Kämpfen oder fliehen Das Dilemma der ukrainischen Männer
Der Krieg in der Ukraine stellt viele Männer vor eine schwierige Frage: Soll ich kämpfen oder das Land verlassen?
23.10.2026, 06:08
Arsen Sardarjan spricht aus, was viele denken: «Ich will nicht kämpfen, weil ich Angst um mein Leben habe.» Der 23-Jährige lebt seit einem Jahr in einem Asylzentrum bei Lausanne. Er ist aus Kiew in die Schweiz geflohen. Aus Angst vor Drohnen und Raketen. Aber auch aus Angst, irgendwann in die Armee eingezogen zu werden.
Sardarjan hat die Ukraine verlassen, solange er durfte. Seit August 2025 können ukrainische Männer ausreisen, wenn sie unter 23 Jahre alt sind. Wer älter ist, muss bleiben und sich der Armee zur Verfügung halten. Ab 25 kann man dann zum Kriegsdienst einberufen werden.
Wie Sardarjan sind seither laut Schätzungen Zehntausende Männer unter 23 Jahren ausgereist. In der Schweiz haben über 2100 von ihnen den Schutzstatus S beantragt. Kamen bis dahin vorwiegend Frauen aus dem kriegsversehrten Land, waren im Jahr 2025 insgesamt die Männer leicht in der Mehrheit.
Das Land braucht Soldaten, doch nicht alle wollen kämpfen
Die militärischen Verluste im Ukrainekrieg sind gross. Diversen Schätzungen zufolge werden pro Monat mehrere Tausend ukrainische Soldaten getötet oder verwundet. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. Fakt ist: Um sich weiter zu verteidigen, braucht das Land immer neue Soldaten. Gleichzeitig will man die junge Generation schonen, um das Bevölkerungswachstum nicht zusätzlich zu schwächen.
Doch nicht alle wollen kämpfen. Gemäss Verteidigungsministerium entziehen sich über zwei Millionen Männer der Mobilisierung. Manche sind illegal ausgereist. Andere gehen innerhalb der Ukraine den Behörden aus dem Weg oder verstecken sich.
So auch Maksym. Der Informatiker, der eigentlich anders heisst, steht auf einer Fahndungsliste, weil er sich nicht beim Militär gemeldet hat. Er ist kein Armeegegner, findet aber, als IT-Spezialist nütze er dem Land mehr als im Schützengraben.
Maksym verlässt seine Wohnung kaum noch – aus Angst, auf der Strasse kontrolliert und einberufen zu werden. «Meine Realität hat sich enorm verengt», sagt er. «Einst stand mir die ganze Welt offen. Dann nur die Ukraine. Und schliesslich bewege ich mich nur noch in meiner Nachbarschaft.»
Spannungen um Rekrutierung nehmen zu
Die Rekrutierung ist ein kontroverses Thema. Unter Kriegsrecht kann die Ukraine wie jeder Staat Bürger gegen ihren Willen zum Dienst verpflichten. Allerdings verläuft nicht jede Rekrutierung rechtskonform. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Videos, die zeigen, wie Männer auf offener Strasse in Minibusse gezerrt und gewaltsam zur Musterung mitgenommen werden.
Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments stellt in diesem Zusammenhang eine starke Zunahme von Beschwerden fest. Wurden im ersten Kriegsjahr 18 mutmassliche Verstösse gemeldet, waren es 2024 über 3000, im Jahr 2025 über 6000.
Diesen Sommer hat die nationale Ermittlungsbehörde ausserdem eine landesweite Untersuchung gegen Rekrutierungsämter gestartet – wegen mutmasslicher Korruption und Gewalt an Zivilisten.
Schweiz gibt nur Schutz, wenn Wehrpflicht erfüllt ist
Seit diesem Sommer bietet die Schweiz – gleich wie die EU – ukrainischen Männern nur noch Schutz, wenn sie in der Heimat ihren militärischen Pflichten nachkommen.
Arsen Sardarjan ist von der neuen Regel nicht betroffen. Mit 23 Jahren ist er noch nicht wehrpflichtig. Auch hat er bereits den Schutzstatus S. Er will nach vorne schauen, Französisch lernen, in der Schweiz einen Job finden. «Ich will einfach nur leben.»
Source: SRF · Adrian Lemmenmeier
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira