Italiens angeschlagener «Kapitän»: wie Salvinis Überlebenskampf Melonis Koalition destabilisiert

Die Umfragen im Keller, die norditalienische Basis in Aufruhr: Nach dem Ende seiner Alleinherrschaft in der Lega wird Matteo Salvini als Vizeministerpräsident unberechenbarer. Durch Kritik an Melonis Pro-Ukraine-Politik versucht er Zustimmung zurückzugewinnen.

Ulrike Sauer, Rom28.10.2026, 18.00 Uhr

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Matteo Salvini lässt sich am 25. Oktober in Mailand am ausserordentlichen Parteitag der Lega mit 76 Prozent der Stimmen als Parteichef bestätigen.

Matteo Salvini lässt sich am 25. Oktober in Mailand am ausserordentlichen Parteitag der Lega mit 76 Prozent der Stimmen als Parteichef bestätigen.

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«Il capitano» nannten ihn seine Anhänger. Als Matteo Salvinis Spindoktor den Spitznamen für eine Social-Media-Kampagne erfand, errang der Lega-Chef mit 34,33 Prozent bei der Europawahl das beste Wahlergebnis der Parteigeschichte. Es war 2019. Das Jahr markierte den Zenit eines scheinbar unaufhaltsamen Rechtspopulisten, der seiner Partei und der italienischen Politik im Alleingang die Richtung diktierte.

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Heute sind die Umfragewerte der Lega auf um die 6 Prozent abgesackt, und dem Kapitän schlägt der Wind auch aus den eigenen Reihen ins Gesicht. Um der offenen Meuterei des traditionellen, wirtschaftsorientierten Nordflügels zuvorzukommen, trat Salvini im September die Flucht nach vorn an. Er berief einen Sonderparteitag ein, um sich zum vierten Mal als Parteichef wählen zu lassen.

Doch die vermeintliche Machtdemonstration misslang: Die 76 Prozent der Delegiertenstimmen täuschen nicht darüber hinweg, dass ein Viertel der Basis für den Gegenkandidaten stimmte. Vor eineinhalb Jahren noch hatten sie den «capitano» durch Akklamation im Amt bestätigt. Ein Gegenkandidat? Damals undenkbar. Nun setzten sich die «Nordisten» sogar mit der Forderung nach geheimer Abstimmung durch. Nach dreizehn Jahren war am vergangenen Sonntag das Ende von Salvinis Alleinherrschaft gekommen.

Salvini möchte die Hilfe für die Ukraine kappen

Für Giorgia Meloni, die italienische Ministerpräsidentin, hat das unangenehme Folgen. Der politische Überlebenskampf macht ihren Vizeministerpräsidenten zu einem noch sperrigeren Koalitionspartner. Das Rechtsbündnis befindet sich längst in einem verfrühten, nervösen Wahlkampfmodus. Salvini suchte auf der Stelle den Befreiungsschlag in der Aussenpolitik und forderte eine Wende in der Ukraine-Politik: «Seit nunmehr mehr als vier Jahren unterstützen wir zu Recht das angegriffene und bombardierte Volk und verabschieden eine Sanktion nach der anderen, aber jetzt muss Schluss sein mit Geld für Waffen und für die Ukraine», sagte er.

Weit gekommen ist er damit nicht. Das durchschaubare Manöver im Kampf um die Gunst des prorussischen, EU-skeptischen Wählerpotenzials wurde sogleich von Meloni eingefangen. Der Regierungschefin blieb auch gar nichts anderes übrig. Das feste Bekenntnis zur Ukraine bildet seit vier Jahren das Fundament ihres internationalen Standings und ihres Einflusses in Europa. «Meloni würde sich selbst diskreditieren, wenn sie die aussenpolitische Linie Salvinis akzeptieren würde», sagt Francesco Verderami, Leitartikler des «Corriere della Sera».

Doch der Stachel sitzt tief. Die grösste Bedrohung für Melonis Machterhalt lauert rechts – in Gestalt des ehemaligen Fallschirmjäger-Generals und Putin-Anhängers Roberto Vannacci, der mit seiner rechtsextremen Parteineugründung Futuro Nazionale den Koalitionsparteien in den Umfragen massiv Stimmen abjagt. Salvinis Versuch, sich durch die Verweigerung der Ukraine-Hilfen zu «vannaccisieren», offenbart die Nervosität im Regierungslager.

Dazu passt, dass Italiens Solidarität mit Kiew hinter den Kulissen bröckelt. Meloni ist merklich auf Distanz zu Selenski gegangen und meidet Treffen der Ukraine-Verbündeten. Die ohnehin spärlichen Hilfen werden noch rarer. Die Ukraine wartet seit langem auf die Fliegerabwehrsysteme «Aster 30». Melonis Devise lautet aber: aufschieben und wenig darüber reden. Das italienische Engagement ist de facto eingefroren. Seit Dezember 2025 habe Rom keine Militärhilfe mehr geschickt, berichtete die römische Tageszeitung «La Repubblica». Zudem liegt das dreizehnte Militärhilfepaket für Kiew seit Monaten auf Eis.

Meloni bleibt auf Salvini angewiesen

Der Druck auf die italienische Ministerpräsidentin wächst. «Meloni steht im Kreml ganz oben auf der Liste der europäischen Regierungschefs, die Putin schwächen will», sagt der Publizist Jacopo Iacoboni, ein ausgewiesener Experte der russischen Einflussnahme im Westen. Moskau setze dabei auf interne wie externe Kräfte: auf Salvini am Kabinettstisch und auf Vannacci vom ultrarechten Rand. Mit Blick auf das Wahljahr 2027 könnte Putins Zangenangriff für Meloni zur existenziellen Belastungsprobe werden.

Sie kann zudem sicher sein, dass Salvini seinen Selbstrettungsversuch mit weiteren Querschüssen fortsetzen wird. Vom Parteitag in Mailand ist er politisch schwer angeschlagen nach Rom zurückgekehrt – gejagt von internen Widersachern, die gegen seinen nationalistischen Kurs aufbegehren, und rechts überholt vom Ex-General Vannacci. Je schwächer Salvini wird, desto lauter und unberechenbarer wird er in der Koalition poltern müssen, um seine Relevanz zu unterstreichen.

Doch Meloni bleibt wohl nichts anderes übrig, als bei dem durchsichtigen Spiel mitzumachen. «Das läuft dann so: Ich lasse dir ein bisschen Spielraum, damit du nicht untergehst», meint der Politikwissenschafter Giovanni Orsina. Denn Meloni braucht Salvini, um das Regierungsbündnis zu sichern und die Parlamentswahlen – voraussichtlich im kommenden Frühjahr – zu gewinnen. Und um den Höhenflug Vannaccis zu bremsen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ulrike Sauer, Rom

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