In der Literatur zeigt sich neuerdings eine Entwicklung wie in der Musik: Erfolgreiche Autoren wechseln zu Eventagenturen, Literaturveranstaltungen werden immer teurer.
08.11.2026, 16.35 Uhr
5 Leseminuten
Auf Literaturstar-Tournee: Der deutsche Autor Daniel Kehlmann.
Michel Canonica / CH Media
Daniel Kehlmann ist Weltspitze: Er ist der erfolgreichste deutschsprachige Schriftsteller der Gegenwart. Sein Roman «Die Vermessung der Welt» verkaufte sich über sechs Millionen Mal in vierzig Sprachen und bescherte ihm weltweiten Ruhm. In diesen Tagen erscheint Kehlmanns neues Buch. Ebenfalls ein historischer Roman, ebenfalls komisch zugespitzt, ja possenhaft erzählt «Afrika» von einem österreichischen Beamten, der unfreiwillig an der Berliner Kongokonferenz teilnimmt. Bei jenem diplomatischen Treffen wollten die europäischen Kolonialmächte 1884 einen ganzen Kontinent unter sich aufteilen, notabene ohne die Anwesenheit eines einzigen afrikanischen Vertreters.
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Mit «Afrika» hat Daniel Kehlmann erneut Grosses vor. Er katapultiert die Lesereise in die neue Dimension der Literaturstar-Tournee. Der Autor tourt durch 17 Konzerthallen und Theatersäle mit bis zu 1000 Plätzen, auf dass Tausende ihm zuhören und dafür ordentlich in die Tasche greifen. Für Kehlmann live bezahlt man in München, Leipzig oder Köln immerhin bis zu 60 Euro, im Wiener Konzerthaus sogar zwischen 82 und 101 Euro.
Kehlmanns Tournee markiert den bisherigen Höhepunkt einer neuen Entwicklung: Literatur wird zum popkulturellen Event für die grosse Bühne. Immer mehr erfolgreiche Schriftsteller wechseln zu Eventagenturen.
Auch die Schriftstellerin Juli Zeh tritt in Konzerthallen wie der Elbphilharmonie, dem Gewandhaus Leipzig und dem Volkshaus Zürich auf, dort kosten die besten Plätze 97 Franken. Ebenso reist der Schweizer Autor Martin Suter mit seinem neuen Roman «Ein und Alles» durch renommierte Säle, von der Zürcher Tonhalle über das Theater Basel bis zum Thalia-Theater in Hamburg. Den Höchstpreisrekord hält Suter im Wiener Konzerthaus mit Billettpreisen von bis zu 106 Euro.
Vierstellige Gagen
Bei der Erfolgsautorin Caroline Wahl wiederum sind die Säle veritable Hallen. Auf ihrem Marathon von 25 Auftritten tritt sie in Eventlokalen wie dem Lokwerk Bielefeld auf. Bei Wahl bewegen sich die Ticketpreise allerdings im moderaten Bereich von bis zu 38 Euro, vielleicht aus Rücksicht auf ihr junges Publikum.
Caroline Wahl, Juli Zeh, Martin Suter und Daniel Kehlmann sind die Topshots der deutschen Gegenwartsliteratur, zumindest kommerziell. Ihre unterhaltsamen Bücher stehen oben auf den Bestsellerlisten, gleichzeitig haben sie etwas Magisches geschafft: die Verwandlung von Schriftstellern in Stars. Sie glänzen nicht nur durch Worte, sondern auch durch Prominenz. Und wie die Stars der Musikszene werden auch sie von Eventagenturen vertreten. Bei Wahl, Kehlmann und Zeh heisst diese MSK Meistersinger. Sie organisiert auch die gegenwärtige Tournee von Martin Suter. Zwar ist für Suters Lesungen der Diogenes-Verlag zuständig. Doch grosse Tourneen, die logistisch aufwendig sind, setzt der Verlag in Zusammenarbeit mit Agenturen um.
Die Verlage haben schlicht keine Kapazität, um sich um die Organisation der Lesungen zu kümmern. Doch die Nachfrage nach Veranstaltungen besteht. In diese Lücke springen die Agenturen. Die Agentur MSK Meistersinger in Berlin hat sich nun auf Literaturstars spezialisiert.
Indem sie gezielt auf die Erfolgreichsten setzt, folgt die Agentur der Logik eines knapper werdenden Marktes, der nach Stars lechzt. Alles konzentriert sich auf die Gewinner: Aufmerksamkeit, Gagen, Marketingbudget, Buchverkäufe. Mit dem Einfluss von Agenturen wächst nämlich nicht nur die Professionalisierung, sondern auch die Kommerzialisierung von Literaturveranstaltungen. Es gilt, nicht nur die Kosten für die Saalmieten und die Gagen herauszuholen, sondern auch am Anlass zu verdienen.
