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Angstzustände und geistige Lähmung: Immer mehr junge Chinesen verlieren den Glauben an eine bessere Zukunft

Job-Angst und gesellschaftlicher Druck führen dazu, dass sich immer mehr junge Menschen aus dem Wirtschaftsalltag verabschieden. Für die ehrgeizigen Pläne der chinesischen Regierung zur Modernisierung des Landes ist das nicht gut.

26.10.2026, 05.35 Uhr

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Illustration Simon Tanner / NZZ

Viele Cafés in Peking sind in diesen Tagen ungewöhnlich gut besucht. An den langen Tischen bei Starbucks im Stadtteil Sanlitun etwa sitzen zahlreiche junge Chinesinnen und Chinesen. Viele von ihnen haben vor sich ihre Laptops aufgebaut und vertreiben sich die Zeit mit Onlinespielen. In den Universitätsbibliotheken der Hauptstadt ist das Bild ähnlich. Junge Menschen bevölkern die Lesesäle; die meisten blicken stundenlang auf ihre Handys und schauen Filme.

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Die jungen Chinesen geniessen nicht etwa ihre Freizeit. Vielmehr verlassen sie frühmorgens das Haus oder die Wohnung, um die Eltern, den Partner oder die Partnerin in der Sicherheit zu wiegen, sie gingen zur Arbeit. Dabei haben sie ihre Jobs verloren. In Cafés und Bibliotheken schlagen sie die Zeit tot; abends kehren sie zurück in ihre Wohnungen. Scham hält sie davon ab, ihren Liebsten die Wahrheit zu gestehen.

Findige Unternehmer haben aus der Not längst ein Geschäft gemacht. Sie bieten für kleines Geld Räume an, in denen junge Menschen den gesamten Tag verbringen können, um so ihren Eltern und Freunden eine heile Welt vorzutäuschen.

Immer längere Arbeitszeiten

Die Stimmung unter den jungen Chinesen war lange nicht so schlecht wie jetzt. Ein Grund dafür ist die desolate Lage am Arbeitsmarkt. Statt neue Mitarbeiter einzustellen, bauen viele Unternehmen Arbeitsplätze ab. Statt Saläre anzuheben, kürzen die Firmen Gehälter oder fordern immer längere Arbeitszeiten.

Seit neustem lassen manche Unternehmen neue Mitarbeiter Arbeitsverträge unterschreiben, in denen diese sich bereit erklären sollen, an jedem zweiten Wochenende einen Tag zum Dienst zu erscheinen. Kürzlich entlud sich die Wut über die fragwürdige Praxis im Internet. Wenig später schlossen die Behörden das entsprechende Service-Programm des Messenger-Dienstes WeChat.

Der Grund für die Zurückhaltung der Unternehmen bei Neueinstellungen ist die anhaltende Wirtschaftsschwäche des Landes, vorab die schwache Binnenkonjunktur. Der für die chinesische Wirtschaft einst so wichtige Immobilienmarkt will sich einfach nicht erholen. Dazu kommen die Handelsstreitigkeiten mit der Europäischen Union und den USA.

Jobverluste durch KI

Aber auch die von der Regierung forcierte Entwicklung der künstlichen Intelligenz verdüstert die Job-Aussichten. Grosse Tech-Konzerne wie Alibaba und Bytedance haben ihre Belegschaften ausgedünnt. Offiziell begründen die Unternehmen dies natürlich nicht mit dem Einsatz von KI. Experten mit Einblick in die Geschäftspraktiken der Konzerne bestätigen allerdings, dass die neue Technologie der entscheidende Faktor bei der Rationalisierung ist.

Auch in anderen Branchen führt KI zu Jobverlusten. Ein junger Mann in Peking, der jahrelang als Schauspieler in chinesischen Serien auftrat, verlor vor wenigen Monaten seinen Job. Die Produktionsfirma stellt die kleinen Dramen jetzt komplett mit dem Einsatz von KI her. Schauspieler braucht es dazu nicht mehr.

Chinas Regierung hat die Misere am Arbeitsmarkt zum Teil aber auch selbst verschuldet. Vor fünf Jahren liess der Staats- und Parteichef Xi Jinping die boomenden Privatunternehmen für Online-Nachhilfe schliessen. Millionen junger Leute hatten dort gut bezahlte Arbeit gefunden – über Nacht standen sie auf der Strasse.

Zwar hat Peking die harschen Restriktionen für die Branche zum Teil wieder aufgehoben. Doch zu alter Stärke als Arbeitgeber hat der Sektor nicht zurückgefunden.

Die Jugend ist geschockt

Die Arbeitslosigkeit unter den 16- bis 24-Jährigen liegt bei knapp 20 Prozent und damit auf einem beängstigend hohen Niveau. Dabei fliessen die vielen jungen Menschen, die sich für ein Zweitstudium entscheiden, weil sie nach ihrem ersten Abschluss keinen Arbeitsplatz finden, nicht einmal in die Berechnungen ein.

Für die Betroffenen ist die Entwicklung ein Schock. Sie wurden in eine Zeit hineingeboren, in der es wirtschaftlich nur bergauf ging. Die Saläre kletterten im Durchschnitt jedes Jahr um 10 Prozent; der boomende Immobilienmarkt zog enorme Vermögenszuwächse nach sich. Die Regel, dass es jeder neuen Generation besser gehen werde als der Vorgängergeneration, war praktisch unverrückbar.

