Kommentar
Das Wasserschloss vertrocknet: Die Schweiz braucht einen Plan gegen die Trockenheit
Nach dem Hitzesommer braucht es in Politik und Gesellschaft ein neues Bewusstsein: Die Sicherstellung von genügend Wasser ist die erste und wichtigste Aufgabe des Staates auf allen drei Ebenen.
31.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Episoden aus dem vormaligen Wasserschloss Europas: Flüsse und Seen befinden sich auf historischem Tiefstand.
Dominic Nahr / NZZ
Geht es nach Martin Holdener, dem derzeit präzisesten Wetterschmöcker aus dem Muotathal, wird das Wetter in den kommenden Monaten so: Auf die Weihnacht gibt es Schnee, im «Jänner» folgt erneut Niederschlag. «Gut für das Grundwasser, das gelitten hat.» Im Februar, so Holdener weiter, sollten die «Maschgerade», also die Fasnächtler, Schneeschuhe anziehen. «Äs git ä so vill Schnee.» Aussichten wie in den Trente Glorieuses.
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Die neuesten Prognosen des Bundes zeigen hingegen eine andere Realität: Vielerorts an See- und Flussufern würden noch immer «deutlich unterdurchschnittliche Wasserstände» gemessen. Das «Bodenfeuchtedefizit» am Alpennordhang und im Mittelland bleibe auch jetzt, mitten im Herbst, «erheblich bis extrem» und dürfte sich «durch das Ausbleiben von Niederschlägen» weiter verstärken. Für eine nachhaltige Erholung des Grundwassers wäre zudem weit mehr nötig, als das bisschen Regen, das es in letzter Zeit gegeben hat.
Selbst jetzt noch, mitten im Herbst, erlassen Gemeinden Beschränkungen für die Trinkwassernutzung. Mancherorts drohen horrende Bussen bei Zuwiderhandlung. Es sind Episoden aus dem vormaligen Wasserschloss Europas, wo das Wasser in einzelnen Gemeinden rationiert werden muss, als befinde man sich im Belagerungszustand.
Angesichts dieser Situation darf die Schweiz nach diesem Hitzesommer nicht zum Courant normal zurückkehren. Nun braucht es in der Politik und auch in der Gesellschaft ein neues Krisen- und Wasserbewusstsein: Eine sichere Wasserversorgung ist die Lebensgrundlage jeder Gesellschaft und muss dementsprechend auch zur ersten Aufgabe des Staates werden.
Berichte allein reichen nicht mehr
Die Wasserhoheit liegt in der Schweiz bei Kantonen und Gemeinden. Sie erteilen Konzessionen für die Nutzung und Nutzbarmachung von Quellen und Gewässern. Nun will der Bundesrat bis zum Frühjahr eine Strategie für ein nationales Wassermanagement vorlegen. Das ist richtig. Allerdings muss er noch beweisen, dass er den Ernst der Situation begriffen hat.
Wissenschafter beklagen seit dem Sommer, dass in der Schweiz kaum brauchbare Zahlen zum Wasserhaushalt erfasst würden. Genau die wären aber nötig, damit für alle nachvollziehbar wird, wo Wasser gespart werden könnte und wo es bis anhin verschwendet wird.
Gefragt sind aber auch die Kantone und die Gemeinden, die über natürliche Wasserspeicher wie Gletscher, Flüsse oder Seen verfügen. Sie müssen klar aufzeigen, wie sie diese Ressource künftig effizienter nutzen und speichern wollen – auch zum Nutzen von anderen Gemeinden, die massiv unter der Trockenheit leiden. Gelingt ihnen das, gewinnen sie in künftigen Krisen an Bedeutung. Misslingt es, geraten ihre Hoheitsrechte unter Druck. Die Grünen fordern bereits jetzt, dass der Bund mehr Befugnisse im Wassermanagement erhalte und in den kommenden Hitzesommern den Bedarf priorisieren könne. Doch genau das wäre eine Fehlentwicklung.
Zentralisierungsreflexen widerstehen
Die Tatsache, dass eine Gemeinde in den Alpen liegt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie über genügend Wasser verfügt. Das hat der Fall des Bündner Bergdorfs Feldis kürzlich gezeigt. Verschärft sich dort die Lage weiter, soll das Dorf per Camion mit Trinkwasser versorgt werden. Auch im aargauischen Suhrental herrscht Wassermangel, während die Lage nur wenige Kilometer nördlich in Aarau deutlich entspannter ist.
Die Probleme unterscheiden sich teilweise von Dorf zu Dorf. Die Schweiz braucht zwar ein nationales Krisenbewusstsein – dafür muss der Bund mit detaillierten Informationen, Anreizen und Austauschplattformen sorgen. Die passendsten Lösungsansätze müssen jedoch lokal und regional erprobt werden. Im Wettbewerb um die beste Lösung und im Vergleich von neuen Konzepten liegt der zentrale Nutzen des Föderalismus – und möglicherweise auch die Lösung des Problems.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Venetz
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