KI im Journalismus Wie Schweizer Medienhäuser KI in der Berichterstattung einsetzen
Kein grosses Schweizer Medienhaus will auf KI verzichten. Wie viel Zeit oder Geld sie spart, kann aber niemand sagen.
Autor:
02.11.2026, 05:52
Teilen
Interviews verschriftlichen, Zusammenfassungen erstellen, Titelvorschläge machen: Kein grosses Schweizer Medienhaus will heute auf die Hilfe durch künstliche Intelligenz verzichten.
«KI ist ein Hilfsmittel, ein Werkzeug», sagt Nadia Kohler, die bei Tamedia die Daten- und KI-Abteilung leitet. Sie ergänzt: «Unser Ziel ist es nicht, mit KI journalistische Texte produzieren zu lassen, wo die KI unkontrolliert etwas zusammenschreibt. Wenn KI bei der Texterstellung zum Einsatz kommt, müssen die Inhalte von Menschen überprüft, eingeordnet und wo nötig angepasst werden.»
Einen Leitartikel komplett automatisiert schreiben wird die KI bei der NZZ nie.
Ähnlich klingt es bei der NZZ, bei Ringier, CH Media und der SRG: Überall soll KI helfen, aber der Mensch die Kontrolle behalten – jedenfalls wenn es um wichtige Inhalte geht. Barnaby Skinner, stellvertretender Chefredaktor der NZZ, erklärt es so: «Einen Leitartikel komplett automatisiert schreiben wird die KI bei der NZZ nie.»
Beim Publikum stösst KI im Journalismus auf Skepsis. Das zeigt eine Befragung des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich von 2024.
83 Prozent würden Artikel lesen, die Journalistinnen und Journalisten ohne KI geschrieben haben. Bei Artikeln mit KI-Unterstützung sind es noch 54 Prozent. Einen ganz von KI geschriebenen Text würden nur 24 Prozent lesen. Neun von zehn Befragten wollen, dass KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden.
An der Qualität der Texte liegt das offenbar nicht. In einem Experiment der Universität Zürich bewerteten die Teilnehmenden KI-Texte nicht schlechter als Texte von Menschen – solange sie nicht wussten, wer sie geschrieben hatte. Erfuhren sie es danach, wollten sie die KI-Texte sogar eher weiterlesen. Künftig mehr KI-Nachrichten lesen wollten sie deswegen aber nicht.
In seinem Leitfaden für KI im Journalismus empfiehlt der Schweizer Presserat den Redaktionen, explizit anzugeben, wo und wie sie KI-Instrumente einsetzen. In der Praxis geschieht das aber kaum, auch wenn das Publikum es sich anders wünscht: Ob ein Mensch einen Inhalt geprüft und freigegeben hat, wird bei den meisten Häusern nicht gekennzeichnet, egal wie gross der Anteil der KI bei der Erstellung war.
Künstliche Intelligenz als «Sparhebel»
Bleibt die Frage, ob die KI im Schweizer Journalismus schon Menschen ersetzt. Bei CH Media lautet die Antwort: Ja, im Korrektorat. Chefredaktor Patrik Müller: «Wir haben das Korrektorat verkleinert, weil die KI mittlerweile gut Texte korrigieren kann.»
Ja, manchmal kann das auch zum Abbau von Arbeitsplätzen führen.
Bei den jüngst kommunizierten Entlassungen bei Tamedia und der SRG wurde ebenfalls betont, künstliche Intelligenz solle im Redaktionsalltag in Zukunft noch eine grössere Rolle spielen. Für die SRG gilt KI als sogenannter «Sparhebel» in finanziell schwierigen Zeiten.
Thierry Zweifel leitet bei der SRG die Abteilung für Daten und künstliche Intelligenz Business. Er sagt: «Nicht die KI führt bei uns zu Einsparungen, sondern umgekehrt: Die Tatsache, dass Einsparungen notwendig sind, zwingt uns, darüber nachzudenken, mit welchen Mitteln diese Einsparungen möglich sind.»
Ein Teil lasse sich mit künstlicher Intelligenz erzielen: «Und ja, manchmal kann das auch zum Abbau von Arbeitsplätzen führen.»
Niemand weiss genau, wie viel Zeit die KI spart
Alle Schweizer Medienhäuser versprechen sich von der künstlichen Intelligenz mehr Effizienz. Doch wie viel Zeit oder Geld KI im Journalismus tatsächlich spart, kann bisher niemand beziffern. Patrick Rademacher, der bei Ringier für die Strategie zuständig ist, hält fest: «Wir haben noch keine konkreten Zahlen übergreifend, da geht es uns wie den anderen Häusern. Aber wir sind dran, bei jeder Anwendung zu verstehen, ob sie uns Effizienzen bringt oder nicht.»
Dass die Einsparungen oft kleiner sind als erhofft, zeigt eine Studie aus Dänemark. 25'000 Beschäftigte wurden dort befragt, darunter auch Journalistinnen und Journalisten. Das Ergebnis: Wer KI-Chatbots nutzt, spart im Schnitt etwa drei Prozent der Arbeitszeit.
Medienunternehmen setzen also auf eine Technologie, deren Nutzen sie noch gar nicht genau beziffern können – und der das Publikum oft skeptisch gegenübersteht.
Diskutieren Sie mit:
Schneller das sehen, was für Sie relevant ist: Mit wenigen Klicks können Sie bei der Google-Suche Ihre bevorzugten Nachrichtenquellen hinterlegen. So auch SRF.
Über diesen Link gelangen Sie zu den Quelleneinstellungen in Ihrem Google-Konto, wo SRF zur Auswahl bereit steht. Klicken Sie das Kästchen an – nun wird die Zusammenstellung der Nachrichtenquellen personalisiert. Sie sehen häufiger Inhalte von SRF in den Ergebnissen.
SRF 3, 29.10.2026, 14:50 Uhr; noes
Source: SRF · Jürg Tschirren
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira