Interview
Welche vier Fragen sich jeder stellen sollte, um psychisch stabil zu bleiben
Depression, Angsterkrankung, Demenz: Jede vierte Person bekommt im Laufe ihres Lebens eine mentale Erkrankung. Der Psychiater Peter Falkai kennt Strategien, um dagegen vorzubeugen.
29.10.2026, 08.18 Uhr
5 Leseminuten
Zuversichtlich und psychisch gesund bleiben – dafür kann man etwas tun.
Ramiro Pianarosa / Unsplash
Erst vor wenigen Wochen hat Peter Falkai die bedeutendste Auszeichnung im Bereich der Psychiatrie erhalten, den Jean-Delay-Preis. Sein Verdienst: Er hat unter anderem gezeigt, dass intensive Bewegung das Gehirn von Patienten mit Schizophrenie günstig beeinflusst. Falkai ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Nun wendet er sich mit einem neuen Buch an alle (noch) Gesunden. Er schreibt darüber, wie ein jeder psychischen Erkrankungen vorbeugen kann. Auch da spielt Bewegung eine wichtige Rolle – aber nicht nur.
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Frage: Herr Falkai, Sie forschen zu psychischen Erkrankungen und behandeln Betroffene. Was tun Sie, damit Ihre eigene Psyche gesund bleibt?
Antwort: Peter Falkai: Für die psychische Gesundheit sind vier Säulen besonders wichtig: Bewegung, soziale Kontakte, eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf. Ich achte ganz besonders auf die Bewegung. Jeden Samstag und jeden Sonntag laufe ich jeweils zehn Kilometer. Denn durch diese zusätzliche Bewegung kann man die Wahrscheinlichkeit von Angsterkrankungen und Depressionen reduzieren. Das ist gut belegt.
Prof. Peter Falkai.
PD
Frage: Sie sind Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und behandeln dort Patienten mit verschiedenen psychischen Erkrankungen. Reden Sie ihnen ins Gewissen, damit sie sich an die vier Säulen halten?
Antwort: Klar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Einer meiner älteren Patienten hatte chronische Depressionen. Seine Symptome besserten sich durch die Behandlung, aber nicht so stark wie erhofft. Er erzählte mir dann, dass er jeden Tag fünfzehn Minuten zum Kiosk gehe, um sich eine Zeitung zu kaufen. Dann fahre er mit der Tram zurück nach Hause. Ich habe ihn so lange bekniet, bis er den Weg zurück auch zu Fuss gegangen ist. Nachdem er das eine Weile getan hatte, ging es ihm viel besser. Ein anderes Beispiel: Ein 76 Jahre alter Patient sass mit Depressionen zu Hause herum. Seine Frau hat ihn zu mir geschickt und gesagt: «Mit dem Mann kann man ja nichts anfangen. Seit Monaten geht er nicht mehr mit mir ins Kino oder zu anderen Abendveranstaltungen. Der kommt nicht einmal mehr mit einkaufen.»
Frage: Was haben Sie getan?
Antwort: Ich habe ihn untersucht, und da hat er mir gesagt, er habe nicht die Kraft und auch nicht recht Lust. Medikamente wollte er nicht nehmen. Und da fragte ich ihn: «Wie wäre es denn mit ein bisschen mehr Bewegung?»
Frage: Und das hat er auch gleich beherzigt?
Antwort: Nein, er sagte mir: «Das ist aber eine blöde Idee, was soll ich denn da machen?» Da habe ich gesagt: «Wissen Sie, Sie brauchen einen Rahmen. Sie müssen zum Beispiel zweimal die Woche eine halbe Stunde aufs Laufband.» Er wollte nicht, aber ich habe ihn letztlich überredet. Heute ist der Mann über 90, geht zweimal die Woche ins Fitnessstudio und trinkt dort im Anschluss an den Sport einen Espresso, weil ich ihm gesagt habe, er soll sich etwas gönnen. Ich habe seine Frau einmal gefragt, ob sich etwas verändert habe.
Frage: Und?
Antwort: Ja. Er sei fitter, hat sie gesagt, er gehe auch einmal mit ihr ins Kino, er lache mehr, er rufe ab und zu einen Freund an. Die Bewegung hat ihn rundum aktiviert. Vor allem wenn die Leute im Ruhestand sind, brauchen sie einen Wochenplan. Darauf gehören zwei Termine pro Woche an Bewegung und mindestens einer für soziale Kontakte. Andere Patienten habe ich zum Kegeln geschickt, einen anderen zum Skatspielen, wieder andere zum Stammtisch und so weiter. Ich frage die Leute natürlich zuerst, was sie gern tun oder was sie früher gern getan haben.
Frage: Schaffen Sie es am Ende immer, die Leute zu ihrem Glück zu überreden?
