten.
Selbst wenn das nächste Ereignis kein Stromausfall sein wird: Vorbereitung, Notfallpläne und eingeübte Abläufe helfen grundsätzlich dabei, besser durch das Chaos der ersten Stunden zu kommen. Und diese Zeit ist entscheidend.
Doch bei der Krisenvorsorge geht es nicht nur um das einzelne Unternehmen. Resilienz entsteht im Verbund. Die Krisenfestigkeit eines Landes ist als Netzwerk zu sehen. Der Staat bereitet übergeordnete Strukturen vor. Jedes Unternehmen trifft für seinen Bereich Vorkehrungen. Und im Idealfall sind auch die Einwohner des Landes vorbereitet.
Diese individuelle Vorbereitung ist entscheidend. Nur wenn die eigene Familie versorgt ist, zum Beispiel mit Wasser und Lebensmitteln bei einem Stromausfall, haben die Mitarbeiter und Einsatzkräfte den Rücken frei, um sich in der Krisenbewältigung im Unternehmen oder in staatlichen Organen zu engagieren.
Je besser die einzelnen Teile eines Landes vorbereitet sind, desto besser kommt die Gemeinschaft durch die Krise.
Es ist Zeit, mit Vorsorge zu beginnen
In der Schweiz ist das Bewusstsein für diese Verbundaufgabe noch kaum vorhanden. Resilienz und Krisenfestigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft sind in der breiten Öffentlichkeit kein Thema.
Immerhin hat der Bundesrat erkannt, dass sich die Schweiz für den Konflikt unterhalb der Kriegsschwelle besser rüsten muss. Er hat in seiner Sicherheitspolitischen Strategie entsprechende Ziele formuliert. Doch eine Strategie allein nützt wenig. Die Unternehmen müssen es selbst in die Hand nehmen, sich besser auf mögliche Krisen vorzubereiten. Das geschieht noch zu wenig.
Dabei lohnt sich Krisenvorsorge. Zwar kostet die Vorbereitung. Doch wenn es zur Krise kommt, zahlen sich die Vorkehrungen rasch aus. Vorsorge ist die Versicherung für eine unberechenbare Weltlage.
Die Vorkehrungen sind nie perfekt. Wichtig ist es, überhaupt damit anzufangen. Notfallpläne, das Organigramm für die Krisenorganisation und eingeübte Abläufe helfen immer. Die Mitarbeiter zu sensibilisieren, hat ebenfalls einen grossen Effekt.
Dass Notfallprozesse nützen können, hat sich während eines Cyberangriffs auf ein Check-in-System im Herbst 2025 gezeigt, das an mehreren europäischen Flughäfen zum Einsatz kommt. Infolge der Attacke kam es etwa an den Flughäfen Berlin-Brandenburg, Brüssel und London Heathrow zu riesigen Verspätungen und der Annullation zahlreicher Flüge.
Nicht betroffen war die Fluggesellschaft British Airways. Sie konnte in Heathrow ein alternatives System für das Check-in aktivieren. Die Flüge von British Airways verkehrten normal. Ein Konkurrenzvorteil in der Krise.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lukas Mäder
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