Jon Ossoff – könnte dieser Demokrat der neue Obama sein?
Die Zwischenwahlen am 3. November sind für die Demokraten auch eine Talentsuche für die Präsidentschaftswahlen 2028. Der 39-jährige Senator Jon Ossoff aus dem konservativen Teilstaat Georgia wird als aufsteigender Star gehandelt. Reportage von einem Rally in Atlanta.
23.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Selbstsicher und redegewandt: Senator Jon Ossoff an einer Wahlveranstaltung im Cobb Convention Center in Atlanta, Georgia, am 17. Oktober.
Megan Varner / Reuters
Etwas ausserhalb von Atlanta, im Cobb Convention Center, steigt die Spannung. Rund tausend Demokraten sind gekommen, um Senator Jon Ossoff zu sehen. Sie tragen Fähnchen, Schilder, eine junge Frau verteilt Ossoff-Ohrenstecker, und alle sind bereit für ihren Einsatz als Publikum. Vorne heizt ein DJ mit Pop und Hip-Hop die Stimmung im Saal an.
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Die pensionierte Fernsehproduzentin Becky trägt ein antirassistisches T-Shirt und hat nur lobende Worte für den 39 Jahre jungen Senator: «Ich sehe in ihm einen zukünftigen Präsidenten. Er ist brillant, er ist gemässigt, das muss er auch sein im konservativen Georgia.»
Becky, pensionierte Fernsehproduzentin.
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Ossoff ist der einzige demokratische Senator, der in den diesjährigen Zwischenwahlen seinen Sitz in einem republikanisch regierten Teilstaat verteidigen muss. Manche Parteistrategen sagen, dass es genau einen solchen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2028 brauche: einen, der wisse, wie man in einem unwegsamen Umfeld siege.
Auf die Frage von Journalisten, ob er eine Präsidentschaftskandidatur in Betracht ziehe, antwortet Ossoff stereotyp, das interessiere ihn «null». Das sei doch die Standardantwort von Politikern, sagt Becky und zuckt mit den Schultern. Obwohl sie die Chancen für Ossoffs Wiederwahl als gut einschätzt, wirkt sie bedrückt. Warum? «Die letzten Jahre waren schwierig für uns Demokraten», sagt sie. Man wage fast nicht mehr zu hoffen.
Antidepressivum für gebeutelte Demokraten
Die Enttäuschung über Trumps Wahlsieg vor zwei Jahren steckt noch vielen Demokraten in den Knochen. Darlene, eine afroamerikanische Finanzberaterin, nennt die Midterms die wichtigste Wahl ihres Lebens: «Es geht um die Menschenrechte, um die Wirtschaft, um die Demokratie. Wir müssen siegen», sagt sie. Unter Trump sei der Rassismus wieder salonfähig geworden.
Darlene, Finanzberaterin.
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Darlene stimmte 2024 für Kamala Harris, will aber nicht, dass sie wieder kandidiert: «Das Land ist nicht bereit für eine Frau und schon gar nicht für eine Afroamerikanerin.» Ossoff fände sie einen guten Kandidaten. Über ein Drittel der Wähler in Georgia sind afroamerikanisch.
Eine Handvoll quietschvergnügte Highschool-Schüler hellen die Stimmung auf. Für William, Evan, Rahul, Hasan und Juan ist Ossoff das ganz grosse Idol: «Sein IQ ist sehr hoch. Er weiss, was er tut. Ich glaube, er hat eine sehr starke Verbindung zu den Menschen – nicht nur in Georgia, sondern im gesamten Südosten der USA», sagt Evan. Ossoff wäre ein super Präsident. Mit ihm könnte man endlich wieder stolz auf das Land sein. Das sähen alle ihre Freunde so.
William, Evan, Rahul, Hasan und Juan von der Harrison High School in Kennesaw begeistern sich für Politik und sind Fans von Senator Jon Ossoff.
Ein rhetorisches Talent
Im Cobb Convention Center springt der gutaussehende demokratische Senatskandidat locker aufs Podium. Ossoff trägt Chino-Hosen und ein Hemd mit offenem Kragen, wie einst der junge Präsidentschaftskandidat Barack Obama, und strotzt vor Selbstsicherheit: «Wir werden Trumps verlogene Marionette, Mike Collins, besiegen», sagt Ossoff über seinen republikanischen Kontrahenten. «Georgia wird dem Gauner Donald J. Trump eine so kräftige Abfuhr erteilen, dass es auf Jahrhunderte hinaus kein Präsident mehr wagen wird, seine Macht derart zu missbrauchen.» Der Mann will offenbar Geschichte schreiben.
Rednerisches Talent hat er. Mit Präzision drückt er auf die Triggerpunkte der Republikaner: den Iran-Krieg, die hohen Benzinpreise, den zögerlichen Umgang mit den Epstein-Files. Beim Thema Korruption, das inzwischen im Sorgenbarometer der Amerikaner an der Spitze steht, läuft Ossoff zur Höchstform auf. Genüsslich zählt er die Verstrickungen und die Selbstbereicherung der «Mar-a-Lago-Mafia» auf. Er schüttelt den Kopf: «Das ist die korrupteste Regierung in der Geschichte der USA, und wir hatten einige davon.»
Korruption habe in der Politik schon lange vor Trump existiert: «Geld fliesst rein, Begünstigungen fliessen raus.» Und viele Wähler hätten in Trump irrtümlicherweise das Gegenmittel gesehen, das sei verständlich, sagt Ossoff. Deshalb gehe es nicht nur um einen Machtwechsel in Washington, sondern um eine ganzheitliche Heilung der Kaputtheit. Geld und Politik müssten entflechtet werden. «Der Moment bietet eine Chance für eine grundlegende Erneuerung, nicht bloss eine Rückkehr zum Alten», sagt Ossoff. Im Publikum ist es ganz still geworden, die Leute nicken. Wer spricht da: ein Senatskandidat aus Georgia oder ein zukünftiger Präsident?