Antwort: Es gibt einen Teil, der sagt: «Hör mal, lass mich in Ruhe mit dem Mist.» Aber die andere Hälfte sagt: «Ja gut, wenn das nicht so kompliziert ist, dann mache ich das so.»
Frage: Sie haben nun ein Buch veröffentlicht. Darin ermutigen Sie alle Menschen, die vier Säulen zu beherzigen. So könne man das Risiko senken, psychisch zu erkranken. Aber mal ehrlich: Dass man die Psyche durch Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte und eine ausgewogene Ernährung stärken kann – das ist doch nichts Neues.
Antwort: Ich bin der Ansicht, dass dieses Thema noch immer nicht ausreichend wahrgenommen wird. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass wir auf unsere Cholesterinwerte und den Blutdruck achten sollten, um unser Herz-Kreislauf-System gesund zu halten. Aber die psychische Gesundheit betrachten viele als gegeben und denken: Wenn ich mich zusammenreisse und einigermassen durchs Leben komme, passt das schon. Aber das Risiko ist hoch, psychisch zu erkranken.
Frage: Wie hoch?
Antwort: Jeder Vierte bekommt im Laufe seines Lebens eine Diagnose. Das kann eine Depression sein, eine Angsterkrankung oder auch eine Demenz. Wenn jemand seinem Gehirn keinen Input gibt, nur zu Hause herumsitzt und nichts für die psychische Gesundheit tut, dann sage ich immer: Man kann das so lassen. Aber dann kommt die Depression irgendwann um die Ecke, und Sie werden etwa zehn Jahre früher dement.
Frage: Welche Fragen kann man sich stellen, um herauszufinden, ob man auf einem guten Weg ist?
Antwort: Die erste Frage ist: Bewegen Sie sich zweimal pro Woche ausserhalb Ihrer normalen Tagesroutine? Die zweite lautet: Treffen Sie sich regelmässig mindestens zwei Stunden am Stück mit anderen Leuten? Die dritte: Essen Sie Obst oder Gemüse? Und dann: Fühlen Sie sich nach dem Schlafen ausgeruht? Wenn Sie nur eine dieser Fragen negativ beantworten, ist das okay, dann läuft es ja in den anderen Bereichen. Aber wenn es mehr sind, dann haben Sie etwas zu tun.
Frage: Darüber hinaus muss ich nichts tun?
Antwort: Natürlich kann man das Programm erweitern. Um zum Beispiel Suchterkrankungen zu vermeiden, ist es natürlich auch wichtig, Suchtmittel zu meiden. Aber die vier Säulen sind die Basis. Damit senken Sie Ihr Risiko. Das Ganze hilft aber nur, wenn Sie es wirklich langfristig durchziehen. Und leider gibt es keine Garantie, dass Ihnen eine psychische Erkrankung erspart bleibt.
Frage: Woran kann man erkennen, dass man sich nur in einer vorübergehenden Krise befindet oder doch schon eine psychische Krankheit begonnen hat?
Antwort: Wer sich mindestens vierzehn Tage lang über nichts freuen kann, vielleicht nicht einmal richtig traurig sein kann, keine Energie und Kraft mehr hat, sollte sich untersuchen lassen. Natürlich ist es normal, lange traurig zu sein, wenn man einen nahen Angehörigen verloren hat. Ich spreche hier von einer Phase, die keinen offensichtlichen Auslöser hat. Falls man eine psychische Erkrankung hat, sollte man früh mit der Behandlung beginnen.
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Frage: Warum?
Antwort: Wenn psychische Erkrankungen lange unbehandelt bleiben, dann verändert sich etwas im Gehirn. Ein Teil der Symptome, wir sprechen von Restsymptomen, geht dann nicht mehr komplett weg. Deshalb ist es mir auch so wichtig, dass psychische Krankheiten das Stigma verlieren, das ihnen immer noch anhaftet.
Frage: Was meinen Sie damit?
Antwort: Manche Leute sagen ja: «Ich geh doch nicht zum Irrenarzt.» Ich meine: Das müssen sie ja auch nicht. Sie können ja erst einmal zum Hausarzt gehen. Der schaut dann, ob es eine körperliche Ursache für die Beschwerden gibt, zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion oder einen schlecht eingestellten Diabetes. Wenn der nichts findet, ist das eine gute Nachricht. Und vielleicht hilft ja am Ende eben doch der unbeliebte Irrenarzt. Ich habe den Traum, dass es keine Rolle spielt, ob man Diabetes hat oder eine Depression. Beide Erkrankungen haben eine biologische Grundlage, beide Erkrankungen kann man gut diagnostizieren und behandeln.
Frage: Werden Sie die Verwirklichung dieses Traums noch erleben?
Antwort: Wahrscheinlich nicht.
Peter Falkai, Jeanne Rubner: Mental gesund bleiben. Kösel-Verlag, München 2026. 272 S., Fr. 37.90.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Eva Mell
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