Kann man Kolonialismus und Nationalsozialismus miteinander vergleichen?
Die Ausstellung «Umstrittene Verwandtschaft» im Deutschen Historischen Museum zeigt Parallelen und Unterschiede zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt. Auf die entscheidenden Fragen bleibt sie aber Antworten schuldig.
28.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Postkarte mit einem afrikanischen Soldaten der deutschen Kolonialtruppen in Deutsch-Ostafrika und der Reichsflagge, um 1910.
Deutsches Historisches Museum Berlin
Das muss deprimierend sein: Da plant man im Deutschen Historischen Museum in Berlin jahrelang eine grosse Ausstellung über das Verhältnis zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus, um eine politisch aufgeladene Debatte zu «entgiften», wie es der Historiker und Kurator Stephan Malinowski in einem Interview formulierte.
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Und dann hängen im letzten der neun Ausstellungsräume an einer sogenannten Mitmachwand mit der Überschrift «Und Ihre Perspektive?» lauter Zettel von anonymen Besuchern mit giftigen Parolen wie «Free Palestine» oder «Namibia, Auschwitz, Gaza». Daneben stehen relativierende Sätze wie: «Wo liegt der Unterschied, systematisch Menschen zu ermorden und Lebensraum zu stehlen?»
Dabei wollten Malinowski und der Museumsdirektor Raphael Gross gerade verhindern, dass die Ausstellung zum Schauplatz politischer Instrumentalisierung wird. Im Begleitkatalog schreibt Gross betont nüchtern: Es gehe darum, «eine Debatte durch empirische Genauigkeit zu historisieren». Klingt vernünftig. Und vielleicht ein wenig zu abstrakt.
«Historikerstreit 2.0»
Aber von vorn: Um welche mysteriöse Debatte geht es hier eigentlich, die der Mitte Oktober eröffneten DHM-Ausstellung angeblich zugrunde liegen soll, in ihr aber bewusst vollkommen ausgeklammert wird? In Deutschland wird sie «Historikerstreit 2.0» genannt – in Anlehnung an den Historikerstreit von 1986. Damals löste Ernst Nolte eine heftige Kontroverse aus, indem er die Verbrechen des Nationalsozialismus als Reaktion auf den Bolschewismus zu erklären und damit zu verharmlosen versuchte. Im Zentrum stand die Frage nach der historischen Singularität des Holocaust – und darum geht es auch heute wieder.
Postkoloniale Denker verwirren den geschichtsbewussten Deutschen seit einigen Jahren mit dem Vorwurf, seine Erinnerungskultur sei provinziell und zu sehr auf den Holocaust fixiert. Sie fordern von ihm, sich «multidirektional» zu erinnern und die Judenvernichtung stärker im Zusammenhang mit anderen historischen Gewalterfahrungen zu betrachten, insbesondere dem Kolonialismus. Dann, so die radikalste Form dieser einseitigen Geschichtsdeutung, würde er vielleicht auch endlich begreifen, dass der Holocaust eine direkte Folge europäischer Kolonialherrschaft gewesen sei und Israel, der jüdische Staat, nichts anderes als eine moderne Siedlungskolonie sei, die man entgegen der vielbeschworenen Staatsräson nicht unterstützen solle, müsse, dürfe.
Wie angenehm, denkt man im ersten Moment, dass auf diese Geschichtsverkürzungen und -verdrehungen in der Ausstellung «Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt» gar nicht erst eingegangen wird. Stattdessen widmet sie sich auf rund 1000 Quadratmetern der historischen Vorgeschichte der Verflechtung von Kolonialismus und Nationalsozialismus, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und spannt dabei den Bogen vom späten 19. Jahrhundert, der Zeit des Hochkolonialismus, bis in die 1960er Jahre, als die meisten ehemaligen europäischen Kolonien unabhängig wurden. Videos, Texttafeln, Experteninterviews, Fotografien, Dokumente, Objekte und Modelle machen daraus eine extrem umfangreiche Schau, für die sich voreingenommene wie unvoreingenommene Besucher viel Zeit lassen sollten. Was lernt man?
Nilpferdpeitsche und Zyklon B
Im ersten Raum stehen zwei Glasvitrinen nebeneinander, die das zentrale Prinzip der Ausstellung – die Gegenüberstellung – exemplarisch vorführen. Links eine Peitsche aus Nilpferdleder, rechts eine Zyklon-B-Dose. Auf den ersten Blick scheint klar, welches Objekt zu welchem Gewaltregime gehört. Aber auch in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurden Menschen zu Tode gepeitscht, und Giftgas kam auch in Kolonialkriegen zum Einsatz.
Prinzip der Gegenüberstellung: Links eine Peitsche aus Nilpferdleder, rechts eine Zyklon-B-Dose.
Foto: David Von Becker / Foto: David von Becker
Ein Beispiel: Ab Oktober 1935 führte das faschistische Italien im Abessinienkrieg einen brutalen Eroberungsfeldzug gegen das unabhängige Äthiopien, in der Hoffnung, «Lebensraum» in Ostafrika zu gewinnen. Zehntausende Äthiopier wurden ermordet, unter anderem durch Senfgas. Im Juni 1936 appellierte der äthiopische Kaiser Selassie vor dem Völkerbund in Genf an die internationale Gemeinschaft, seinem Land beizustehen. Drei Tage später erschoss sich der jüdisch-tschechoslowakische Journalist Štefan Lux im Sitzungssaal des Völkerbunds, um gegen die Verfolgung der Juden durch das NS-Regime zu protestieren.
