Israels Araber wollen Benjamin Netanyahu stürzen, doch die Opposition zögert
Die arabischen Parteien erzielen mit 19 Sitzen ein Rekordergebnis. Ohne sie kann Gadi Eisenkot nicht regieren. Mit ihnen müsste er sein Wahlversprechen brechen.
28.10.2026, 16.57 Uhr
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Ist offen für eine Koalition: der arabische Politiker Yusef Jabarin (Zweiter von rechts).
Jamal Awad / EPA
Israel hat gewählt, und im Grunde bleiben dem Land nur zwei Möglichkeiten – Bibi oder Tibi. So jedenfalls brachte der arabisch-israelische Politiker Ahmad Tibi die Lage am Dienstagabend auf den Punkt. Gemeint war: Entweder bleibt Benjamin «Bibi» Netanyahu Ministerpräsident. Oder die jüdischen Oppositionsparteien geben ihre Weigerung auf, mit arabischen Parteien zusammenzuarbeiten. Etwa mit der Vereinigten Liste, der auch Tibis Taal-Partei angehört.
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An Angeboten mangelt es jedenfalls nicht. Mansur Abbas, Chef der islamisch geprägten Raam, bot sich noch am Wahlabend als Partner an. «Wir sind hier, nicht am Spielfeldrand», sagte er nach Schliessung der Wahllokale. Am Mittwoch legte Yusef Jabarin nach, Vorsitzender der Vereinigten Liste. Wer eine Alternative zu Netanyahu suche, müsse mit seiner Partei reden. Er sei bereit, einen Regierungswechsel zu ermöglichen.
Während weder das Regierungslager noch die Opposition mit dem Wahlergebnis zufrieden sein können, haben die arabischen Parteien allen Grund dazu. Nach Auszählung von gut 85 Prozent der Wahlzettel kommen die beiden arabischen Listen zusammen auf 19 der 120 Sitze im Parlament. Das wäre ein Rekord. Bisher lag die Bestmarke bei 15 Mandaten im Jahr 2020.
Und Eisenkot könnte ihre Unterstützung dringend gebrauchen. Sein Oppositionslager kommt bislang auf 48 Mandate, das von Netanyahu auf 53. Ohne zusätzliche Stimmen würde sich der amtierende Ministerpräsident also nicht ablösen lassen.
Opposition uneins über Zusammenarbeit
Wird Eisenkot ihre Hilfe also annehmen? Im Wahlkampf jedenfalls hatte der ehemalige Generalstabschef eine Koalition mit Raam noch ausgeschlossen. Eine Regierung komme für ihn nicht infrage, sagte er im September, solange die Partei grundlegende Prinzipien des israelischen Staates nicht anerkenne. Ähnlich äusserten sich Naftali Bennett und Yair Lapid. Avigdor Lieberman ging noch weiter: Er lehnt sogar eine Minderheitsregierung ab, die nur dank arabischer Stimmen im Amt bleibt. Allein der Sozialdemokrat Yair Golan fordert eine solche Zusammenarbeit ausdrücklich.
Eine Koalition mit den Arabern wäre für Eisenkot also ein Wortbruch. Denkbar bliebe allenfalls eine Minderheitsregierung, die sich von den arabischen Parteien tolerieren lässt. Nach dem jetzigen Stand reichte dafür aber nicht einmal eine Enthaltung der Vereinigten Liste. Sie müsste aktiv zustimmen. Stabil wäre eine solche Regierung nicht, billig auch nicht. Die Araber würden sich ihre Stimmen wohl teuer bezahlen lassen. So liess sich Raam schon 2021 den Regierungseintritt mit umgerechnet rund 8 Milliarden Franken für die arabischen Gemeinden vergüten.
Zudem ist das Misstrauen vieler jüdischer Israelis gegenüber den arabischen Parteien spätestens seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 riesig. Vorbehalte gibt es aber auch aus politischen Gründen. Die Vereinigte Liste von Yusef Jabareen vereint drei Parteien. Dazu gehören die sozialistisch geprägte jüdisch-arabische Hadash, Ahmad Tibis Taal und die palästinensisch-nationalistische Balad.
Sie stehen dem Zionismus ablehnend gegenüber, kritisieren die israelische Kriegsführung in Gaza und fordern einen palästinensischen Staat. Vor allem Balad stellt zudem den jüdischen Charakter Israels infrage.
Die islamisch-konservative Raam unter Mansur Abbas verfolgt dagegen mittlerweile einen pragmatischeren Kurs. Sie konzentriert sich stärker auf die Probleme der arabischen Bevölkerung und war 2021 sogar an der Regierung von Naftali Bennett beteiligt.
Extrem hohe Wahlbeteiligung
Ihre neue politische Bedeutung verdanken die Parteien einer extrem hohen Wahlbeteiligung. Im arabischen Nazareth etwa stimmten 72 Prozent der Bürger ab, bei den Wahlen zuvor waren es lediglich 48 Prozent. In Umm al-Fahm, einer Stadt im Norden des Landes, gingen diesmal sogar rund 76 Prozent der Bürger zur Wahl. Vier Jahre zuvor waren es noch 38 Prozent.
Ironischerweise hat die Regierung wohl selbst zur Mobilisierung beigetragen. Netanyahu holte mit Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich zwei Politiker in sein Kabinett, die Araber immer wieder als politische Bedrohung darstellen. Smotrich warb für die gezielte Ansiedlung von Juden in arabisch geprägten Regionen des Landes. Ben-Gvir liess als Sicherheitsminister Häuser in beduinischen Gemeinden abreissen.
Noch schwerer traf die arabische Gesellschaft der Anstieg der Gewaltkriminalität. In arabischen Städten werden seit Jahren viele Menschen ermordet, häufig durch organisierte Kriminalität. Nach Angaben der israelischen Polizei wurden 2025 insgesamt 241 Menschen aus der arabischen Bevölkerung ermordet. Zum Vergleich: In der jüdischen Bevölkerung waren es 47. Ben-Gvir, der auch für die Polizei zuständig ist, bekam die Lage nicht in den Griff. Oder wollte es nicht. Viele Araber werfen ihm vor, ihre Sicherheit sei ihm gleichgültig.
Aber auch Netanyahu selbst machte die arabische Wahlbeteiligung zum Wahlkampfthema. Schon vor dem Urnengang warnte er vor einer von arabischen Parteien abhängigen Regierung. Am Dienstag meldete er sich immer wieder mit Videos und Botschaften zu Wort. Die Araber strömten an die Urnen, behauptete er. Man wolle ihm die Wahl stehlen. Wer den jüdischen Staat bewahren wolle, müsse Likud wählen.
Seine Rechnung ging zumindest teilweise auf, der Likud blieb bei der Auszählung die stärkste Partei. Doch seinem bisherigen Regierungslager fehlt nach dem vorläufigen Ergebnis ebenfalls eine Mehrheit. Ausgerechnet die arabischen Parteien könnten nun entscheiden, ob Netanyahu im Amt bleibt. Seine Regierung hat ihre Anliegen vernachlässigt und sie zur Bedrohung erklärt. Bei dieser Wahl haben viele Araber darauf reagiert: mit ihrem Stimmzettel.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Johannes Bockenheimer
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