KI in der Literatur Skandal um Schriftsteller wirft Fragen auf
Nach einem Skandal fragt sich die Literaturwelt: Wie gut kommt man KI auf die Spur? Und welche Rolle soll sie spielen?
01.11.2026, 16:32
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Der haitianisch-kanadische Schriftsteller Thélyson Orélien hatte Erfolg: Sein Roman «C’était ça ou mourir» war für renommierte französische Literaturpreise nominiert, darunter den Prix Goncourt.
Bis ihn jemand anonym beschuldigte, das Buch mit künstlicher Intelligenz geschrieben zu haben. Pangram, eines der beliebtesten Tools zur Erkennung von KI-generierten Inhalten, hatte bei mehr als 95 Prozent des Romans Alarm geschlagen.
Orélien bestritt die Vorwürfe. Doch die Folgen für ihn waren vernichtend, auch wegen früherer Unregelmässigkeiten (siehe Textbox).
Nach den Vorwürfen wurde Oréliens Roman aus der Auswahl für den Prix Goncourt gestrichen – auch, weil die Presse Plagiate in früheren Werken aufgedeckt hatte. Dafür hatte er sich entschuldigt.
Sein kanadischer Verlag brach die Zusammenarbeit mit ihm ab, nachdem eine externe Analyse weitere Hinweise auf die Nutzung von KI ergeben hatte.
Orélien bestritt zwar weiterhin, das Buch mit KI geschrieben zu haben, gab aber zu, sie während des kreativen Prozesses für historische Recherchen genutzt zu haben.
Von Anfang an spaltete die Kontroverse die Literaturwelt. Die einen kritisierten den Autor, viele andere hingegen stellten die Zuverlässigkeit solcher Analysetools infrage.
Pangram selbst beziffert die Präszision seines Tools mit 99.98 Prozent. Unabhängige Studien bestätigen die hohe Leistungsfähigkeit weitgehend.
Aber: Die heutigen KI-Systeme machten es extrem schwierig, KI-generierte Texte von menschengemachten zu unterscheiden, sagt Hendrik Strobelt, Forscher bei IBM in den USA: «Mittlerweile können sie Stile imitieren, wenn man sie entsprechend anleitet.»
Software wie Pangram verwendet ein Verfahren, das als «überwachte Klassifikation» bekannt ist. Es vergleicht und klassifiziert Texte, die vor der Verbreitung generativer KI verfasst wurden – und somit mutmasslich von Menschen stammen –, mit «Spiegelversionen» zum selben Thema, die von verschiedenen kommerziell erhältlichen Sprachmodellen generiert wurden.
Während des Trainings lernt die Software, die Unterschiede zwischen den Texten zu erkennen.
Die Logik dahinter ist: Wenn ein System zwischen Texten unterscheiden kann, die sich thematisch sehr ähneln, werden seine Vorhersagen genauer.
Laut Paolo Italiani, KI-Forscher an der Universität der italienischen Schweiz (USI), gilt: Je länger ein Text, desto zuverlässiger ist in der Regel die Bewertung durch einen Detektor wie Pangram. Zum Fall Orélien sagt er: «Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil des Texts KI-generiert ist.»
Allerdings bleibe es schwierig, genau zu verstehen, wie die Tools arbeiteten, sagt Lonneke van der Plas, Professorin für natürliche Sprachverarbeitung an der USI. Kommerzielle Tools wie Pangram seien weitgehend Blackboxes, und deren interne Funktionsweise sei unabhängigen Forscherinnen nicht zugänglich.
Tests zeigen zudem, dass die Genauigkeit der Erkennungsprogramme um etwa 20 Prozentpunkte sinkt, wenn ein Text von Menschen in Zusammenarbeit mit KI erstellt wurde.
Juristisch nicht tragfähig
Vor Gericht bräuchte es zusätzlich auch andere Beweise wie Originalmanuskripte oder Entwürfe. «Ein juristischer Entscheid kann sich nicht einfach auf diese Technologien stützen, da sie ungenau sein können», sagt Jacques de Werra, Rechtsprofessor an der Universität Genf.
Zudem mache die Beteiligung von KI an kreativen Werken die Urheberrechtsansprüche eines Autors nicht automatisch ungültig.
Für den Schweizer Filmemacher, Drehbuchautor und Dozenten Manuel Flurin Hendry geht es um mehr als nur um rechtlichen Schutz. Hendry nutzt und entwickelt offen KI-basierte Technologien für verschiedene Aspekte seiner Arbeit.
Technologie eröffne neue Inspirationsquellen und schaffe mehr Zeit für den kreativen Prozess. «Echtes menschliches Schreiben erfordert das Eintauchen in einen Zustand, in dem man sich ganz auf den Gedankenfluss konzentrieren kann», sagt er. Und fragt provokativ: Warum soll es eine Rolle spielen, inwieweit KI zu einem Werk beigetragen hat? «Wenn es dich berührt. Wenn du es interessant findest. Wenn es dich zum Nachdenken anregt, was spricht dann dagegen?», fragt er.
Wichtig sei, zu lernen, welche Aufgaben man an die KI delegieren und welche man besser selbst erledigen sollte. Und: Kunstschaffende sollten offenlegen, wie sie die Technologie nutzen.
Denn auf dem Spiel stehe nicht nur der Ruf einzelner Künstlerinnen, sondern vor allem ihr Vertrauensverhältnis zum Publikum.
Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 20.10.2026, 17:30 Uhr;liea
Source: SRF · Sara Ibrahim / SWI swissinfo.ch
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