Ossoff serviert die «richtige Sauce»
Ossoff hat nicht nur in Georgia eine wachsende Fangemeinde, sondern ist zunehmend auch national bekannt. Zunächst fiel er durch hartnäckige Einvernahmen bei Senatsanhörungen auf. Verteidigungsminister Pete Hegseth grillte er in Sachen Iran-Krieg, indem er ihm immer wieder dieselbe Frage stellte: «Sie erklärten am vierzehnten Tag des Angriffs, dass Irans Militär zerstört sei. Stimmte diese Aussage?» Seine Hartnäckigkeit brachte Hegseth, der die Fangfrage nicht beantworten wollte, aus der Fassung.
Dann schoss Ossoff einen Giftpfeil gegen Trump ab, der ins Schwarze traf. «Er macht seinen Job nicht. Lieber will er seinen Ballsaal bauen und mit Natalie herumreisen – in seinem fliegenden Palast», sagte er. Der kleine, fiese Seitenhieb auf Trumps Nähe zu seiner ständigen Begleiterin und Assistentin Natalie Harp erzeugte grosse Aufregung im Trump-Lager. Die Episode verbreitete sich viral, und plötzlich war Ossoff der Demokrat, der Trumps Maga-Bewegung medienwirksam Paroli bietet.
«Ossoff serviert einfach die richtige Sauce, Mann», schrieb der linke Influencer Jeremiah Johnson auf der Plattform X. Der frühere Kommunikationschef von Obama, Dan Pfeiffer, pflichtete ihm bei: Nach einem Jahrzehnt Trump sehnten sich die Leute nach jemandem, der glauben machen könne, dass das amerikanische Volk besser sei als Trump, schrieb der heutige Moderator des bekannten Podcasts «Pod Save America». Das Talent des Junior-Senators aus Georgia hat auch die konservative Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham entdeckt: «Er ist der neue Obama der Demokraten», erklärte sie.
Sprössling einer Lederschuhdynastie
Ossoff wuchs in einer vermögenden jüdischen Familie in Atlanta auf. Sein Grossvater baute eine Lederschuhfabrik auf; seine Mutter ist Unternehmerin und gründete eine Organisation, die Frauen in der Politik fördert; sein Vater ist Rechtsanwalt. Ossoff studierte Politologie und politische Ökonomie an den Eliteuniversitäten Georgetown in Washington und der London School of Economics. Er ist mit einer Gynäkologin verheiratet und hat zwei Töchter.
2013 gründete er mit seiner Erbschaft in London die investigative Filmproduktionsfirma The World Investigates und produzierte BBC-Dokumentationen, unter anderem über die Terrormiliz IS und Todesschwadronen in Ostafrika. 2017 kandidierte er überraschend in seinem Heimatbezirk in Georgia, der als sicher republikanisch galt. Obwohl er am Schluss deutlich verlor, war das Rennen eine Sensation: Noch nie war so viel Geld in einen Wahlkampf für das Repräsentantenhaus geflossen. Auch im jetzigen Wahlkampf hat er rekordhohe Spenden gesammelt.
Drei Jahre später gelang ihm der Sprung in den Senat, in dem Jahr, als Trump abgewählt wurde. Und nun, sechs Jahre später, verteidigt der Junior-Senator aus Georgia seinen Sitz gegen den republikanischen Herausforderer Mike Collins. Der Besitzer eines Lastwagenunternehmens gewann als Rechtsaussenpolitiker nur dank der Unterstützung von Trump die Vorwahlen. In den Umfragen hinkt er Ossoff um fast 9 Prozentpunkte hinterher. Um eine Niederlage abzuwenden, greift er Ossoffs geschliffenes Auftreten an: «Jon Ossoff ist ein Typ, der reden möchte wie Obama, aussehen will wie Kennedy, lügt wie Pinocchio und wählt wie Bernie Sanders», sagte er im breiten Südstaatenakzent. Bis jetzt perlen solche Attacken aber an Ossoff ab.
Dringend gesucht: wählbare Demokraten
In den USA beginnen grosse politische Karrieren oft lokal und deshalb scheinbar aus dem Nichts. Als Barack Obama 2007 für die Präsidentschaft kandidierte, war er nur politischen Insidern ein Begriff. Gerade einmal zwei Jahre vorher war der afroamerikanische Lokalpolitiker aus Illinois in den Senat gewählt worden. Seine Kandidatur nannte Obama selber «vermessen» und «kühn». Ein Jahr später zog er als 44. Präsident der USA ins Oval Office ein. Ossoff, sagen Beobachter, habe Potenzial: weil er aus den Südstaaten kommt, weil er eine Menschenmenge begeistern kann und weil er angreift, ohne zu links zu sein. Er tritt weder für eine staatliche Krankenkasse ein, noch nennt er den Gaza-Krieg einen Genozid, wie viele andere Demokraten. Politisch bleibt er ungreifbar genug, um flexibel zu bleiben.
Ob Ossoff in zwei Jahren wirklich für die Präsidentschaft kandidieren wird, steht in den Sternen. Becky und Darlene sind aber am Ende der Wahlkampfveranstaltung in Atlanta überzeugt, dass er der richtige Kandidat wäre. «Er war einfach phantastisch», sagt Darlene. Und selbst die Augen der zweifelnden Becky leuchten. Ein Politiker, der Hoffnung weckt, hätte 2028 gute Karten.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Jacobi
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