Kommentar
Anthropic: Noch nie war ein Börsengang wichtiger für die Wirtschaft
Geht im November etwas schief beim IPO des KI-Anbieters, hätte das schwerwiegende Folgen für die Börse und das weltweite Wachstum. Deshalb haben alle ein Interesse daran, dass der Börsengang von Anthropic ein durchschlagender Erfolg wird.
27.10.2026, 16.32 Uhr
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Ein Messias? Anthropic Mitgründer Dario Amodei.
Chesnot / Getty
Die Würfel sind gefallen. Mit der Veröffentlichung seines Börsenprospekts hat Anthropic den Weg frei gemacht für ein sogenanntes Initial Public Offering (IPO) im November.
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Auch wenn bereits der Börsengang von SpaceX mit Superlativen versehen wurde: Die Publikumsöffnung von Anthropic ist viel entscheidender dafür, ob es an den Finanzmärkten und in der US-Wirtschaft weiterhin rund läuft. Anthropic steht zusammen mit Open AI im Epizentrum der KI-Branche. SpaceX dagegen betrachten die Investoren «bloss» als Raumfahrtunternehmen mit KI-Anhängsel.
Wie gross die Gefahr eines Scheiterns ist, geht aus dem Börsenprospekt unmissverständlich hervor. Fast ein Drittel des ganzen Dokuments ist den Risiken gewidmet. Manches könnte einem Sci-Fi-Drehbuch entstammen.
So versuchen Anthropics KI-Systeme offenbar, ihre menschlichen Schöpfer zu manipulieren, zu täuschen oder gar zu erpressen. Mit zunehmender Leistungsfähigkeit seien die Modelle besser darin geworden, Überwachungs- und Kontrolltechniken zu umgehen und ihre wahren Absichten zu verschleiern.
Die leistungsfähigsten Modelle könnten zudem böswillige Akteure bei der Entwicklung chemischer oder biologischer Waffen unterstützen, warnt Anthropic.
Im September 2025 habe eine von China unterstützte Hacker-Gruppe ein Anthropic-Tool manipuliert, um in die Computersysteme von Technologieunternehmen, Finanzinstituten, Chemiekonzernen und Regierungsbehörden einzudringen.
Auch aus finanzieller Sicht handelt es sich beim IPO von Anthropic laut Börsenprospekt um einen Hochseilakt: Das Unternehmen schreibt seit seiner Gründung massive Verluste. 42 Milliarden Dollar waren es letztes Jahr und rund 81 Milliarden alleine von Januar bis Juni – auch wenn für den jüngsten Fehlbetrag buchhalterische Sonderfaktoren verantwortlich seien.
Es gebe keinerlei Garantie dafür, dass Anthropic jemals genügend hohe Einnahmen generieren könne, um profitabel zu werden. Das Geschäftsmodell sei extrem kapitalintensiv. Bisher musste das Unternehmen laufend frisches Kapital aufnehmen, damit es die enormen Kosten für die benötigte Rechenleistung decken kann.
Das klingt zunächst sehr alarmierend. Allerdings sollte man nicht vergessen: In einem Börsenprospekt listen Unternehmen aus juristischen Überlegungen alle möglichen Risiken auf, unabhängig davon, für wie realistisch sie diese halten. Es geht darum, mit diesen Passagen Haftungsklagen vorzubeugen.
Kurzfristig jedoch interessieren sich die meisten Anleger einzig dafür, ob der Börsengang ein Erfolg wird und ob das explosive Umsatzwachstum in den kommenden Quartalen anhält. Beim Gewinn dagegen zeigen sie sich erfahrungsgemäss sehr geduldig. Auch Amazon wies jahrelang Verluste aus, ohne dass dies seine Aktionäre beunruhigt hätte.
Enttäuscht Anthropic aber die eng gefassten, kurzfristigen Erwartungen, könnte die Bereitschaft von Investoren, weiterhin Hunderte von Milliarden in den Ausbau von KI-Infrastruktur zu stecken, von einem Tag auf den nächsten wegbrechen. Anthropic ist so wichtig, dass die Anleger wohl von dieser einen Firma auf die ganze KI-Branche schliessen würden.
Die Folge wäre ein massiver Einbruch an der Börse, der zudem auf den Konsum durchschlagen würde. Denn die Amerikaner sind auch deshalb so ausgabefreudig, weil der KI-induzierte Aktienboom ihre Vermögen anschwellen liess.
Der Ausbau von KI-Infrastruktur sorgt mittlerweile fast für die Hälfte des amerikanischen Wirtschaftswachstums. Dieses könnte sich also ohne weiteres halbieren – mit weltweiten Auswirkungen.
Deshalb haben alle ein Interesse daran, dass Anthropics Börsengang ein durchschlagender Erfolg wird. Bis sich die lang ersehnten KI-Produktivitätsgewinne in der breiten Wirtschaft einstellen und deren Wachstum beflügeln, muss der forcierte Datencenter-Ausbau weitergehen. Andernfalls droht ein böses Erwachen. Noch nie war ein Börsengang wichtiger für die Wirtschaft.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Markus Städeli
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