Interview

«Wir brauchen ein Projekt, das nach vorne blickt»: Der Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta fordert vom Bund 500 Millionen Franken für die nächste Landesausstellung

Nach der Expo 02 im Seeland soll 2034 die nächste Landesausstellung stattfinden. Der SP-Politiker Raphael Golta ist deren oberster Befürworter. Er sagt, die Schweiz leide momentan an einer Ängstlichkeit und einem No-Future-Denken.

08.11.2026, 08.02 Uhr

5 Leseminuten


Geht gerne unter die Leute: Der Zürcher SP-Stadtpräsident Raphael Golta plant einen Grossanlass gegen die Zukunftsangst.

Geht gerne unter die Leute: Der Zürcher SP-Stadtpräsident Raphael Golta plant einen Grossanlass gegen die Zukunftsangst.

Annick Ramp / NZZ

Frage: Seit Sie vor einem halben Jahr Stadtpräsident von Zürich wurden, hat man Sie am Oktoberfest in Lederhosen gesehen, an der Pride, am Caliente-Festival. Das hat Ihnen den Spitznamen Gaudi-Golta eingebracht. Sind Sie ein Partylöwe?

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Antwort: Nicht unbedingt. Ich habe als Stadtpräsident viele Aufgaben, die nichts mit Feiern zu tun haben. Aber klar, wir haben in Zürich viele Feste und ich bemühe mich, vor Ort zu sein, um mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen. Und ja, das gefällt mir auch.

Frage: Nun wollen Sie als Präsident des Vereins Nexpo einen Anlass von noch viel grösserer Dimension realisieren, nämlich eine neue Landesausstellung nach dem Vorbild der Expo im Jahr 2002. Im Konzept, das bald veröffentlicht wird, heisst es, die Ausstellung solle sechs Monate dauern und neun Millionen Gäste anlocken. Was wollen Sie dem Publikum bieten?

Antwort: In der Schweiz herrscht momentan eine gewisse Ängstlichkeit und eine Kurzsichtigkeit. Die Jungen leiden an einem No-Future-Denken. Mit der Nexpo können wir der Bevölkerung einen neuen Impuls geben. Es geht uns darum, einen Weitblick zu ermöglichen und den Zusammenhalt zu stärken. Die zentralen Zukunftsfragen der Schweiz wollen wir gemeinsam diskutieren. Nur wenn man in einen Dialog tritt, entsteht das Gefühl, gemeinsam etwas erreichen zu können.

Frage: Das klingt abstrakt. Was könnte man an der Nexpo konkret machen?

Antwort: Die Nexpo wäre die erste Landesausstellung, die dezentral an verschiedensten Orten der Schweiz stattfinden würde. Jeder kann quasi vor seiner Haustür mitmachen. Über die ganze Schweiz verteilt wird es sechzehn Routen in acht Regionen geben, eine Art Erlebniswege mit Aktivitäten, Ausstellungen, Begegnungsmöglichkeiten. In Zürich wird sich zum Beispiel alles um das Thema «Freiheit und Gemeinschaft» drehen, also um die Grenzen zwischen Individualität und Zusammenhalt.

Zur Person

Am 10. Mai 2026 wurde der SP-Politiker Raphael Golta zum neuen Zürcher Stadtpräsidenten gewählt. Zudem präsidiert er den Verein Nexpo, der eine neue Landesausstellung plant. Nexpo steht in Konkurrenz zum Verein Svizra 27, der die nächste Landesausstellung in der Nordwestschweiz austragen möchte.

Frage: Die Nexpo will die Menschen zusammenbringen, setzt aber auf ein dezentrales Konzept mit einem Dutzend Austragungsorten. Wie soll so ein Gemeinschaftsgefühl entstehen?

Antwort: Es wird an jedem Austragungsort zentrale Plätze geben, an denen die Leute zusammenkommen. Und man wird auf den Routen ja nicht allein unterwegs sein.

Frage: Aber kommt so Stimmung auf?

Antwort: Beim Zürifäscht führen wir derzeit eine ähnliche Diskussion. Da heisst es manchmal auch, wenn sich nicht eine Million Menschen um das Seebecken tummeln, entstehe kein Gemeinschaftsgefühl. Aber das ist Quatsch. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht durch Interaktion mit anderen Menschen. Und dies ist in einer kleineren Gruppe eher möglich als in der Masse. Bei der Nexpo wird es auch deswegen viele Orte geben, die etwas kleiner und feiner sind.

Der Verein Nexpo schlägt ein dezentrales Konzept vor.

Der Verein Nexpo schlägt ein dezentrales Konzept vor.

zvg

Frage: Sie rechnen für die Nexpo mit Kosten von 600 Millionen Franken. Diese Woche ist die Wirtschaftskommission des Ständerats einem Vorschlag des Bundesrats gefolgt, wonach sich der Bund mit maximal 30 Prozent an den Kosten beteiligen soll. Woher soll der Rest des Geldes kommen?

Antwort: Der Bundesbeitrag von 30 Prozent reicht nicht. Wir fordern, dass der Bund sich zu mindestens 50 Prozent beteiligt. Die Städte und Gemeinden haben – klassisch föderalistisch – die Vorarbeit geleistet. Und sie werden sich auch an den restlichen Kosten beteiligen, zusammen mit den Kantonen und Sponsoren. Aber zuerst muss der Bundesrat bereit sein, mitzumachen.

Frage: Der Bund sucht aber gerade händeringend nach Geld für die Armee und die AHV. Ist es da nicht verständlich, dass der Bundesrat nicht jeden Wunsch erfüllen will?

Antwort: Die 300 Millionen, die wir fordern, sind ein kleiner Betrag im Vergleich zu anderen Ausgabeposten. Sowohl bei der Armee als auch bei der AHV geht es im Kern um Sicherheit: Mehr Verteidigung, mehr soziale Absicherung. Das sind wichtige Pfeiler. Aber die Schweiz kann und soll sich mehr leisten. Wir brauchen ein Projekt, das nicht bloss der Absicherung dient, sondern nach vorne blickt.

Frage: Der Städteverband, dessen Vizepräsident Sie sind, hat diese Woche gefordert, dass der Bund seine Budgetprobleme mit einer Lockerung der Schuldenbremse lösen soll. Ist das nicht fahrlässig?

Der Städteverband will die Schuldenbremse nicht lockern, sondern die sogenannte Ergänzungsregel auf Gesetzesebene flexibilisieren: Diese verlangt, dass ausserordentliche Ausgaben – etwa in Krisen – innerhalb weniger Jahre über den ordentlichen Haushalt wieder abgebaut werden. Das erzeugt den hohen Spardruck, den wir momentan beim Bund erleben. Hier wollen wir deshalb mehr Spielraum. Denn wenn der Bund auf sinnvolle Investitionen verzichtet, werden die Lasten auf Kantone und Städte abgewälzt. Dagegen wehre ich mich. Die Städte gehen sorgfältig mit öffentlichen Finanzen um, uns ist aber wichtig, dass wir als Land nicht einfach aufhören, in die Zukunft zu investieren.

Frage: Die Expo 02 war ein finanzielles Fiasko. Der Bund zahlte fast eine Milliarde statt der geplanten 130 Millionen. Wie wollen Sie verhindern, dass die Kosten erneut eskalieren?

Antwort: Wir erwarten keine Defizitgarantie vom Bund. Und wir haben ein deutlich tieferes Budget als die Expo 02, weil wir keine grossen Pavillons planen.

Frage: Der Bundesrat scheint wenig Lust auf das Nexpo-Projekt zu haben und spricht von einer Durchführung ab frühestens 2040. Enttäuscht Sie das?

Antwort: Der Bundesrat hat uns vor ein paar Jahren gesagt, dass er das Projekt gut findet, und dass er sich mit einer gewissen Grosszügigkeit daran beteiligen will. Momentan steht er aber auf die Bremse, was ich sehr schade finde. Wenn das Parlament die Haltung des Bundesrats nicht korrigiert, ist das auch ein Eingeständnis, dass wir solche Projekte nicht mehr auf die Reihe kriegen.

Frage: Deutlich mehr Begeisterung zeigt der Bundesrat für die Olympischen Winterspiele, die 2038 in der Schweiz stattfinden sollen und für die der Bundesrat bereits Geld in Aussicht gestellt hat. Ärgert Sie das?

Antwort: Das ärgert uns überhaupt nicht. Wir wären 2034 bereit mit der Nexpo, das ginge also gut aneinander vorbei. Zudem haben die Anlässe einen komplett anderen Fokus. Das konkurrenziert sich also nicht. Auch als Stadt Zürich stehen wir als Austragungsort für Eishockey hinter dem Olympia-Projekt. Ich finde, der Bund sollte beide Projekte umsetzen.

Frage: Der Bundesrat aber scheint Olympia zu priorisieren. Geht es hier auch um einen Kampf zwischen Stadt und Land? Von der Winterolympiade würden vor allem Sportfans und die Berggebiete profitieren, von der Nexpo die kulturaffinen Städter.

Antwort: Die Nexpo ist nicht nur ein Projekt der Städte. Es machen auch viele kleinere Orte wie Pontresina, Lichtensteig oder Uster mit.

Frage: Ursprünglich kam die Idee aber von den Städten. Hat Ihnen der Mut gefehlt, ausschliesslich auf die Städte zu setzen und die Schweiz von ihrer urbanen und progressiven Seite zu zeigen?

Antwort: Ich habe das Projekt von meiner Vorgängerin Corine Mauch übernommen und kann nicht über den gesamten Prozess Auskunft geben. Aber ja, die Städte haben das Projekt angestossen. Mit der Zeit hat man gemerkt, dass dadurch ein politisch-kultureller Teil der Schweiz fehlen würde. Für eine Landesausstellung braucht es jedoch eine Breite und damit auch die Verbindung zum ländlicheren Raum.

Frage: Wenn Sie eine Rangliste machen müssten: Sechseläuten, 1. Mai, Landesausstellung. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf die Landesausstellung. Die anderen Anlässe finden jedes Jahr statt. Die Nexpo würde der Schweiz und Zürich einen neuen Kick geben.

Die Illustrationen des Vereins Nexpo deuten an, wie sich die Schweiz über die Zukunft unterhalten soll.

Die Illustrationen des Vereins Nexpo deuten an, wie sich die Schweiz über die Zukunft unterhalten soll.

zvg

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Gina Bachmann

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