Überdies sind die Gagen nicht gerade bescheiden: Berühmte Autoren verdienen pro Auftritt immer häufiger einen vierstelligen Betrag. Das Gerücht von fünfstelligen Honoraren dementiert Daniel Kehlmann jedoch. Er könne keine Details nennen, «aber ich kann Ihnen doch sagen, dass mein Honorar nicht fünfstellig ist». Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Lesungshonorar in der Schweiz beträgt gemäss den Empfehlungen von Autorinnen und Autoren Schweiz (A*dS) 800 Franken, das Minimum sind 600 Franken. Das breite Mittelfeld der Literatur verdient sehr viel weniger.
Und die Literaturhäuser?
Literaturveranstaltungen seien, im Gegensatz zu Konzerten, nicht das grosse Geschäft. Doch dafür sei das Risiko für den Veranstalter kleiner: Es brauche dafür weder technisches Equipment noch viele Leute. Das sagt Michael Bugmann von der Agentur Tom Produkt in Hamburg. Ursprünglich von der Pop-Musik kommend, begann er vor 30 Jahren, auch Autoren zu buchen, «weil es niemanden gab, der das gemacht hat und weil Max Goldt schon in den 1990er Jahren grosse Säle füllte». Seine Agentur vertritt etwa Sibylle Berg, Dirk von Lowtzow oder Max Küng. Bugmann sagt: «Es reicht nicht, einen Bestseller zu haben, damit die Leute kommen. Ein Autor muss sich das Live-Publikum erarbeiten.»
Eventagenturen sind heute einflussreiche Akteure, die den traditionellen Literaturhäusern, Festivals und lokalen Veranstaltern Konkurrenz machen. «Ich hätte Daniel Kehlmann gerne im Literaturhaus zu Gast gehabt, auch in einem grösseren Saal», sagt die Leiterin des Literaturhauses Zürich, Nicola Steiner. «Daniel Kehlmann passt zu unserem Publikum. Aber seine Lesung wurde mir an der Buchmesse gar nicht erst angeboten», sagt Steiner.
Institutionen wie das Literaturhaus funktionierten nach dem Prinzip der Solidarität. «Für unser Publikum gesprochen, machen wir nicht nur Spitzen-, sondern auch Breitensport.» In Zürich kostet ein regulärer Eintritt 22 Franken, also weniger als ein Kinobesuch. Das breite Programm sei oft ein Defizitgeschäft und funktioniere nur dank Subventionen und Sponsoring. Doch Nicola Steiner hält das aktuelle Literaturschaffen für vielfältig und gross genug, damit unterschiedlichste Veranstalter ein spannendes Programm bieten könnten.
Die Frage nach der Zugänglichkeit von Literatur stellt auch Catherine Schlumberger, die Geschäftsführerin der Solothurner Literaturtage: «Öffentlich geförderte Institutionen haben einen kulturellen Auftrag, kommerzielle Agenturen agieren nach den Prinzipien der freien Marktwirtschaft. Die Eintrittspreise bei Literaturinstitutionen müssen sich in einem Rahmen bewegen, den sich die Leute leisten können.»
Die Verschiebungen im Veranstaltungsgeschäft zeigen sich einerseits in den steigenden Preisen und dem Starkult um einzelne erfolgreiche Autoren. Andererseits werden Auftritte für die Autorinnen und Autoren grundsätzlich immer wichtiger. Wenn man nicht gerade einen Top-Bestseller landet wie Caroline Wahl oder Martin Suter, ist das Einkommen durch Buchverkäufe nämlich klein bis verschwindend. Denn die Auflagen gehen insgesamt zurück, auch bei Bestsellern.
So zeigt sich in der Literatur eine ähnliche Entwicklung wie in der Musik: Auftritte sind für Autoren inzwischen der einzige Weg, um Geld zu verdienen. Und je grösser die Bühne, desto grösser die Einnahmen, so die Hoffnung. Zugleich zeigen Lesereisen wie jene von Daniel Kehlmann, dass die Aura des Autors auch in digitalen Zeiten noch wirksam ist. Die Leserinnen und Leser sind neugierig auf den Menschen, der diese faszinierenden Bücher schreibt. Auch wenn dieser Mensch auf der grossen Bühne dann ziemlich unauffällig aussieht.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Martina Läubli
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