Kommentar
Bundesratswahl: Mit einer Flut von Last-Minute-Kandidaturen lenkt die SVP von ihren Problemen ab
Auf einmal hat die SVP bei der Suche nach einem Nachfolger für Guy Parmelin die Qual der Wahl. Die Partei zeigt sich in ihrer ganzen Breite, doch drängt sich kein Kandidat zwingend auf.
24.10.2026, 05.30 Uhr
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Der SVP-Fraktionspräsident Thomas Aeschi trägt am Revers eine Anstecknadel in Form einer Hellebarde mit Schweizerkreuz: Er gilt derzeit nur als «halber Bundesratskandidat» der SVP.
Peter Klaunzer / Keystone
Am Ende hat sich die SVP ziemlich gut aus der Affäre gezogen. Wochenlang bekundete die Partei grösste Mühe, überhaupt irgendwelche Interessenten für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin zu finden. Eine prominente Absage reihte sich an die nächste, nur die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz meldete ihre Ambitionen offensiv an. Doch in letzter Minute riss die SVP das Steuer herum: Bei Ablauf der Frist am Freitag hatten die Kantonalparteien acht Kandidaturen gemeldet. Auf einmal steht die Fraktion bei ihrem Nominierungsentscheid am 20. November nicht vor einem Vakuum, sondern hat die Qual der Wahl.
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Ein «halber Bundesratskandidat»
Die plötzliche Flut von Kandidaten macht das Rennen unberechenbar, zumal offen ist, wie viele Bewerber die Fraktion der Vereinigten Bundesversammlung auf dem Ticket vorschlagen wird. Die SVP-Fraktion käme kaum darum herum, ihren Präsidenten Thomas Aeschi zu nominieren. Der Zuger Nationalrat liess sich zwar von seiner Kantonalpartei aufstellen, er teilte aber mit, er wolle vor einem endgültigen Entscheid noch familiäre und politische Gespräche führen.
Scheut der Taktiker Aeschi, dem die Bundesversammlung im Jahr 2015 Parmelin vorzog, die Schmach einer zweiten Nichtwahl? Jedenfalls scheint er sich alle Optionen offenhalten zu wollen, was unentschlossen wirkt. Einst hatte die SVP mit Samuel Schmid einen «halben Bundesrat» in ihren Reihen. Nun führt der zaudernde Zuger den Begriff des «halben Bundesratskandidaten» ins helvetische Politvokabular ein.
Das heterogene Kandidatenfeld erlaubt es der SVP, sich in ihrer ganzen Breite zu präsentieren. Es hat für alle etwas dabei. Der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann spricht Impf- und Staatsskeptiker an, was zur Strategie der Volkspartei passt, bei den Wahlen 2027 möglichst viele Politikverdrossene abzuholen. Der Walliser Nationalrat Michael Graber ist der Kandidat für jene, die sich einen Haudrauf im Bundesrat wünschen. Graber lieferte sich 2024 mit Aeschi ein Handgemenge mit Polizisten im Bundeshaus und bedachte die Ordnungshüter mit einem Nazi-Vergleich.
Im SVP-Kandidatenfeld finden sich aber auch staatstragende und konziliante Exekutivpolitiker wie der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati, der Walliser Staatsrat Franz Ruppen oder der Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg. Der umgängliche Tessiner Ständerat Marco Chiesa repräsentiert die italienischsprachige Schweiz. Schnegg gehört der frankofonen Minderheit aus dem Berner Jura an, womit er ein waschechter Romand ist.
Strategie der Reizüberflutung
Der integre Berner Gesundheitsdirektor darf also auf die Stimmen jener SVP-Parlamentarier aus der Deutschschweiz hoffen, die die forsche Genfer Bankerin Céline Amaudruz unbedingt vom SVP-Ticket fernhalten wollen. Ruppen und Graber sprechen zwar sehr gut Französisch. Doch sollte die SVP-Spitze die deutschsprachigen Oberwalliser dem Parlament tatsächlich als Romands verkaufen wollen, wäre dies selbst im Zeitalter der identitätspolitischen Beliebigkeit ein allzu billiger Etikettenschwindel.
Die Schwemme der Last-Minute-Kandidaturen ist auch Ausdruck einer Strategie der Reizüberflutung. Die SVP wirft den Medien genug Futter hin, damit diese in den nächsten Wochen unzählige Szenarien durchspielen und in die biografischen Untiefen aller Bewerber eintauchen können.
Das lenkt von den Problemen der SVP ab: Praktisch alle Favoriten haben auf eine Bundesratskandidatur verzichtet, bei der stolzen Zürcher SVP liess sich gar niemand für eine Bewerbung motivieren. Gleichzeitig will die Deutschschweizer Parteispitze die eigene Vizepräsidentin und einzige Frau unter den Bewerbern abservieren. Im schlimmsten Fall droht eine Zerreissprobe mit den aufstrebenden Westschweizer Sektionen. Und im eklektischen Kandidatenfeld findet sich keine Persönlichkeit, die sich zwingend für das Bundesratsamt aufdrängt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Niklaus Nuspliger
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