Diese Gegenüberstellungen machen zeitliche Parallelitäten und Ähnlichkeiten in den Formen der Gewalt sichtbar. Das ist interessant, funktioniert aber eher assoziativ. Es ergeben sich daraus noch keine konkreten historischen Verbindungen. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse belegt keinen Zusammenhang, Ähnlichkeiten in den Gewaltformen keine gemeinsame Vernichtungslogik. Und das faschistische Italien ist nicht NS-Deutschland.
Italienischer Giftgasangriff: Alfredo Gauro Ambrosi, «Bombardement in Ostafrika», 1936.
Museo dell’aeronautica Gianni Caproni (Fondazione Museo storico del Trentino)
Konkreter wird es dort, wo verschiedene Zeitgenossen selbst Verbindungen herstellten. Hitler bezog sich explizit auf den Kolonialismus, sagte, der «Ostraum» sollte das deutsche «Indien» werden. Auch von der politisch anderen Seite kamen Vergleiche: In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurde der Algerienkrieg von linken Intellektuellen fast obsessiv mit dem Holocaust gleichgesetzt. Aber schon in den 1930er Jahren, lange bevor in Auschwitz Juden vergast wurden, bezeichneten antikoloniale Aktivisten Kolonialismus und Faschismus als «Zwillinge» und sprachen von «Kolonialfaschismus».
Auschwitz bleibt ohne koloniales Pendant
Neben offensichtlichen Gemeinsamkeiten wie Kollaboration mit Einheimischen und Zwangsarbeit werden die Unterschiede von den Ausstellungsmachern um Malinowski herum nicht verschwiegen. Sie erklären, warum Rassismus und Antisemitismus nicht dasselbe sind. Im Erlösungsantisemitismus der Nationalsozialisten galten Juden als das ultimative Böse, als eine vermeintlich allmächtige Kraft, die die Welt kontrolliere und nur durch ihre vollständige Vernichtung besiegt werden könne.
Anders als im Kolonialismus gab es für Juden keinen Weg der Integration oder Bekehrung, der sie vor der Verfolgung geschützt hätte – unabhängig davon, wie gebildet, schön oder angesehen sie waren. Die Vernichtung wurde zum Selbstzweck, der militärischen oder wirtschaftlichen Zielen oft zuwiderlief. Ein Raum der Ausstellung hat deshalb kein koloniales Pendant. Die Wand gegenüber dem riesigen Auschwitzmodell eines polnischen Bildhauers bleibt leer.
Kolonialverbrechen wurden weltweit öffentlich angeprangert. Im Kaiserreich kritisierten Reichstagsabgeordnete wie August Bebel oder Matthias Erzberger die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Der karibische Intellektuelle C. L. R. James protestierte 1935 mitten auf dem Londoner Trafalgar Square gegen den italienischen Angriff auf Abessinien. Im NS-Staat undenkbar: eine Rede über die Verbrechen in den Konzentrationslagern am Brandenburger Tor. Wie wenig sich die Erfahrungen übertragen liessen, zeigt auch Gandhis Rat an den Religionsphilosophen Martin Buber nach den Novemberpogromen von 1938, die Juden sollten es doch einmal mit gewaltfreiem Widerstand probieren.
Antikolonialer Protest: der trinidadische Journalist C. L. R. James bei einer Kundgebung zum Abessinienkrieg am Londoner Trafalgar Square im August 1935.
Keystone via Getty
Man verlässt die etwas überbordende Ausstellung intellektuell bereichert, aber auch ein wenig erschlagen. Man hätte sich weniger Exponate, dafür klarere Aussagen gewünscht. Trotz Erklärtafeln bleibt vieles vage und assoziativ. Was genau hat man hier gelernt? Dass es Ähnlichkeiten zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus gibt, am Ende aber doch sehr viel mehr Unterschiede?
Wozu der Vergleich?
Offen bleibt vor allem die Frage, warum ausgerechnet jene Debatte ausgespart bleibt, ohne die es diese Ausstellung gar nicht gäbe. Der Historikerstreit 2.0. Schliesslich begründet Raphael Gross die Notwendigkeit des Vorhabens mit dem globalen Debattendruck: Vergleiche würden nun mal längst weltweit gezogen und verschwänden nicht, indem man sie ignoriere. Aber wozu hier verglichen wird, bleibt unklar. Nur deshalb, weil es andere tun?
Dient der Nationalsozialismus hier vielleicht mehr als Stellvertreter für den Zionismus, um postkoloniale Relativierer empirisch zu entkräften? Dass der Nationalsozialismus in der Ausstellung immer wieder mit einem eher schwammigen Faschismusbegriff vermischt und so in gewisser Weise zum Nebenschauplatz wird, macht die Sache nicht klarer.
Ein überraschend treffender Satz steht dann doch noch am Ende an der Mitmachwand: «Es ist traurig zu sehen, was der Menschheit passiert ist.»
«Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt», Deutsches Historisches Museum Berlin, bis 11. April 2027. Katalog: Fr. 42.90.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Zelda Biller
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