Kein Mozzarella mehr, Blumen und Gemüse auf dem Abfall: Ein Streik der Lastwagenfahrer legt Süditalien lahm
Die Regierung von Giorgia Meloni hat ein dringliches Paket zur Beendigung der Strassenblockaden der Transporteure erlassen. Diese wehren sich gegen hohe Treibstoffpreise – und sorgen für rote Köpfe bei der Bevölkerung.
23.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Die Versorgungslage in Süditalien wird prekär: leere Gestelle in einem Supermarkt in Sizilien.
Während Mailand und andere norditalienische Städte nach den Krawallen vom vergangenen Wochenende eine kurze Verschnaufpause einlegen, richtet sich der Blick der italienischen Öffentlichkeit auf den Süden des Landes: Dort haben streikende und protestierende Lastwagenfahrer den Gütertransport in den letzten Tagen praktisch zum Erliegen gebracht. Damit protestieren sie gegen die ihrer Meinung nach existenzbedrohenden hohen Treibstoffpreise.
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Die Folgen der Strassenblockaden sind drastisch und wirken sich weitaus stärker auf den Alltag der Menschen aus als die Plünderung der Luxusgeschäfte in den Einkaufsstrassen des Nordens. Die Regale der Supermärkte sind leer, es fehlt an Gemüse und Frischprodukten, die Tankstellen haben kein Benzin mehr, die Versorgung mit Medikamenten stockt, die Kehrichtabfuhr funktioniert teilweise nicht mehr.
Die Universität Federico II in Neapel, mit 80 000 Studierenden die grösste Hochschule der Stadt, hat am Donnerstag den regulären Vorlesungsbetrieb vollständig ins Internet verlegt, weil der öffentliche Verkehr stark eingeschränkt ist.
Hunderte von Buslinien haben den Betrieb eingestellt. Laut den Verkehrsbetrieben von Neapel und Umgebung werden die Treibstoffreserven am Wochenende restlos aufgebraucht sein. Auch der Schiffsverkehr zu den vorgelagerten Inseln im Golf von Neapel droht demnächst eingestellt zu werden. Sieben grössere Flughäfen von Brindisi bis Palermo melden unterdessen knappe Reserven.
Keine Büffelmilch, kein Hartweizengriess
Besonders hart trifft es die Landwirtschaft. Gemüseproduzenten sitzen auf ihrer Ware. Salat, Zucchini, Auberginen, Tomaten, Früchte – alles muss weggeworfen werden. Gleiches gilt für die Blumenhändler. Für sie ist die Woche vor Allerheiligen (1. November) besonders wichtig. Sie macht bei vielen Betrieben rund ein Fünftel des gesamten Jahresumsatzes aus.
«Schnittblumen haben eine Lebensdauer von wenigen Tagen», sagt Vincenzo Malafronte, Präsident des Floristen-Konsortiums von Kampanien. «Wenn sie nicht transportiert werden, müssen sie weggeworfen werden. Es besteht das Risiko, dass die Ernte einer ganzen Saison im Abfall landet.»
Zahlreiche Hersteller des berühmten Büffelmozzarellas aus der Gegend um Neapel müssen derweil ihre Produktion einstellen, weil die dafür notwendige Milch nicht rechtzeitig angeliefert werden kann. Die Regeln des Konsortiums schreiben vor, dass der Mozzarella spätestens sechzig Stunden nach dem Melken hergestellt werden muss.
Auch grosse Pastaproduzenten melden Schwierigkeiten, vor allem jene, die nicht über eigene Getreidemühlen verfügen und den für die Herstellung notwendigen Hartweizengriess bei den Betrieben in Apulien beziehen. Da die Lastwagentransporte von dort ausbleiben, ist die Lieferkette unterbrochen.
Die Protestierenden ihrerseits verweisen auf die hohen Preise für Benzin und Diesel. «Wir befinden uns in einer kritischen Lage», zitiert die «Repubblica» Raffaele Coppola, einen Lastwagenfahrer, der sich in der Nähe von Caserta an einer der zahlreichen Blockaden beteiligt. «Ich habe ein kleines Transportunternehmen, und letzten Monat musste ich 3500 Euro zusätzlich für Diesel ausgeben, um über die Runden zu kommen.» Seine Familie leide stark unter den hohen Kosten.
Neunzig Prozent auf der Strasse
Für die Transporteure ist es ein Leichtes, den Güterverkehr in Italien lahmzulegen. Mehr als neunzig Prozent der Waren werden auf der Strasse transportiert. Italiens Autobahnen sind die Arterien der Landesversorgung. Mit ein paar quer gestellten Camions kann man einen immensen Schaden anrichten.
Nicht alle Transporteure sind mit dem Vorgehen ihrer Kollegen im Süden einverstanden. Einige der grossen Berufsverbände haben sich von den Blockadeaktionen distanziert. «Natürlich haben wir ein Problem», sagt Carlo Alberto Buttarelli, Präsident des Logistikverbands, «aber man kann nicht das ganze System in Geiselhaft nehmen.»
Der volkswirtschaftliche Schaden der Blockaden ist enorm. Nach ersten Schätzungen beläuft er sich nach einer Woche bereits auf mehr als hundert Millionen Euro. Entsprechend wütend reagiert die Bevölkerung. Viele Menschen fühlen sich von der Regierung in Rom im Stich gelassen. Diese setze das Militär gegen die Chaoten von Mailand in Bewegung, habe aber kein Gehör für die Sorgen des Mezzogiorno.
Für die Regierung von Giorgia Meloni handelt es sich um ein delikates Geschäft. Einerseits gilt es, auf die Stimmungslage im Süden Rücksicht zu nehmen. Die südlichen Regionen haben 2022 entscheidend zum Wahlsieg der Rechtskoalition in Rom beigetragen. Andererseits besteht zwischen den Regierungsparteien und der Transportbranche traditionell eine grosse Nähe. Meloni kann den Sektor nicht einfach vor den Kopf stossen.
Allerdings ist der Handlungsspielraum der Exekutive nicht allzu gross. Die angespannte Haushaltslage lässt es nicht zu, der Branche weitreichende Geschenke zu machen. Ein dringliches Paket, das die Regierung am Donnerstag beschlossen hat, sieht Hilfen für Spediteure, Landwirte und Fischer vor. Das Volumen beträgt zwar imposante 560 Millionen Euro – doch sind darin 420 bis 480 Millionen enthalten, die die Regierung bereits viel früher gesprochen, bisher aber wegen bürokratischer Hürden nie an die Unternehmen ausgezahlt hat. Einige Beobachter sprechen deshalb von einer Mogelpackung.
Darüber hinaus versucht die Regierung mit polizeilichen Massnahmen, einen Keil zwischen die Blockadeaktivisten und die übrigen Transporteure zu treiben. Die Sicherheitsbehörden gehen seit einigen Tagen gezielt gegen die Teilnehmer illegaler Strassenblockaden vor und haben damit angefangen, die Aktivisten polizeilich zu registrieren. Einige haben sich davon beeindrucken lassen und haben ihre Mahnwachen und Sperren verlassen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Luzi Bernet
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