KI-Verdacht: Verlag trennt sich von vermeintlichem Literatur-Wunderkind
Der kanadische Verlag Boréal beendet die Zusammenarbeit mit Thélyson Orélien wegen des Einsatzes von künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig soll ein neuer Literaturpreis Bücher auszeichnen, die mit KI geschrieben wurden. Was bedeutet das für die Zukunft der Literatur?
22.10.2026, 16.20 Uhr
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Hat dank dem neu geschaffenen KI-Preis nach wie vor Hoffnung auf eine literarische Karriere: der Autor Thélyson Orélien.
Olivier Dion / Imago
Für den frankokanadischen Autor Thélyson Orélien gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: Der kanadische Verlag Boréal hat sich von ihm, dem vermeintlichen neuen Literatur-Wunderkind, getrennt.
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Was ist passiert? Im Frühjahr erschien Oréliens erster Roman «C’était ça ou mourir» in Kanada. Darin erzählt der 38-jährige Autor die Fluchtgeschichte eines Mannes, der wie er selbst aus Haiti stammt. Das Buch traf offenbar einen Nerv, es wurde schnell zum Bestseller und sollte in mehr als zwanzig Ländern erscheinen. Ausserdem wurde Orélien für den renommierten französischen Literaturpreis Prix Goncourt nominiert.
Dann kamen Zweifel auf. Kritiker in den sozialen Netzwerken liessen den Roman vom KI-Detektor Pangram analysieren – mit auffälligem Ergebnis. Die Jury des Prix Goncourt machte einen Rückzieher und schloss Orélien von der Auswahl aus. Mit der Begründung, dass man die Integrität des Preises wahren und weiterhin Literatur auszeichnen wolle, die von Menschen allein geschrieben werde.
Unternehmer gründen ersten KI-Literaturpreis
Orélien leugnete zuerst alles. Den Schreibstil des Romans führte er auf seine karibische Sprachtradition zurück und sprach von «Verleumdung und Ketzerei». Inzwischen hat er zugegeben, künstliche Intelligenz zumindest teilweise als Hilfsmittel eingesetzt zu haben: «Hier und da habe ich Recherchetools genutzt, insbesondere für ausländische Redewendungen», erklärte er in einer Stellungnahme. Auch für «historische Recherchen» habe er KI benutzt. Gleichzeitig betont er: «Kein einziger Satz in diesem Buch stammt von einer Maschine, ebenso wenig wie die Bedeutung oder die Struktur einer Geschichte, die aus meinem Innersten kommt.»
Für den Verlag Boréal scheint die Sache dagegen klar zu sein. Am Mittwoch gab er bekannt, seine Zusammenarbeit mit Orélien zu beenden. Man habe alle Fassungen des Romans von externen Fachleuten analysieren lassen. Zwar sei das genaue Ausmass des KI-Einsatzes im Schreibprozess nach wie vor unbekannt, und man werde «wahrscheinlich nie eine endgültige Antwort darauf erhalten». Aber in den Metadaten bestimmter Dokumente seien Spuren von KI-Tags gefunden worden.
Jetzt die gute Nachricht: Oréliens literarische Karriere muss keineswegs vorbei sein, auch wenn er tatsächlich auf künstliche Intelligenz setzen sollte. Besser könnte das Timing kaum sein. Anfang der Woche wurde der «Prix Pascal» ins Leben gerufen – der erste Literaturpreis für französischsprachige Bücher, die mithilfe von KI geschrieben wurden. Hinter der Initiative stehen drei Tech-Unternehmer. Der nach dem französischen Universalgelehrten Blaise Pascal benannte Preis soll im Dezember erstmals verliehen werden.
Eingereicht werden können unveröffentlichte belletristische Manuskripte. Die Autoren müssen angeben, welches KI-Modell und welchen Prompt sie verwendet haben. Wer in der Jury sitzen und wie hoch das Preisgeld sein wird, steht noch nicht fest. Dafür ist die inhaltliche Vorgabe umso ambitionierter: Ausgezeichnet werden soll ein Werk, das «dazu beiträgt, eine der ökologischen, sozialen und ethischen Herausforderungen, die die Menschheit bedrohen, auf originelle Weise zu lösen». Literatur als Problemlösungswettbewerb?
Bereicherung oder Kapitulation?
Wer KI in der Literatur für eine Bereicherung hält, kann den Prix Pascal als eine logische, pragmatische Reaktion auf eine Debatte verstehen, die längst nicht mehr nur theoretisch geführt wird. Selbst die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat freimütig erklärt, KI beim Schreiben benutzt zu haben. Anderen, unbekannteren Preisträgern wurde das in den letzten Monaten immer wieder vorgeworfen.
Aus einer skeptischen Perspektive hingegen könnte die Lancierung des ersten Literaturpreises für maschinell verfasste Texte wie eine Kapitulation wirken – wie der hilflose Versuch, das zum Feind erklärte Werkzeug durch seine Eingemeindung zu entschärfen. Nach dem Motto: Was man nicht aufhalten kann, muss man eben integrieren.
Wie das alles ausgehen wird, ist offen. Die Debatte hat gerade erst begonnen. Schaden könnte es aber nicht, wenn Schriftsteller weiterhin streng mit sich blieben, wieder öfter in Bibliotheken gingen und sich daran erinnerten, dass Literatur und Kunst aus der Seele jenes rätselhaften Wesens kommen, das wir Mensch nennen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Zelda Biller
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