Jahr der Freiwilligkeit Diese Freiwilligen brachen Regeln, um Menschen zu helfen

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Freiwilligenarbeit bedeutet nicht immer, Suppe auszuschenken oder bei Vereinsanlässen zu helfen. Das Projekt «umtun» der Universität Freiburg und des Gosteli-Archivs rückt Menschen in den Fokus, die mit ihrem freiwilligen Engagement gesellschaftliche Normen hinterfragten und Veränderungen anstiessen.

2026 ist das Internationale Jahr der Freiwilligen: Die UNO würdigt Millionen Menschen, die sich unbezahlt für andere einsetzen. Wer dabei an Vereine, Suppenküchen und das Ehrenamt denkt, liegt nicht falsch, erzählt aber nur die halbe Geschichte. Das Public-History-Projekt «umtun» erzählt eine andere Seite. Denn umtun heisst: tätig sein, sich bemühen, nachforschen, aber auch etwas umgestalten und verändern.

Die Website www.umtun.ch zeigt neun Geschichten von Menschen, die geltende Normen hinterfragten und veränderten und halfen, wo der Staat wegsah. Anhand konkreter Beispiele will das Projekt eine Diskussion darüber lancieren, was Freiwilligkeit eben auch bedeuten kann. Dazu sind mehrere Podiumsdiskussionen in Zürich und Bern geplant.

«umtun» ist aus einem Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds hervorgegangen und ist am Interdisziplinären Institut für Ethik und Menschenrechte der Universität Freiburg angesiedelt. Umgesetzt wurde das Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem Gosteli-Archiv.

Vier Beispiele zeigen, wie politisch Freiwilligenarbeit sein kann.

1. Leben retten – notfalls mit illegalen Mitteln

Als die Schweiz im Zweiten Weltkrieg ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge schloss, entschied sich Anne-Marie Im Hof-Piguet zum zivilen Ungehorsam. Die junge Rotkreuz-Helferin arbeitete in Kinderheimen im besetzten Frankreich und organisierte für Jüdinnen und Juden geheime Fluchtwege in die Schweiz.

Legende: Die Schweiz lieferte im Zweiten Weltkrieg Hilfsgüter in französische Kinderheime. Den Mitarbeitenden war es aber untersagt, jüdischen Menschen bei der Flucht zu helfen. Archiv für Zeitgeschichte

Gemeinsam mit Helferinnen und Helfern brachte Im Hof-Piguet zwölf Kinder und Erwachsene illegal über die Grenze in die Schweiz und bewahrte sie so vor der Deportation in ein Konzentrationslager und dem Tod durch die Nazis.

Sie widersetzte sich den damaligen Vorschriften, folgte aber ihrem humanitären Gewissen. Für ihren Einsatz wurde sie später unter anderem als «Gerechte unter den Völkern» geehrt.

Legende: Anne-Marie Im Hof-Piguet (1916–2010) veröffentlichte ihre Geschichte 1985 in ihren Memoiren. Archiv für Zeitgeschichte

2. Kirche als Asyl

Anfang der 1990er-Jahre sollten zahlreiche kosovo-albanische Flüchtlinge die Schweiz verlassen, obwohl Hilfswerke vor Menschenrechtsverletzungen im Kosovo warnten. Dagegen regte sich Widerstand: Im Herbst 1993 schlossen sich im Kanton Bern 16 Kirchgemeinden zusammen und gewährten betroffenen Familien Kirchenasyl. Pfarrhäuser und Kirchgemeindehäuser wurden zu Zufluchtsorten, Freiwillige organisierten Unterkunft und Unterstützung.

Legende: Eine Mahnwache gegen die Ausschaffung von gefährdeten Flüchtlingen, aufgenommen 1994 in einer Kirche im Kanton Bern. Keystone

Mit diesem Akt des zivilen Ungehorsams stellten die Kirchgemeinden und ihre Mitglieder ihr Gewissen über behördliche Entscheide und protestierten gegen die Ausschaffungspolitik des Bundes.

Legende: Ein Kollektiv von Sans-Papiers fordert in der Paulus-Kirche Freiburg vom Bund bessere Bedingungen für Papierlose. Keystone/Edi Engeler

3. Abtreibungshelferin aus Solidarität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz verboten. Dennoch beriet die Frauenrechtlerin Margarethe Hardegger in ihrem Haus in Bern Frauen kostenlos zu Themen wie Verhütung und ungewollten Schwangerschaften.

Legende: Margarethe Hardegger war als Frauenrechtlerin im In- und Ausland gut vernetzt. Sie kämpfte auch für das Frauenstimmrecht, die Mutterschaftsversicherung und Sexualreformen. Schweizerisches Sozialarchiv

Wenn nötig, vermittelte Hardegger auch Hilfe bei Abtreibungen und unterstützte Frauen in sozialen Notlagen. 1915 wurde sie verhaftet und wegen Beihilfe zur Abtreibung verurteilt. Für Hardegger stand nicht der Profit im Vordergrund, sondern die Solidarität mit Arbeiterinnen, die oft weder Geld noch Möglichkeiten hatten, anderswo Hilfe zu finden.

Legende: Das Haus von Margarethe Hardegger im Länggass-Quartier in Bern. Privatarchiv Andrea Uboldi

4. Milch und Süssmost statt Bier und Schnaps

Um 1900 machten Frauenorganisationen auf einen Zusammenhang aufmerksam, über den damals noch kaum gesprochen wurde: Alkoholmissbrauch und häusliche Gewalt. Der Schweizerische Bund abstinenter Frauen sah im Alkohol eine Gefahr für Frauen und Kinder, weil viele Männer ihren Lohn im Wirtshaus ausgaben und dann zu Hause gewalttätig wurden.

Legende: Die freiwillig Engagierten des Schweizerischen Bunds abstinenter Frauen versuchen, die Menschen über die Problematik des Alkohols aufzuklären und zur Abstinenz zu bewegen. ZVG/Gosteli-Archiv

Die Freiwilligen setzten auf Aufklärung statt Verbote: Mit Vorträgen, Flugblättern, Getränkeständen und Hausbesuchen warben sie für Abstinenz und informierten über die Folgen des Alkoholkonsums. So machten sie Gewalt in der Familie erstmals zu einem öffentlichen Thema.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 19.10.2026, 17:30 Uhr ;  kemo;ledn;brus

Source: SRF · 25.10.2026, 13:03

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