Doch die alten Gewissheiten gelten nicht mehr. Für Millionen junger Menschen zerbricht gerade das sicher geglaubte Versprechen von einem Leben mit einem ordentlich bezahlten Job, einer Wohnung und vielleicht sogar einer Familie. Unter den jungen Leuten machen sich Wut, Unverständnis und Angst breit. Fast fünf Jahrzehnte nachdem Deng Xiaoping China auf Reform- und Öffnungskurs schickte und damit einen beispiellosen Boom auslöste, steht das Land vor einer Zeitenwende.

Den hohen Anforderungen nicht mehr gewachsen

Dabei sind die unsicheren wirtschaftlichen Aussichten nicht einmal der einzige Grund dafür, dass so viele junge Chinesen resignieren. Viele kämpfen inzwischen mit ernsten psychischen Problemen und Stress. Eine neue Umfrage unter 1300 Studenten an Chinas Top-Universitäten hat ergeben, dass eine Mehrheit unter den hohen Erwartungen der Familie, dem Notendruck und dem brutalen Arbeitsmarkt leidet. Viele der Befragten klagten im Rahmen der Umfrage über «Angstzustände und geistige Lähmung».

Die jahrzehntelange, mit Hochdruck von der Regierung betriebene Modernisierung des Landes fordert jetzt ihre Opfer. Viele sind den hohen Anforderungen nicht mehr gewachsen.

Die Folge ist, dass sich immer mehr der Klügsten und Talentiertesten des Landes aus dem wirtschaftlichen Alltag verabschieden. Ausgerechnet diejenigen, die nach dem Willen von Xi Jinping China an die Weltspitze führen sollen, steigen frustriert und ausgelaugt aus.

Man sieht sie etwa in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan im Westen Chinas. Die Lebenshaltungskosten und Mieten dort sind niedrig, das Klima ist mild und die Landschaft bezaubernd. In den Teehäusern der Stadt machen die Aussteiger Musik, manche verkaufen per Livestream Kunsthandwerk. Sie überleben mit wenig, einige zehren von ihren Ersparnissen, tauschen dafür aber Stress und Druck gegen ein entspanntes Leben.

Leben von Ersparnissen

Unangefochtenes Aussteigerparadies ist Dali ganz im Süden Chinas. Hier herrscht bereits das Flair der angrenzenden Länder Südostasiens. «Wenn man China entkommen will, aber das Land nicht verlassen kann, geht man nach Dali», lautet ein geflügeltes Wort unter jungen Chinesen. Und viele wollen China entkommen. Weit abseits der grossen Metropolen im Osten des Landes versuchen sich die gestressten und enttäuschten Jugendlichen zum Beispiel als Farmer oder Künstler.

Manche der jungen Leute ziehen sich aber auch einfach in die Wohnung der Eltern zurück und leben von deren Ersparnissen aus besseren Zeiten.

Andere wiederum versuchen trotz den wirtschaftlichen Widrigkeiten irgendwie einen Arbeitsplatz zu finden. Viele von ihnen landen früher oder später im informellen Sektor und fahren zum Beispiel als Kuriere Mahlzeiten aus. Plattformen wie Meituan bieten keine Arbeitsverträge, eine soziale Absicherung existiert nicht.

17 Prozent aller Chinesinnen und Chinesen mit einem Hochschulabschluss haben für eine bestimmte Zeit schon einmal als Kurier oder Taxifahrer gearbeitet. Und so finden sich Ingenieure oder Ökonomen auf einmal in prekären Arbeitsverhältnissen wieder, in denen sie nicht einmal die Hälfte dessen verdienen, was ihnen ein ihrer Qualifikation entsprechender Job einbringen würde. Dass dies aufs Gemüt drückt, darf nicht wundern.

Die Regierung ist in Sorge

Für die Entwicklung Chinas birgt der Rückzug der jungen Menschen grosse Risiken. Wer verunsichert in die Zukunft blickt, heiratet nicht und setzt keine Kinder in die Welt. Dabei schrumpft Chinas Bevölkerung ohnehin schon seit Jahren. Für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung sind dies keine guten Aussichten.

Ausserdem kann sich ein Land, das sich in seiner Entwicklung an der Schwelle zum Industriestaat befindet und gegenüber dem Westen weiter aufholen will, keine Generation frustrierter und verunsicherter junger Menschen leisten. Vielmehr braucht China zuversichtliche, neugierige und ehrgeizige Menschen.

Die chinesische Regierung hat die Schieflage erkannt und versucht gegenzusteuern – allerdings nur ein bisschen. So will Peking etwa die Kurierdienste per Gesetz dazu zwingen, für ihre Arbeitnehmer Sozialversicherungsbeiträge abzuführen. An die Unternehmen des Landes haben die Regierenden appelliert, beim Einsatz von KI ein wenig auf die Bremse zu treten.

Doch der Staat müsste mehr tun. Statt einen Grossteil seiner Ressourcen darauf zu verwenden, den Rivalen USA technologisch abzuhängen, sollte die Regierung die Wirtschaft stabilisieren, etwa mithilfe von Steuererleichterungen, auch und gerade für die vielen kleinen Privatunternehmen, die einmal das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft bildeten. So würden diese in die Lage versetzt, neue Mitarbeiter einzustellen.

Die Gefahr ist gross, dass China eine so talentierte wie frustrierte Generation verliert – und das in einer Zeit, in der Xi sein Land wirtschaftlich, technologisch und militärisch an die Weltspitze führen will.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Kamp

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