Kommentar

Das Midterm-Menetekel: Israel muss sich auf ungemütliche Zeiten einstellen

Die Zwischenwahlen zeigen, dass sich in den USA die Stimmung gegen den jüdischen Staat dreht. Benjamin Netanyahu schwört sein Land bereits auf die Isolation ein – doch das kann nicht die Lösung sein.

06.11.2026, 14.24 Uhr

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Benjamin Netanyahu nennt Donald Trump den «besten Freund, den Israel je hatte». Doch der Rückhalt für Israel bröckelt auch in Trumps Lager.

Benjamin Netanyahu nennt Donald Trump den «besten Freund, den Israel je hatte». Doch der Rückhalt für Israel bröckelt auch in Trumps Lager.

Jonathan Ernst / Reuters

Es war eine ungewöhnlich schonungslose Wahlanalyse, die der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance am Mittwoch veröffentlichte. «Der Grund, warum wir verloren haben, ist der Krieg», schrieb er und listete die vier wichtigsten Anliegen jener Wähler auf, die zu den Demokraten übergelaufen waren: Sie wünschten sich ein Ende des Krieges, eine Senkung der Lebenskosten, «America first» und dass die Beziehung zu Israel geändert werde.

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Es dauerte nicht lange, bis Vance’ Äusserungen in Israel die Schlagzeilen dominierten. Auch darüber hinaus haben die Ergebnisse der Wahlen den jüdischen Staat in eine Schockstarre versetzt, manche Journalisten sprechen von einer «Katastrophe». Denn die Midterms zeigen, dass sich Israel künftig nicht mehr blind auf seinen wichtigsten Verbündeten verlassen kann.

Israel-Kritik ist kein Randphänomen mehr

Schon seit einiger Zeit zeigt sich, dass die Stimmung gegenüber Israel in den USA kippt. Eine Umfrage aus dem Februar zeigt, dass nur noch 36 Prozent der Amerikaner mit Israel sympathisieren, während sich 41 Prozent auf die Seite der Palästinenser stellen. Eine andere Erhebung kam im Juli zu dem Schluss, dass 62 Prozent eine negative Meinung über die israelische Regierung haben.

Gerade die amerikanische Linke hat erkannt, dass sich mit der Empörung über den angeblichen Genozid im Gazastreifen bestens Wahlkampf betreiben lässt. Zohran Mamdani hat es im November 2025 vorgemacht, als er zum Bürgermeister von New York gewählt wurde. Nun hat im Swing State Michigan mit Abdul El-Sayed ein Politiker die Wahl in den Senat geschafft, der offen antiisraelische Positionen vertritt. Aber Israelkritik ist in der Demokratischen Partei keineswegs ein Randphänomen: Im Juli stimmten 103 Demokraten im Repräsentantenhaus dafür, die Militärhilfe an Israel einzustellen.

Doch auch bei den Republikanern dreht der Wind. Zunächst waren es nur Populisten am rechten Rand wie Marjorie Taylor Greene oder Tucker Carlson, die offen über Israel herzogen. Nun aber zeigen Kommentare wie jene von J. D. Vance, dass die Unterstützung für Israel längst auch das breitere Maga-Lager spaltet.

Das hat offenbar Präsident Trump erkannt: Noch am Morgen der Zwischenwahlen kündigte er überraschend an, dass die jährliche Militärhilfe an Israel im Umfang von 3,8 Milliarden Dollar Ende Jahr eingestellt werde – obwohl dieses Paket erst im September 2028 ausläuft. Die Zahlungen seien ein «schlechtes Argument» für linke Demokraten, und Israel brauche das Geld ohnehin nicht.

Es kann sein, dass sich Trump im Jahr geirrt hat. Doch selbst dann haben es die Demokraten nun theoretisch in der Hand, die Militärhilfe für Israel weitgehend zu stoppen: Denn es obliegt dem ab Januar demokratisch kontrollierten Kongress, jedes Jahr die Gelder zuzuteilen. Mit der «Macht über den Geldbeutel» könnte das Parlament dem Präsidenten auch jegliche Finanzierung für eine Fortsetzung des Krieges gegen Iran verweigern.

Israel soll kein «Super-Sparta» sein

Das bedeutet noch lange nicht, dass Israel nicht mehr auf die USA zählen kann. In beiden Parteien hat der jüdische Staat noch immer viele Freunde. Doch die politische Gemengelage zeigt, dass sich Israel auf ungemütliche Zeiten einstellen muss.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu schwört sein Land bereits auf die Isolation ein. «Amerika hat sich verändert», mahnte er vor den Midterms. Es sei eine Frage der Zeit, bis die Militärhilfe versiege. Israel müsse fortan auf Kryptowährungen setzen, um allfällige internationale Sanktionen zu umgehen. Schon 2025 hatte er gefordert, dass Israel zu einem wirtschaftlich und militärisch autarken «Super-Sparta» werde. Netanyahu scheint gewillt, sein Land noch weiter in die diplomatische Einsamkeit zu führen.

Doch das kann nicht die Lösung sein. Israel hat eine Regierung verdient, die sich nicht auf Gedeih und Verderb an Trump kettet, sondern mit einer klugen Aussenpolitik die Partnerschaft zu den USA über die Parteigrenzen hinweg pflegt. Die Regierung von Netanyahu ist dazu nicht fähig. Andere, gemässigte Politiker stünden bereit – doch das Patt nach den israelischen Wahlen zeigt, dass ein wirklicher Wandel im jüdischen Staat vorerst unwahrscheinlich bleibt.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jonas Roth

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