• Im Kanton Waadt schlafen rund hundert Flüchtlinge seit mehreren Monaten in Zivilschutzanlagen.
  • Der Waadtländer Organisation für die Betreuung von Migrantinnen und Migranten fehlen Unterbringungsplätze.
  • Die Lebensbedingungen unter der Erde belasten die Gesundheit der Betroffenen stark.

Juri Smirnow erträgt es nicht mehr, unter der Erde zu leben. Der etwa vierzigjährige Ukrainer ist seit mehreren Monaten in der Zivilschutzanlage von Clarens im Kanton Waadt untergebracht.

Der Schmutz, der Mangel an Licht und an Belüftung, die Enge: Alles belastet ihn stark. «Meine Gesundheit hat sich sehr verschlechtert», klagt er gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). «Ich habe Albträume. Ich sehe gewisse Szenen aus dem Krieg wieder.»

Smirnow hat kurzerhand beschlossen, draussen zu schlafen statt in diesem Schutzraum.

Das sagt ein Flüchtling aus der Ukraine zum Leben unter der Erde

Andere junge Männer teilen sein Empfinden. Auch sie leben seit Monaten unter der Erde. «Im Schutzraum ist es sehr laut. Ich kann mich nicht auf meine Aufgaben, meine Projekte, mein Diplom konzentrieren», berichtet ein Physikstudent.

Im Schutzraum von Clarens sind fast 60 Personen untergebracht, verteilt auf drei Schlafsäle. In einem weiteren Zivilschutzraum in Echallens leben rund 50 Personen.

Legende: In unterirdischen Unterkünften wie diesem sind im Kanton Waadt zahlreiche Migrantinnen und Migranten seit Monaten untergebracht. RTS

Diese Unterkünfte sind Männern vorbehalten. Laut der Waadtländer Einrichtung für die Aufnahme von Migranten (Établissement vaudois d'accueil des migrants, EVAM) sind Personen mit Gesundheitsproblemen davon ausgenommen. Der Aufenthaltsstatus sei kein Kriterium.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in den Schutzräumen von Clarens und Echallens beträgt gemäss EVAM etwas weniger als drei Monate. Die Männer, mit denen RTS gesprochen hat, geben an, dort seit vier bis sechs Monaten zu wohnen.

Als «letzter Ausweg» zulässig

Erich Dürst, der Direktor des EVAM, räumt ein, dass diese Bedingungen alles andere als ideal sind: «Sie sind akzeptabel, weil sie im Gesetz so vorgesehen sind. Aber das Gesetz sieht vor, dass dies nur der letzte Ausweg ist, wenn es keine anderen Lösungen mehr gibt.»

Das EVAM verfüge nicht über genügend Unterbringungsplätze. Die Zahl der Zufluchtsuchenden hat seit Beginn des Krieges in der Ukraine zugenommen.

Die Lage auf dem Immobilienmarkt sei angespannt. Namentlich Gebäude, die für die kollektive Unterbringung geeignet sind, seien schwer zu finden. Und dann müssten die Unterkünfte fair auf die Waadtländer Regionen verteilt sein. Zudem spiele angesichts eines angespannten Budgets auch die Kostenfrage eine Rolle.

«Wir suchen derzeit 400 Plätze für nächstes Jahr», präzisiert Dürst. Finde man diese Plätze nicht, sei die Eröffnung neuer Zivilschutzanlagen nicht ausgeschlossen.

Ein Prozent aller betreuten Migranten

Etwas mehr als ein Prozent der vom EVAM betreuten Personen halten sich in unterirdischen Anlagen auf. Insgesamt sind in diesem Herbst 8906 Personen vom EVAM untergebracht, die meisten in Wohnungen (5535) und in kollektiven Unterkünften (3371 ). Über 200 Personen wohnen bei Privatpersonen im Rahmen des Programms «Einen Migranten beherbergen».

Mehrere Organisationen, darunter die Schweizerische Flüchtlingshilfe, halten unterirdische Zivilschutzanlagen für die Unterbringung von Flüchtlingen für nicht geeignet.

Diskutieren Sie mit:

Source: SRF · Juliette Jeannet / RTS

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira