Kommentar

Bundesratswahlen: Die Romands setzen die Deutschschweizer SVP zu Recht unter Zugzwang

Bei der Suche nach Bundesratskandidaten lässt die SVP bis jetzt jegliche Sensibilität für die Romandie vermissen. Wollen die Deutschschweizer die Genferin Céline Amaudruz übergehen, brauchen sie nun überzeugende Alternativen.

22.10.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Céline Amaudruz hat ihre Bundesratskandidatur zur Frage des nationalen Zusammenhalts hochstilisiert.

Céline Amaudruz hat ihre Bundesratskandidatur zur Frage des nationalen Zusammenhalts hochstilisiert.

Martial Trezzini / Keystone

In den letzten Jahren war Céline Amaudruz das Gesicht der SVP in der Westschweiz. Die Genfer Nationalrätin mag in manchen gesellschaftlichen Fragen etwas fortschrittlicher sein als die Mutterpartei. Doch in den für die SVP zentralen Themen politisierte sie ganz auf Parteilinie. Engagiert und loyal kämpfte die SVP-Vizepräsidentin für die Begrenzungsinitiative, für die Halbierung der Gebühren für die SRG oder zuletzt für eine Obergrenze der Wohnbevölkerung und eine starre Interpretation der Schweizer Neutralität.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Umso überraschter nehmen nun viele Romands zur Kenntnis, dass Amaudruz in der eigenen Partei offenbar wenig Freunde hat. Seit die Genferin letzte Woche als Erste ihre Kandidatur um die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin lanciert hat, hört man aus Deutschschweizer SVP-Kreisen, Amaudruz habe keinen Rückhalt. Roger Köppel diffamierte sie in der «Weltwoche» als «Leichtgewicht».

Forsches Powerplay

Damit droht der Volkspartei ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen eine Zerreissprobe zwischen den zunehmend selbstbewussten welschen Parteisektionen und den alten Hochburgen in der Deutschschweiz. Denn für den Fall, dass die SVP Amaudruz’ Kandidatur verschmäht, drohte der Genfer Kantonalpräsident Lionel Dugerdil eine «sehr deutliche» Reaktion der welschen Sektionen an.

Die Volkspartei wächst in der Westschweiz und erreicht inzwischen Wähleranteile von durchschnittlich 20 Prozent. Auch vor diesem Hintergrund fordern die Romands, die SVP müsse als grösste Partei der Schweiz weiterhin zwei Bundesräte aus verschiedenen Sprachregionen stellen. Amaudruz stilisierte ihre eigene Kandidatur zur Frage des nationalen Zusammenhalts hoch und erklärte, es wäre unvorstellbar, dass niemand mit französischer Muttersprache auf dem SVP-Bundesratsticket lande.

Das Powerplay der Westschweizer SVP mutet reichlich forsch an, ist aber nachvollziehbar. Als man ein Aushängeschild für die Romandie brauchte, war Amaudruz für das Vizepräsidium der Partei gut genug. Jetzt, wo es um den Einzug in den Bundesrat geht, soll sie ihre Schuldigkeit getan haben. In der nationalen Partei stört man sich vor allem an ihrem forschen Charakter und am fehlenden SVP-Stallgeruch. Dieser geht der im urbanen Genfer Privatbankermilieu verankerten Amaudruz tatsächlich ab. Doch wäre eine atypische Kandidatin womöglich auch eine Chance, neue Wählerschichten anzusprechen.

Deutschschweizer Arroganz

Viele Romands stören sich zu Recht an der Arroganz, mit der manche Deutschschweizer die Romandie und das Tessin in einen Topf werfen oder erklären, ein Oberwalliser gehe als Romand durch. Ein erschreckend simples Bild der vielsprachigen Schweiz offenbaren auch viele Deutschschweizer Medien, die mit überheblicher Selbstverständlichkeit argumentieren, mit Elisabeth Baume-Schneider und Ignazio Cassis sei die «lateinische Schweiz» ausreichend im Bundesrat vertreten.

Gerade den Vertretern der SVP, die sich im Kampf gegen die EU-Verträge als Superpatrioten und Urföderalisten inszenieren, stünde etwas mehr staatspolitisches Fingerspitzengefühl und Sorge um den nationalen Zusammenhalt gut an. Insofern schadet es nicht, dass die Romands die SVP unter Zugzwang gesetzt haben.

Hält die Volkspartei Amaudruz von ihrem Bundesratsticket fern, ist eine Eskalation des Streits mit den Westschweizer Sektionen nicht auszuschliessen. Letztlich bliebe den Romands aber wohl wenig anderes übrig, als sich mit zwei SVP-Bundesräten aus der Deutschschweiz zu arrangieren. Dazu müssten die Kantonalparteien bis zum Ablauf der Meldefrist am Freitag aber nicht bloss weitere prominente Absagen präsentieren, sondern mindestens zwei überzeugende Alternativen. Gesucht sind keine Alibikandidaten oder Parteisoldaten mit ideologischen Scheuklappen. Gefragt sind vielmehr anerkannte Führungspersönlichkeiten, die über die eigene Partei und die eigene Sprachregion hinaus mehrheitsfähig sind.

Passend zum Artikel

Während der Pandemie kritisierte er die Behörden. Nun will er das Vertrauen in die Institutionen wiederherstellen und inszeniert sich als Kandidat für die Romandie.

Céline Amaudruz gilt als aussichtsreiche Kandidatin für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin. Doch ein Blick auf ihre Vita offenbart Angriffspunkte und Schwächen, etwa bei ihrem Führungsstil.

Vor elf Jahren hat sie schon einmal einen Westschweizer zum Bundesrat gemacht, nun könnte die Vizepräsidentin der SVP Schweiz selbst gewählt werden – vorausgesetzt, sie überzeugt ihre eigene Fraktion.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Niklaus Nuspliger

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira